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Angst ist kein Ratgeber

Bisweilen mimt Hundi den Löwen. Freilich tut sie nur so, um die Mimose, den Angsthasen zu kaschieren, die tiefer in ihr stecken als der vermeintliche Löwe. – Hypochonder ist Hundi im Übrigen auch. Aber, das verschleiert Lotta-Filipa nicht. Das trägt sie herzzerreißend zur Schau. Freilich gehört das jetzt hier nicht her. Es geht um Hundis Ängste. Um irrationale Ängste.

Was denn das? Macht mir Angst! © Sabine Münch

Tut sich in ihrem Revier (und damit sind unser Kiez und unsere Wohnung gemeint) etwas Ungewöhnliches, gerät Lotta-Filipa aus dem Lot. Dass sie seit der Beißattacke fremde Hunde ankläfft, die ihr bedrohlich erscheinen, mag man ja noch verstehen. Anderes wohl eher nicht. Neulich beispielsweise. Nach unserer Rückkehr von einem Ausflug weigerte sie sich, das Auto zu verlassen. Es half kein Bitten und kein Flehen. Hundi verharrte drinnen mit starrem Blick auf irgendetwas. Unverkennbar etwas, das ihr große Angst machte. Und tatsächlich stand da auf dem Parkplatz vor unserem Haus etwas, wovon zwar keine Gefahr ausging. Aber etwas, was dort nichts verloren hat. Ein Einkaufswagen von Ikea.

Eine Plastiktüte, mit der der Wind spielt, Zeitungen, die herumliegen, Socken auf dem Fußboden im Badezimmer, ein neuer Bauzaun … Alles was Lotta-Filipa fremd deucht, wird erst argwöhnisch beäugt und dann kopfscheu angebellt: Das gehört hier nicht her! Unerwartetes, Unbekanntes  macht ihr Angst. Irrationale Ängste, die ich Hundi leider nicht nehmen kann. Geschweige denn kann ich ihr erklären, dass Angst kein guter Ratgeber ist.

Wie, bitte sehr, mag man einem Hund auch begreiflich machen, was die Zweibeiner aus den Augen verloren zu haben scheinen? Wenn es in der Politik gang und gäbe geworden ist,  irrationale Ängste zu schüren statt das anzupacken, was tatsächlich angst und bange machen sollte. Wenn die veröffentlichte Meinung auf diesen Zug aufspringt und das Ihre dazu tut, Menschen verunsichern.

Das versteht doch kein Hund!

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Nur spezielle Örtchen!

Dolcefarniente liegt Hundi gelegentlich, widerspricht aber ihrem Charakter. Dem entspricht Aktivität. Lotta-Filipa ist schnell bei der Sache, schnell von Begriff, von der schnellen Truppe und schnell auf den Beinen. Ganz so wie es sich für einen Rat Terrier gehört.

immer in Action © GvP

Gezüchtet wurde ihre Rasse in England um 1820. Zu dem Zweck, Ratten auf Farmen und Schiffen zu jagen. Ist der „Rattenvernichter“ (Rattler) in Best-Form soll er – in sage und schreibe  –  sechs Minuten  100 Nagetiere schaffen. Weshalb er bei Hundekämpfen ebenfalls zum Einsatz gekommen ist. Um das Gelände um die Arena herum zu säubern.

Dass Tempo und Action Lotta-Filipa in den Genen liegen, demonstriert sie mir seitdem wir zusammenleben. Action kann sie nicht genug kriegen. Nach einem 15 Kilometer langen Fußmarsch nicke ich auf dem Sofa ein. Hundi, die das Dreifache gerannt ist, schnappt sich ein Spielzeug: Los, faule Socke, mach schon!

„Atention Defectit and Hyperactivity Syndrom“ (AHDS), denke ich mir dann. Der Hund spinnt. Nun gut, räume ich ein, er leidet unter einem Gen-Defekt. 100 Ratten in sechs Minuten …

Zuwarten, abwarten, trödeln – nicht Lotta-Filipas Ding. Wäre da nicht ihre Suche nach dem speziellen stillen Örtchen, die meine Geduld alltäglich strapaziert.Überstrapaziert!

du kommst mit! © GvP

So es ums große Geschäft geht, ist Lotta-Filipa weder von der schnellen Truppe, noch schnell auf den Beinen. Nichts ist ihr recht, kein Örtchen passt. Dolcefarniente für den Hund, nicht aber für mich, da Hundi morgens an der Leine ist. Was heißt: ich  trotte während ihrer ausdauernden langanhaltenden Suche nach dem speziellen Örtchen im Park am Ende der Leine hinter ihr her. In Habacht-Stellung. Versteht sich. Falls es irgendwo doch passen könnte.

Hier nicht. Drei Schritte zurück. Wäre möglich. Schnupper. Schnupper. Geht doch nicht. Drehung nach links. Da vorne wäre es vielleicht möglich gewesen. Drei Schritte vor. Schnupper. Schnupper. Passt nicht. War am Eingang zum Park nicht eine Stelle, die mir gelegen vorkam? Liegt ziemlich weit hinten. Egal, was Gesine denkt. Sie geht zum Örtchen mit.

