Erst das Fressen? Dann die Moral?

Sprichwörtlich geworden sind diese Zeilen aus der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Brechts klassenkämpferische Intention („Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden“) ging derweil verloren. Längst steht das Zitat, aus dem Kontext der Ballade „Wovon lebt der Mensch“ herausgerissen, für die „Ichlinge“.  Eben für jene, die sich in der „Ellenbogengesellschaft“ (nicht grundlos in Deutschland 1982 zum „Wort des Jahres“ gekürt) durchsetzen und keine Moral jenseits des Eigeninteresses kennen. „ Wir verabscheuen Nächstenliebe … wir scheißen auf die Moral. Willkommen in der Gemeinschaft und dem geilen Ego-Trip“, heißt es auf der aktuellen CD „Wutfänger“ der Gruppe „Silly“.

mit Anstand © Sabine Münch
mit Anstand © Sabine Münch

Dass andersherum ein Schuh daraus wird, hat Lotta-Filipa verinnerlicht. Wie Hunde generell, die sich seit Jahrtausenden darin üben, mit Menschen auskömmlich zusammenzuleben. Niemals käme Lotta-Filipa in den Sinn, die Moral hintenanzustellen. Ganz im Gegenteil. In keiner anderen Situation beweist sie so viel Anstand wie vor dem Fressen. Dann bedarf es keiner Geste oder Ansage meinerseits.

Bereite ich ihr Fressen zu, unterlässt Hundi ad hoc alle Faxen. Morgens verbleibt sie unaufgefordert im Sitz vor dem gefüllten Napf. Nicht etwa das Fressen, sondern mich fest im Visier. Solange bis sich das „Sesam öffne dich“ hören lässt, meine Worte: „Bitte sehr. Guten Appetit.“ Abends, wenn es im Wechsel Beinscheibe, Fleischknochen, Luftröhre oder andere Leckereien gibt, demonstriert Lotta-Filipa die ganz ganz hohe Schule des Anstandes.  Vor den Köstlichkeiten verharrt sie mit übereinandergeschlagenen Pfoten im Platz.  Bis sich „Sesam öffne dich“ hören lässt.

Das haben Hunde, denen Herrchen respektive Frauchen Futter geben, internalisiert: Vor dem Fressen kommt die Moral. Sie haben begriffen, zu fressen kriegt, wer Anstand groß schreibt. – Eine Lehre übrigens, die saturierten Menschen nicht schlecht zu Gesicht stünde. Allemal in Zeiten wie diesen, zu denen sich Grobschlächtigkeit, Respektlosigkeit und Unanständigkeit ausbreiten, sich Tabubrüche und verbale Entgleisungen mehren.

Die Genderfrage

Zu den verstörenden Erfahrungen, nachdem ich auf den Hund gekommen bin, gehört die Frage nach dem Geschlecht. Nie zuvor hatte ich mich je ernsthaft dafür interessiert, wessen Geschlechts wer ist. Ob Männlein oder Weibchen, mir egal. Abgesehen von gewissen anatomischen Besonderheiten mache ich keine Unterschiede.

Dass zwischen Männlein und Weibchen offensichtlich Welten liegen, ging mir erst auf, nachdem Klein-Lotta-Filipa in Steglitz eingezogen war. Anfangs tat ich – die mehr oder minder besorgten – Fragen nach Hundis Geschlechtszugehörigkeit, die uns beim Gassigehen permanent entgegenschalten, mit einem Achselzucken ab. Was, bitte sehr, spielt das denn für eine Rolle, ob ich einen Rüden oder ein Weibchen an der Leine spazieren führe? Allmählich erst dämmerte mir, dass die Genderfrage in der Welt, in der ich mich als frisch gebackene Hundehalterin nun bewegte, verdammt viel zur Sache tut.

ein Mädchen! © Sabine Münch
ein Mädchen! © Sabine Münch

Ich lernte dazu: Auf der sicheren Seite ist man, wenn man die Frage, „ist das ein Mädchen?“ bejahen kann. Immerhin bestätigt sich dann, dass der, der die Frage gestellt hat, einen Rüden an der Leine hat. Einen Rüden, der auf sein eigenes Geschlecht nicht gut zu sprechen ist. Der auf Krawall gebürstet ist.

