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Silvester unter Alprazolam

Um Lotta-Filipa den Jahreswechsel etwas zu erleichtern, suchten wir am 28. Dezember die Tierarztpraxis unseres Vertrauens auf. Nach der obligatorischen Untersuchung und detaillierten Informationen entschied ich mich, Hundi ab dem 29. Dezember 3x täglich 0.5mg Alprazolam zu verabreichen, ein Mittel mit angstlösender Wirkung. Die Möglichkeit, Hundi am Silvesternachmittag zu sedieren, lehnte ich ab. Beruhigungsmittel wie das vorgeschlagene Sedalin stellen den Hund lediglich körperlich ruhig. Was dem Halter gelegen kommen mag. Wer, bitte schön, leidet nicht tierisch mit, wenn der Hund panische Angst hat? Sie reduzieren aber weder die Geräuschempfindlichkeit, noch die damit verknüpfte Angst. Der Hund ist panisch, kann sein Empfinden sediert aber nicht (mit-)teilen. Das kam für mich nicht in Frage.

Hundi entspannt © GvP

Kurz und knapp: Unter Alprazolam steckte Lotta-Filipa die Tage vor und nach Silvester besser weg als in den Jahren zuvor. Gassirunden um den Jahreswechsel waren möglich. Ließ sich ein Knall hören, beruhigte sie sich relativ rasch. Die Geschäfte wurden erledigt. Hundi saß nicht tagelang zitternd unterm Sofa, hat gefressen, sogar am Silvesterabend, als  in Steglitz ab 17 Uhr bis in die frühen Morgenstunden unablässig und ohrenbetäubend geböllert wurde. Obwohl ich ihr Rückzugsmöglichkeiten geschaffen hatte, blieb sie in der Silvesternacht an meiner Seite. Sie ließ sich sogar darauf ein, trotz Böller und Feuerwerk mit mir zu spielen. Nach draußen wagte sie am 31. nach 16 Uhr allerdings nicht mehr. Kaum standen wir vor der Haustüre reagierte Hundi panisch.

Alprazolam nimmt Angst, was die Konsequenz hat, dass der sich der Hund groß und stark fühlt. Er ist enthemmt. Bei Lotta-Filipa äußerte sich das dahingehend, dass sie mit jeder Dosis unzuverlässiger und unvorsichtiger wurde. Ansagen wurden ignoriert, beim Spielen und Toben in der Wohnung fielen Grenzen. Am 1. Januar hatte ich es mit einem  drehenden Derwisch zu tun, der zudem gefressig geworden war. – In Ruhe essen, wenn Euer Hund auf Alprazolam ist? Könnt Ihr vergessen. Da er meint, Herkules, Popeye (das ist der spinatverschlingende, muckibepackte Matrose aus dem Comic) und Muhamed Ali zugleich zu sein, fruchten Zurechtweisungen nicht. Der zeigt Euch doch glatt die Faust: Hey, Kleines, du kannst mir nichts!

Mein Fazit: Vorsicht ist geboten. Da der Hund keine, oder kaum Angst hat, fühlt er sich überlegen. Allemal in Situationen, die er unter normalen Umständen meiden würde. Im Dauerstress, wie in den vergangenen Jahren, war Lotta-Filipa zwischen dem 28. Dezember und 2. Januar heuer unter Alprazolam nicht. Gegen „Kanonenschläge“ und die Dauerbeschallung in der Silvesternacht half ihr das Mittel eher wenig. Die ultimative Lösung ist das Mittel sicher nicht. Aber: lieber Alprazolam. Statt einen Hund leiden sehen zu müssen, der ab dem Verkaufsstart der Feuerwerkskörper tagelang panisch ist. Nicht frisst, nicht schläft, nicht raus will.

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Die schlimmste Zeit des Jahres

An einige Momente, bisweilen Stunden, mag ich mich nicht erinnern. Die rostige Haarnadel, die sich Hundi im Wald eingetreten hat. Der Flug im Frachtraum nach Spanien, den Lotta-Filipa allerdings sehr viel besser wegsteckte als ich. Der Hund, der sie vor einigen Tagen aggressiv anging. Von den Zeiten, zu denen sie malade war, gar nicht erst zu sprechen. Der Zahnwechsel, die Wasserrute oder das Virus, das blutiges Erbrechen zur Folge hatte.