Und die Witzfigur – ich – trotte brav hinterher. Am hinteren Ende der Leine. Drei Schritte vorwärts, fünf zurück. Hundi dreht sich um die eigene Achse. Ich drehe mich mit. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

Hund müsste man sein. Bei mir!

Bisweilen beneide ich Hundi, diesen „verwöhnten Einzelköter“, wie Freundin Sabine bisweilen zu sagen pflegt, um ihr gutes, ihr bequemes Leben. Abgesehen davon, dass sie inzwischen meine Hausschuhe „wiederfindet“, die sie immer dann versteckt, wenn ich sie alleine in der Wohnung lasse, trägt Lotta-Filipa zur Bewältigung des Alltags nicht wirklich bei.

Sie chillt, wenn ich die Brötchen für unseren Lebensunterhalt verdiene. Hängt faul rum, wenn ich Ordnung in den Haushalt und ihre Spielsachen bringe. Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn ich mir die Haare raufe, weil ich meine, dem To-Do nicht Herrin werden zu können.

Ganz falsch liegt Sabine nicht. Lotta-Filipa ist ein verwöhnter Einzelköter. Ich ordne meine Bedürfnisse ihren unter. Kein Ausschlafen und ausgiebiges Frühstück mehr. Der Hund muss runter! Eiseskälte, Dauerregen? Was soll’s: Der Hund braucht Auslauf! Todmüde, bettreif? Der Hund muss nochmal runter!

Hundi © Sabine Münch

Während ich meine Malheurchen lieber aussitze, eile ich mit Lotta-Filipa wegen jeder noch so kleinen Lappalie zum Tierarzt. Sie kriegt das komplette Vorsorge-Programm. Ich beschränke mich auf das Notwendigste.

Mir steht  e i n  Bett zum Schlafen zur Verfügung. Hundi kann zwischen einem Kuschelkissen von Lilly & Lollo und zwei Körbchen aus den Luxus-Reihen von Dreambay und Hunter wählen. Alternativ stehen ihr selbstverständlich nach Belieben auch mein Bett, mein Sofa und mein Lesesessel zur Verfügung.

Lotta-Filipas Besuche beim Hundefrisör schlagen aufs Jahr gerechnet mehr zu Buche als meine Visiten bei den „Haarspezialisten“ Ecke Ku‘damm. Das eigens für Rat-Terrier entwickelte Shampoo für die regelmäßige Fellwäsche und -pflege in der heimischen Badewanne, das aus  den Vereinigten Staaten bezogen wird, nicht einmal eingerechnet. Vom feuchtigkeitsspenden Balsam für die Pfötchenpflege, Halsbändern, Leinen, Geschirren, Spielsachen und BARF-Nahrungsergänzungsmitteln gar nicht erst zu reden.

Wetten dass? Ausgewogener als meine ist Hundis Ernährung auch. Nach dem Aufstehen ein Viertelstücken Bio-Apfel, geschält selbstredend – man weiß ja nie. Nach dem Morgengassi Rindermix mit Gemüse. Der Snack am Nachmittag: ein knackfrisches Möhrchen aus biologischem Anbau. Abends alternativ Beinscheibe oder Rindermix mit Gemüse. Und zum Tagesabschluss? Na klar doch: ein Knochen für die Zahnprophylaxe.

verwöhnter Einzelköter © Sabine Münch

Ich bin Nahrungsbeschafferin, Putz- und Klofrau und – nicht zu vergessen: Balljunge. Ist der Ball erst einmal versenkt, werde ich kujoniert. So lange bis ich ins Gebüsch krieche, wo ich mir ohne zu Murren diverse Kratzer hole,  oder mich so lang wie möglich mache, damit ich irgendwie an Hundis Ball unterm Sofa komme.

Wetten dass? Aus Lotta-Filipas Sicht stellt sich das Alles ganz anders dar. Sie chillt nicht, wenn ich am Schreibtisch sitze, Ordnung in den Haushalt bringe oder in Stresssituationen versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dann hält sie Wache, damit ich ungestört arbeiten oder das To-Do irgendwie in Griff bringen kann.

Markennamen sind ihr ebenso schnuppe wie Pfötchenspray, Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine. Ausgewogen ernährt man sich mit Leckerlis! Und die Sache mit den Bällen? Gut gemeint! Schließlich trägt Hundi so dafür Sorge, dass ich beweglich bleibe.

Der Tierarzt macht ihr Angst. Prophylaxe gegen Zecken, Zahnstein, Staupe, Zwingerhusten, Tollwut etcpp. hält Hundi für überbewertet. Und das regelmäßige Trimmen beim Hundefrisör, um abgestorbenes Haar zu entfernen bevor es juckt? Überflüssig wie ein Kropf!

Ob Lotta-Filipa bei mir in Steglitz ein schönes Leben hat? Mit mir vielleicht. In einer Stadt, die es Haltern immer schwerer macht, Hunden ein schönes, ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, eher nicht.