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Silvester. Berlin. Hund…

Eine Kombination, die nicht funktioniert: Silvester. Berlin. Hund. Davon ausgenommen sind „schussfeste“ Hunde, die meines Wissens aber die Minderheit unter den Vierbeinern bilden. Wer einen Hund hält, der panische Angst vor Böllern, Kanonenschlägen und Feuerwerk hat, dem bleibt in der Regel nichts anderes als aus der Stadt zu fliehen.

bitte nicht böllern! © Sabine Münch

Manch einer soll den Jahreswechsel mit Hund auf der Autobahn verbringen. Was das Problem nicht löst, da sich das lautstarke und ökologisch nicht vertretbare Ritual in Berlin leider nicht auf die beiden Tage beschränkt, die der Gesetzgeber dafür einräumt. In der Metropole wird weit vor Silvester – heuer seit dem 15. Dezember – und lange nach dem 1. Januar geböllert, und zwar was das Zeug hält. Vorzugsweise werden sporadisch ohrenbetäubende, illegal erworbene „Polenböller“ in die Luft gejagt, die nicht nur ängstliche Hunde, auch schreckhafte Menschen schaudern lassen.

ich hab‘ Angst © GvP

Berliner Halter mit zitternden Hunden, die nicht fressen oder trinken mögen und keine Pfote nach draußen setzen wollen, bleibt nur die Alternative, sich für einen möglichst langen Zeitraum ein ruhiges Quartier außerhalb der Stadt zu suchen. Allerdings sind die Unterkünfte kostspielig und rar, meist lange im Voraus ausgebucht. Wer kein Glück hatte, versucht sich anders zu behelfen. Wir haben vor zwei Jahren es mit 3x täglich 0.5mg Alprazolam probiert. Erträglich war der Jahreswechsel deshalb aber nicht.

Geschätzt 133 Millionen Euros sollen in diesem Jahr allein in Deutschland zum Jahreswechsel verballert werden. Circa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr abgegebenen Feinstaubmenge werden dabei freigesetzt. Immerhin haben die Deutschen inzwischen ein Einsehen. Laut einer aktuellen Umfrage soll sich eine Mehrheit für ein Böllerverbot an Silvester aussprechen. Wäre da nicht die Politik gefordert? Gerade jetzt, wo die Klimawende in aller Munde ist? An das Verbot von Wattestäbchen, Plastiktüten oder Strohhalme hat man sich ja auch getraut!

Nichts für ungut. Wir sind dann mal weg. Guten Rutsch!

Silvester unter Alprazolam

Um Lotta-Filipa den Jahreswechsel etwas zu erleichtern, suchten wir am 28. Dezember die Tierarztpraxis unseres Vertrauens auf. Nach der obligatorischen Untersuchung und detaillierten Informationen entschied ich mich, Hundi ab dem 29. Dezember 3x täglich 0.5mg Alprazolam zu verabreichen, ein Mittel mit angstlösender Wirkung. Die Möglichkeit, Hundi am Silvesternachmittag zu sedieren, lehnte ich ab. Beruhigungsmittel wie das vorgeschlagene Sedalin stellen den Hund lediglich körperlich ruhig. Was dem Halter gelegen kommen mag. Wer, bitte schön, leidet nicht tierisch mit, wenn der Hund panische Angst hat? Sie reduzieren aber weder die Geräuschempfindlichkeit, noch die damit verknüpfte Angst. Der Hund ist panisch, kann sein Empfinden sediert aber nicht (mit-)teilen. Das kam für mich nicht in Frage.

Hundi entspannt © GvP

Kurz und knapp: Unter Alprazolam steckte Lotta-Filipa die Tage vor und nach Silvester besser weg als in den Jahren zuvor. Gassirunden um den Jahreswechsel waren möglich. Ließ sich ein Knall hören, beruhigte sie sich relativ rasch. Die Geschäfte wurden erledigt. Hundi saß nicht tagelang zitternd unterm Sofa, hat gefressen, sogar am Silvesterabend, als  in Steglitz ab 17 Uhr bis in die frühen Morgenstunden unablässig und ohrenbetäubend geböllert wurde. Obwohl ich ihr Rückzugsmöglichkeiten geschaffen hatte, blieb sie in der Silvesternacht an meiner Seite. Sie ließ sich sogar darauf ein, trotz Böller und Feuerwerk mit mir zu spielen. Nach draußen wagte sie am 31. nach 16 Uhr allerdings nicht mehr. Kaum standen wir vor der Haustüre reagierte Hundi panisch.