So richtig nervenzehrend ist der Jahreswechsel in Berlin. Ab dem 28. Dezember, dem Verkaufsstart für Feuerwerkskörper, bis weit hinein ins neue Jahr, liegen in Steglitz die Nerven blank. Vor Böllern hat Lotta-Filipa panische Angst. Wie viele andere Hund auch. Sie verweigert das Fressen, zittert wie Espenlaub, verkriecht sich unterm Sofa, mag nicht vor die Türe, obschon es dringlich wäre. Vom 28. Dezember bis weit hinein ins neue Jahr kommen wir nicht zur Ruhe.

denkt nach, bevor Ihr böllert. Danke! © GvP

Berlin den Rücken kehren? Bringt auch nichts. Irgendeiner findet sich immer, der böllert. Vergangenes Jahr verbrachten wir den Jahreswechsel an der Ostsee.  Am 3. Januar, ein eisiger und zudem verregneter Tag, ein Knaller in der Ferne. Lotta-Filipa rennt in Panik weg.  Wir suchen den Strand und dann die Küste in Richtung Ferienwohnung ab. Als die Dämmerung aufzog, hatte ich die Hoffnung fast aufgegeben, Lotta-Filipa zu finden. Nach vier Stunden der erlösende Anruf: Suchen Sie Ihren Hund? Durchgefroren und durchnässt hatte sie sich unter einem Auto verkrochen. Just auf dem Parkplatz, auf dem wir mittags geparkt hatten. – Das mag ich nicht nochmals erleben …

Meine Bitte (in Hundis Namen): Wenn es überhaupt sein muss, dann beschränkt die Knallerei auf Mitternacht!

Knallfrösche, bengalisches Feuer oder Wunderkerzen tun es doch auch? Warum muss man den Jahreswechsel mit „Kanonenschlägen“ begehen? Wie mag das auf jene wirken, die aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns gekommen sind, um hier Frieden und Ruhe zu finden? Und auf jene, deren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg noch wach sind?

Überhaupt: Wie satt ist eine Gesellschaft, die es sich leisten kann, Böller im Wert von rund 137 Millionen € in die Luft zu jagen? Von der Feinstaubbelastung mag ich gar nicht reden …

Das steckt man nicht weg!

Am Freitag wurden im Auslaufgebiet Grunewald zwei Hunde totgebissen. Im Blutrausch. Tags zuvor gegen 11 Uhr war an der Ecke Treitschke-/Lepsiusstraße ein Hund auf Lotta-Filipa losgegangen. Den Vorfall hat Hundi auf ihrer Facebook-Seite so beschrieben:

Lotta-Filipa verstört © GvP

Das war so schrecklich heute Morgen!! Wir biegen um die Ecke, ich an der Leine. Vorm Bäcker steht so ne Art Schäferhund-Mix. Mit Leine, die an ihm runterhing. Mir stockt der Atem. Gesine verlangsamt den Schritt. Offensichtlich war er ihr auch nicht geheuer. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da stürzte sich der Kerl auf mich. Ich schreie um mein Leben, Gesine schreit ihn an und versucht, ihn abzuwehren und mich vor seinen Bissen zu beschützen. Ich mache in die Hose und quicke wie irre. Aus der Bäckerei eilt nicht etwa der Halter des Hundes zu Hilfe. Sondern die Verkäuferin. Der Kerl lässt von mir ab. Ich quicke weiter und zittere wie Espenlaub, von der peinlichen Sauerei hinten nicht zu reden. Gesine zittert inzwischen auch. Ist mit den Nerven runter. Die Verkäuferin bringt Wasser und Servietten. Gesine und sie versuchen, mich auf Bisswunden zu untersuchen. Die Halterin, die ihren Kaffee in der Bäckerei inzwischen zu Ende getrunken hat, findet sich ein. Nimmt den Hund an die Leine, murmelt „Entschuldigung“ und zieht Leine. Die Verkäuferin bringt Leckerlis. Ich lasse mich oberflächlich abtasten. Gesine hat sich wieder etwas (etwas!) im Griff und befragt die Verkäuferin, ob sie die Halterin und den Hund kennt. Ja, der Hund mache verschiedentlich vor der Bäckerei Probleme, wenn die Halterin dort frühstücke. Gesine insistiert. Die Verkäuferin zuckt die Achseln. Recht hat sie. Nicht ihre Sache, dass die Halterin ihren angriffslustigen Hund während sie frühstückt vor der Bäckerei frei herumlaufen lässt.

