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Ein kolossales Missverständnis

Viel ist darüber zu hören und zu lesen, dass Hunde uns problemlos verstehen. Jüngst wies eine wissenschaftliche Studie auch nach, dass Hunde Sprache ähnlich verarbeiten wie das menschliche Gehirn.

Ich meine ja, es handelt sich um ein Missverständnis. Um ein kolossales Missverständnis! Ist es nicht vielmehr so, dass sich der Haushund in seiner Jahrtausende langen Entwicklungsgeschichte die Fertigkeit angeeignet hat, uns abzurichten, seine Art richtig zu verstehen? Die Wünsche, Bedürfnisse, Stimmungen des „Canis lupus familiaris“ zwar nicht von dessen Lippen abzulesen? Wohl aber aus dessen Körperhaltung und dem Gebaren abzuleiten?

Ohren auf Durchzug © GvP
Ohren auf Durchzug © GvP
Schlagender Beweis für diese These, die allen Mythen über die gar wundersame Mensch-Hund-Beziehung widerspricht, die via verbaler Kommunikation funktionieren soll: Lotta-Filipa.

Ich kann noch so deutlich – gelegentlich sogar wehleidig – lamentieren, dass ihr Gezerre an der Leine meinem lädierten linken Knie wehtut. Ihr tausendfach expressis verbis erklären, warum ich nicht ihr Balljunge bin oder weshalb ein abgenagter Knochen weder ins Bad und schon gar nicht ins Schlafzimmer gehört. Lotta-Filipa versteht mich nicht!

Warum läuft unsere Beziehung trotzdem rund? Warum kommen wir dennoch so wunderbar miteinander aus? Weil Lotta-Filipa MIR beigebracht hat, sie zu verstehen.

Ein sehnsüchtig erwartender Blick: Ich lasse ein Leckerli springen… Ein Taps mit der Pfote auf meine Hand: Ich kraule Hundis Ohren… Ein wohl dosierter Schlag gegen das Buch, das ich lese, kombiniert mit einer auffordernden Spielhaltung: Ich krieche unters Sofa, um das Bällchen hervorzuholen… Ein heftig wedelnder Schwanz: Ich kicke das Bällchen…

Umgekehrt wird daraus übrigens ein Schuh. Ein Fingerzeig von mir. Lotta-Filipa versteht mich aufs Wort. – Nee! Eben nicht aufs Wort!

Ohne Worte! Deshalb läuft das mit der Hund-Mensch-Beziehung seit Jahrtausenden rund. – Der „Canis lupus familiaris“ hat uns gelehrt, Lippen zu lesen.

Erst das Fressen? Dann die Moral?

Sprichwörtlich geworden sind diese Zeilen aus der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Brechts klassenkämpferische Intention („Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden“) ging derweil verloren. Längst steht das Zitat, aus dem Kontext der Ballade „Wovon lebt der Mensch“ herausgerissen, für die „Ichlinge“.  Eben für jene, die sich in der „Ellenbogengesellschaft“ (nicht grundlos in Deutschland 1982 zum „Wort des Jahres“ gekürt) durchsetzen und keine Moral jenseits des Eigeninteresses kennen. „ Wir verabscheuen Nächstenliebe … wir scheißen auf die Moral. Willkommen in der Gemeinschaft und dem geilen Ego-Trip“, heißt es auf der aktuellen CD „Wutfänger“ der Gruppe „Silly“.

mit Anstand © Sabine Münch
mit Anstand © Sabine Münch

Dass andersherum ein Schuh daraus wird, hat Lotta-Filipa verinnerlicht. Wie Hunde generell, die sich seit Jahrtausenden darin üben, mit Menschen auskömmlich zusammenzuleben. Niemals käme Lotta-Filipa in den Sinn, die Moral hintenanzustellen. Ganz im Gegenteil. In keiner anderen Situation beweist sie so viel Anstand wie vor dem Fressen. Dann bedarf es keiner Geste oder Ansage meinerseits.

Bereite ich ihr Fressen zu, unterlässt Hundi ad hoc alle Faxen. Morgens verbleibt sie unaufgefordert im Sitz vor dem gefüllten Napf. Nicht etwa das Fressen, sondern mich fest im Visier. Solange bis sich das „Sesam öffne dich“ hören lässt, meine Worte: „Bitte sehr. Guten Appetit.“ Abends, wenn es im Wechsel Beinscheibe, Fleischknochen, Luftröhre oder andere Leckereien gibt, demonstriert Lotta-Filipa die ganz ganz hohe Schule des Anstandes.  Vor den Köstlichkeiten verharrt sie mit übereinandergeschlagenen Pfoten im Platz.  Bis sich „Sesam öffne dich“ hören lässt.

Das haben Hunde, denen Herrchen respektive Frauchen Futter geben, internalisiert: Vor dem Fressen kommt die Moral. Sie haben begriffen, zu fressen kriegt, wer Anstand groß schreibt. – Eine Lehre übrigens, die saturierten Menschen nicht schlecht zu Gesicht stünde. Allemal in Zeiten wie diesen, zu denen sich Grobschlächtigkeit, Respektlosigkeit und Unanständigkeit ausbreiten, sich Tabubrüche und verbale Entgleisungen mehren.

Die Genderfrage

Zu den verstörenden Erfahrungen, nachdem ich auf den Hund gekommen bin, gehört die Frage nach dem Geschlecht. Nie zuvor hatte ich mich je ernsthaft dafür interessiert, wessen Geschlechts wer ist. Ob Männlein oder Weibchen, mir egal. Abgesehen von gewissen anatomischen Besonderheiten mache ich keine Unterschiede.

Dass zwischen Männlein und Weibchen offensichtlich Welten liegen, ging mir erst auf, nachdem Klein-Lotta-Filipa in Steglitz eingezogen war. Anfangs tat ich – die mehr oder minder besorgten – Fragen nach Hundis Geschlechtszugehörigkeit, die uns beim Gassigehen permanent entgegenschalten, mit einem Achselzucken ab. Was, bitte sehr, spielt das denn für eine Rolle, ob ich einen Rüden oder ein Weibchen an der Leine spazieren führe? Allmählich erst dämmerte mir, dass die Genderfrage in der Welt, in der ich mich als frisch gebackene Hundehalterin nun bewegte, verdammt viel zur Sache tut.

ein Mädchen! © Sabine Münch
ein Mädchen! © Sabine Münch

Ich lernte dazu: Auf der sicheren Seite ist man, wenn man die Frage, „ist das ein Mädchen?“ bejahen kann. Immerhin bestätigt sich dann, dass der, der die Frage gestellt hat, einen Rüden an der Leine hat. Einen Rüden, der auf sein eigenes Geschlecht nicht gut zu sprechen ist. Der auf Krawall gebürstet ist.

Der Groschen fiel alsbald: Die despektierliche (politisch nicht korrekte) Frage „ist das ein Mädchen?“ hat deseskalierende, vorsorgende Funktion. – Nicht ganz schlecht, dachte ich mir …

Ich begann, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Genderfrage in der Hundehalter-Welt von Relevanz ist. Sie beugt potentiellen Zweikämpfen von Rivalen im Revier vor. Von da an kam mir die Antwort „ja – ein Mädchen“ problemlos über die Lippen.

Bis sich vorgestern ein Mann nach der obligatorischen Frage und meiner darauffolgenden Bejahung nicht entblödete, sich seinem Rüden zuzuwenden: „Schau, ein lecker Mädchen. Geh‘ mal ran!“

Jäh stellte sich mir die Genderfrage neu.