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Hier und jetzt. Nicht: Vorher und nachher

Sechs Jahre und sechs Monate sowie zwei Tage ist Lotta-Filipa inzwischen. Ein Paar sind wir seit genau sechs Jahren, drei Monaten und zwei Tagen. Ich bin versucht zu sagen, ein schönes Paar! Was insofern sogar stimmt, weil Lotta-Filipas Glanz auf mich abfärbt.

so glücklich © GvP

Sind wir zusammen unterwegs, werden wir sehr freundlich gegrüßt. Gerne auch in ein Schwätzchen verwickelt. Bin ich alleine, kennt mich keiner. Gehen wir gemeinsam shoppen, werden wir sofort wahrgenommen und sehr zuvorkommend behandelt. Gehe ich alleine einkaufen, kümmert sich niemand um mich. Ich muss lange suchen bis sich ein Verkäufer meiner Anliegen erbarmt.

Lotta-Filipa hat mich geerdet, mir neue Sichtweisen und Blickwinkel beigebracht, meinen Alltag neu strukturiert. Ich bin ausgeglichener und habe mehr Spaß. Bewege mich mehr, bin viel an der frischen Luft, lebe gesünder. Nehme Tages- und Jahreszeiten intensiver wahr, kenne mich in der Pflanzen- und Tierwelt besser aus. Und so fort.

Hundi hat meine Sinne geschärft. Dass der Moment zählt, meine volle Aufmerksamkeit verdient. Dass ich mit meiner Art, Vorher, Nachher und mögliche Konsequenzen ständig mitzudenken, den Augenblick nicht richtig erlebe, nicht auskoste. Lotta-Filipa genießt den Moment. Beim Frühstück fragt sie etwa nicht, ob ihr Näpfchen abends ebenfalls voll ist. Sie freut sich über das, was jetzt im Napf ist. Und sei es auch nur wenig. Hundi freut sich ohne Wenn und Aber!

Angst ist kein Ratgeber

Bisweilen mimt Hundi den Löwen. Freilich tut sie nur so, um die Mimose, den Angsthasen zu kaschieren, die tiefer in ihr stecken als der vermeintliche Löwe. – Hypochonder ist Hundi im Übrigen auch. Aber, das verschleiert Lotta-Filipa nicht. Das trägt sie herzzerreißend zur Schau. Freilich gehört das jetzt hier nicht her. Es geht um Hundis Ängste. Um irrationale Ängste.

Was denn das? Macht mir Angst! © Sabine Münch

Tut sich in ihrem Revier (und damit sind unser Kiez und unsere Wohnung gemeint) etwas Ungewöhnliches, gerät Lotta-Filipa aus dem Lot. Dass sie seit der Beißattacke fremde Hunde ankläfft, die ihr bedrohlich erscheinen, mag man ja noch verstehen. Anderes wohl eher nicht. Neulich beispielsweise. Nach unserer Rückkehr von einem Ausflug weigerte sie sich, das Auto zu verlassen. Es half kein Bitten und kein Flehen. Hundi verharrte drinnen mit starrem Blick auf irgendetwas. Unverkennbar etwas, das ihr große Angst machte. Und tatsächlich stand da auf dem Parkplatz vor unserem Haus etwas, wovon zwar keine Gefahr ausging. Aber etwas, was dort nichts verloren hat. Ein Einkaufswagen von Ikea.

Eine Plastiktüte, mit der der Wind spielt, Zeitungen, die herumliegen, Socken auf dem Fußboden im Badezimmer, ein neuer Bauzaun … Alles was Lotta-Filipa fremd deucht, wird erst argwöhnisch beäugt und dann kopfscheu angebellt: Das gehört hier nicht her! Unerwartetes, Unbekanntes  macht ihr Angst. Irrationale Ängste, die ich Hundi leider nicht nehmen kann. Geschweige denn kann ich ihr erklären, dass Angst kein guter Ratgeber ist.

Wie, bitte sehr, mag man einem Hund auch begreiflich machen, was die Zweibeiner aus den Augen verloren zu haben scheinen? Wenn es in der Politik gang und gäbe geworden ist,  irrationale Ängste zu schüren statt das anzupacken, was tatsächlich angst und bange machen sollte. Wenn die veröffentlichte Meinung auf diesen Zug aufspringt und das Ihre dazu tut, Menschen verunsichern.

Das versteht doch kein Hund!

Nur spezielle Örtchen!

Dolcefarniente liegt Hundi gelegentlich, widerspricht aber ihrem Charakter. Dem entspricht Aktivität. Lotta-Filipa ist schnell bei der Sache, schnell von Begriff, von der schnellen Truppe und schnell auf den Beinen. Ganz so wie es sich für einen Rat Terrier gehört.

immer in Action © GvP

Gezüchtet wurde ihre Rasse in England um 1820. Zu dem Zweck, Ratten auf Farmen und Schiffen zu jagen. Ist der „Rattenvernichter“ (Rattler) in Best-Form soll er – in sage und schreibe  –  sechs Minuten  100 Nagetiere schaffen. Weshalb er bei Hundekämpfen ebenfalls zum Einsatz gekommen ist. Um das Gelände um die Arena herum zu säubern.

Dass Tempo und Action Lotta-Filipa in den Genen liegen, demonstriert sie mir seitdem wir zusammenleben. Action kann sie nicht genug kriegen. Nach einem 15 Kilometer langen Fußmarsch nicke ich auf dem Sofa ein. Hundi, die das Dreifache gerannt ist, schnappt sich ein Spielzeug: Los, faule Socke, mach schon!

„Atention Defectit and Hyperactivity Syndrom“ (AHDS), denke ich mir dann. Der Hund spinnt. Nun gut, räume ich ein, er leidet unter einem Gen-Defekt. 100 Ratten in sechs Minuten …

Zuwarten, abwarten, trödeln – nicht Lotta-Filipas Ding. Wäre da nicht ihre Suche nach dem speziellen stillen Örtchen, die meine Geduld alltäglich strapaziert.Überstrapaziert!

du kommst mit! © GvP

So es ums große Geschäft geht, ist Lotta-Filipa weder von der schnellen Truppe, noch schnell auf den Beinen. Nichts ist ihr recht, kein Örtchen passt. Dolcefarniente für den Hund, nicht aber für mich, da Hundi morgens an der Leine ist. Was heißt: ich  trotte während ihrer ausdauernden langanhaltenden Suche nach dem speziellen Örtchen im Park am Ende der Leine hinter ihr her. In Habacht-Stellung. Versteht sich. Falls es irgendwo doch passen könnte.

Hier nicht. Drei Schritte zurück. Wäre möglich. Schnupper. Schnupper. Geht doch nicht. Drehung nach links. Da vorne wäre es vielleicht möglich gewesen. Drei Schritte vor. Schnupper. Schnupper. Passt nicht. War am Eingang zum Park nicht eine Stelle, die mir gelegen vorkam? Liegt ziemlich weit hinten. Egal, was Gesine denkt. Sie geht zum Örtchen mit.

Und die Witzfigur – ich – trotte brav hinterher. Am hinteren Ende der Leine. Drei Schritte vorwärts, fünf zurück. Hundi dreht sich um die eigene Achse. Ich drehe mich mit. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…