Nachdem ich meine Nerven wieder im Griff und Hundi sich halbwegs vom Schock erholt hatte, stellten sich mir zwei Fragen. Warum uns lediglich die Verkäuferin zur Seite gestanden hatte, obwohl die Bäckerei zum Zeitpunkt der Attacke gut besucht gewesen ist, und ob ich den Vorfall zur Anzeige bringen sollte? Denn sind es nicht die unverantwortlich handelnden Halter, die andere Hunde und Halter unter Generalverdacht stellen? Und wo führt das hin? Zur generellen Leinenpflicht in Berlin. Letzteren Gedanken habe ich abends in zwei Berliner Hundegruppen auf Facebook geteilt. Abgesehen von einer Antwort, in der der Angriff auf Lotta-Filipa als Lappalie abgetan wurde, einigen Berichten über ähnlich gelagerte Erlebnisse und der Bemerkung, dass ich es nicht draufhätte, mit größeren Hunden umzugehen, war man sich in den beiden Gruppen einig: Anzeigen!

tu mir bitte nix! © GvP

Am Freitag suchte ich die Bäckerei auf. Obwohl die Verkäuferin, die uns zur Seite gestanden hatte, nicht anwesend war, konnte man sich dort gut an den Vorfall erinnern. Die Schreie seien unüberhörbar und die Attacke unter den Gästen auch Thema gewesen. Warum niemand anderes zu Hilfe gekommen sei? Achselzucken. Warum ausgerechnet die Verkäuferin? Weil sie eben Hunde lieben würde.

Immerhin konnte ich in der Bäckerei den Namen des Hundes in Erfahrung bringen. Meine Bitte, man möge bei der Halterin doch zukünftig dafür Sorge tragen, dass sie ihren Hund vor Betreten des Ladens draußen anbindet, wurde abermals mit einem Achselzucken quittiert. Abgesehen von einem unbefestigten, mickrigen Fahrrad-Werbestständer für eine Boulevardzeitung, den jeder größere Hund mühelos bewegen kann, sei dafür vor der Bäckerei keine Vorrichtung vorhanden. Ob man nicht Abhilfe schaffen könne? Abermals wurde mit den Achseln gezuckt. Das habe man dem Chef schon vorgeschlagen, freilich sei das aber Sache der Hausverwaltung.

Ich suchte das Gespräch mit dem Ordnungsamt, das von mir zunächst wissen wollte, ob es sich bei dem Angreifer um einen sogenannten Listenhund gehandelt habe. Auf mein Nein, folgte ein mitleidiger Blick, gerade so, als ob man dann nicht zuständig wäre. Danach entwickelte sich das Gespräch dennoch konstruktiv. Man informierte mich über die möglichen Amtswege  und riet mir davon ab, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Bliebe lediglich der Weg über das zuständige Veterinäramt. Ohne Name und Adresse der Halterin ginge da aber nix. Auf meine abschließende Frage, ob das rechtens sei, dass Geschäftsleute Hundehalter ausdrücklich darauf hinweisen, dass Hunde draußen zu bleiben hätten, ihnen dort aber keine Möglichkeit bieten, Hunde anzuleinen, folgte ein Achselzucken.

Hundi © GvP

Ich horchte mich im Kiez unter den Hundehaltern um. Namen und Adresse der Halterin kennt keiner, dafür wurde mir allerlei über den Hund zugetragen. Es habe bereits mehrere Anzeigen gegeben und die Auflage erteilt, dass die Hüdin an der Leine geführt werden müsse. Kolportiert wurde auch, dass es wegen ihr zu Handgreiflichkeiten zwischen der Halterin und einem anderen Hundehalter gekommen sei. Auf Facebook wurde mir derweil ein Vorschlag gemacht, den ich von mir gewiesen habe: Den Namen des Hundes in den Berliner Hundegruppen öffentlich zu machen, um der Halterin habhaft zu werden.

Noch hoffe ich darauf (rechne mir aber wenige Chancen aus), Namen und Adresse zu erfahren, und tröste mich damit, dass die Attacke glimpflich ausgegangen ist. Körperlich zumindest. Nicht aber für den Kopf und das Gemüt. Gestern dachte ich für ein kurzes Moment sogar, niemals wieder einen Hund halten zu wollen. Hilflos zusehen zu müssen, wie sich ein Hund in den eigenen verbeißt, die Todesangst des eigenen Hundes mitansehen zu müssen – das steckt man nicht weg. Das lähmt. In den entscheidenden Momenten, zu denen man – von Amteswegen  – die Kraft hätte aufbringen müssen, den Halter nach seinen Personalien zu fragen. Und lange, lange darüberhinaus.

Update am 20. Dezember 2017: Ich habe Name und Adresse erfahren und heute beim Veterinäramt Steglitz-Zehlendorf eine Beschwerde eingereicht.