Alprazolam nimmt Angst, was die Konsequenz hat, dass der sich der Hund groß und stark fühlt. Er ist enthemmt. Bei Lotta-Filipa äußerte sich das dahingehend, dass sie mit jeder Dosis unzuverlässiger und unvorsichtiger wurde. Ansagen wurden ignoriert, beim Spielen und Toben in der Wohnung fielen Grenzen. Am 1. Januar hatte ich es mit einem  drehenden Derwisch zu tun, der zudem gefressig geworden war. – In Ruhe essen, wenn Euer Hund auf Alprazolam ist? Könnt Ihr vergessen. Da er meint, Herkules, Popeye (das ist der spinatverschlingende, muckibepackte Matrose aus dem Comic) und Muhamed Ali zugleich zu sein, fruchten Zurechtweisungen nicht. Der zeigt Euch doch glatt die Faust: Hey, Kleines, du kannst mir nichts!

Mein Fazit: Vorsicht ist geboten. Da der Hund keine, oder kaum Angst hat, fühlt er sich überlegen. Allemal in Situationen, die er unter normalen Umständen meiden würde. Im Dauerstress, wie in den vergangenen Jahren, war Lotta-Filipa zwischen dem 28. Dezember und 2. Januar heuer unter Alprazolam nicht. Gegen „Kanonenschläge“ und die Dauerbeschallung in der Silvesternacht half ihr das Mittel eher wenig. Die ultimative Lösung ist das Mittel sicher nicht. Aber: lieber Alprazolam. Statt einen Hund leiden sehen zu müssen, der ab dem Verkaufsstart der Feuerwerkskörper tagelang panisch ist. Nicht frisst, nicht schläft, nicht raus will.

Die schlimmste Zeit des Jahres

An einige Momente, bisweilen Stunden, mag ich mich nicht erinnern. Die rostige Haarnadel, die sich Hundi im Wald eingetreten hat. Der Flug im Frachtraum nach Spanien, den Lotta-Filipa allerdings sehr viel besser wegsteckte als ich. Der Hund, der sie vor einigen Tagen aggressiv anging. Von den Zeiten, zu denen sie malade war, gar nicht erst zu sprechen. Der Zahnwechsel, die Wasserrute oder das Virus, das blutiges Erbrechen zur Folge hatte.

So richtig nervenzehrend ist der Jahreswechsel in Berlin. Ab dem 28. Dezember, dem Verkaufsstart für Feuerwerkskörper, bis weit hinein ins neue Jahr, liegen in Steglitz die Nerven blank. Vor Böllern hat Lotta-Filipa panische Angst. Wie viele andere Hund auch. Sie verweigert das Fressen, zittert wie Espenlaub, verkriecht sich unterm Sofa, mag nicht vor die Türe, obschon es dringlich wäre. Vom 28. Dezember bis weit hinein ins neue Jahr kommen wir nicht zur Ruhe.

denkt nach, bevor Ihr böllert. Danke! © GvP

Berlin den Rücken kehren? Bringt auch nichts. Irgendeiner findet sich immer, der böllert. Vergangenes Jahr verbrachten wir den Jahreswechsel an der Ostsee.  Am 3. Januar, ein eisiger und zudem verregneter Tag, ein Knaller in der Ferne. Lotta-Filipa rennt in Panik weg.  Wir suchen den Strand und dann die Küste in Richtung Ferienwohnung ab. Als die Dämmerung aufzog, hatte ich die Hoffnung fast aufgegeben, Lotta-Filipa zu finden. Nach vier Stunden der erlösende Anruf: Suchen Sie Ihren Hund? Durchgefroren und durchnässt hatte sie sich unter einem Auto verkrochen. Just auf dem Parkplatz, auf dem wir mittags geparkt hatten. – Das mag ich nicht nochmals erleben …

Meine Bitte (in Hundis Namen): Wenn es überhaupt sein muss, dann beschränkt die Knallerei auf Mitternacht!

Knallfrösche, bengalisches Feuer oder Wunderkerzen tun es doch auch? Warum muss man den Jahreswechsel mit „Kanonenschlägen“ begehen? Wie mag das auf jene wirken, die aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns gekommen sind, um hier Frieden und Ruhe zu finden? Und auf jene, deren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg noch wach sind?

Überhaupt: Wie satt ist eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, Böller im Wert von rund 137 Millionen € in die Luft zu jagen? Von der Feinstaubbelastung mag ich gar nicht reden …