Der Groschen fiel alsbald: Die despektierliche (politisch nicht korrekte) Frage „ist das ein Mädchen?“ hat deseskalierende, vorsorgende Funktion. – Nicht ganz schlecht, dachte ich mir …

Ich begann, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Genderfrage in der Hundehalter-Welt von Relevanz ist. Sie beugt potentiellen Zweikämpfen von Rivalen im Revier vor. Von da an kam mir die Antwort „ja – ein Mädchen“ problemlos über die Lippen.

Bis sich vorgestern ein Mann nach der obligatorischen Frage und meiner darauffolgenden Bejahung nicht entblödete, sich seinem Rüden zuzuwenden: „Schau, ein lecker Mädchen. Geh‘ mal ran!“

Jäh stellte sich mir die Genderfrage neu.

Herrchen, nachsitzen!

Seit geraumer Zeit treibt mich dieser Gedanke um: Privatlehrer! Man mag das gerne elitär nennen und dagegen halten: Warum sollte eine dreijährige Hündin, die die obligatorische Welpenschule, dann Grundkurs I und Grundkurs II und im Anschluss daran den Kurs „Speech less“ erfolgreich absolviert hat, einen Privatlehrer nötig haben?

die Ruhe weg © GvP
die Ruhe weg © GvP
Ehrlich gesagt habe ich mich das auch gefragt, ob mein Vorhaben eine nur überkandidelte Attitüde einer Helikopter-Hundehalterin sein könnte. Lotta-Filipa ist lieb, sozial überaus verträglich und völlig unauffällig. Sie kann „sitz“, „platz“, „bleib“, „warte“, „gehen“ und „langsam“ aus dem FF. Hundi jagt keinen Joggern und Fahrradfahrern nach, stürzt sich nicht Zähne fletschend auf kleine Kinder, macht nichts kaputt, verhält sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln brav, schnappt nicht nach Fingern und beißt nicht in Waden, auch in die vom Postboten nicht.

Kurzum: es gab überhaupt keine Veranlassung, Hundi etwas an- oder gar abtrainieren zu wollen. Dass mich der Gedanke trotzdem nicht losließ, einen Privatlehrer zu engagieren, hatte weniger mit Lotta-Filipa zu tun. Vielmehr plagte mich das schlechte Gewissen, dass das, was ich ihr biete, nicht hinreicht, um einen quirligen Rat-Terrier auszulasten. Schließlich leben wir in einer schrecklich hektischen und entsetzlich dreckigen Großstadt, die sich immer hunde-unfreundlicher gibt. Noch dazu sitze ich tagein tagaus stundenlang am Schreibtisch, habe keinen Garten und auch kein Auto, was ich in Berlin dringend bräuchte, um jene Gebiete ohne größere Umstände zu erreichen, in denen Hunde frei laufen können.

die Nase arbeitet © GvP
die Nase arbeitet © GvP
Die Hundetrainerin setzte mich auf den Topf. Mit meinen permanenten Bemühungen, das auszugleichen, was einem quirligen Rat-Terrier vermeintlich fehlt, habe ich Hundi komplett überfordert. Artgerecht ist das nämlich nicht, abends in der Wohnung zu kicken oder mittags im Park hinter Bällchen her zu wetzen.

Wir sind auf Entzug: nichts mehr, was rollt oder fliegt. Stattdessen steht konzentriertes Arbeiten mit den Sinnen an. Und das scheint Lotta-Filipa besser zu bekommen als unsere temporeichen Spiele. Bereits nach wenigen Tagen erscheint sie mir ausgelasteter und  ausgeglichener. Außerdem habe ich den Eindruck, dass sich ihre Leinenläufigkeit verbessert hat und ihre Bindung zu mir noch stärker geworden ist.

Privatlehrer? Das war eine super Idee von mir. Zwar strengten mich die 1 ½ Unterrichtsstunden mehr an als Lotta-Filipa, da mir Daniela gehörig die Leviten gelesen hat. Wer hört sich zum Beispiel gerne an, dass der Hund von einem denkt, man sei eine Witzbudenfigur? – Ob ich mir das wieder antue? Ganz bestimmt!