Die Phasen unserer Beziehung

Psychologen meinen zu wissen, dass Paare fünf Phasen durchlaufen bis ihre Beziehung stabil und für beide bereichernd ist. Eine Mehrheit schafft das nicht.

frisch verliebt: Schmetterlinge im Bauch © Sabine Münch
  1. Die Phase der Verliebtheit mit den Schmetterlingen im Bauch und einer rosaroten Brille auf.
  2. Rosa entfärbt sich, der Blick schärft sich. Hier geben viele Paare auf, häufig im vierten Jahr.
  3. Was sich liebt, das reibt sich aneinander; Grenzen werden abgesteckt und ausgetestet.
  4. Es wird Bilanz gezogen. In diesen Zeitraum fallen die meisten Trennungen; die Ehe-Statistik im 14. Jahr.
  5. Man hat Vertrauen und Sicherheit im anderen gefunden. Die Partner gehen durch dick und dünn. Kommt es zu Auseinandersetzungen wird nicht sofort über Trennung nachgedacht.

Auch Hundi und ich haben Phasen durchgemacht. Genaugenommen bisher drei, die durchaus jenen vergleichbar sind, die Psychologen ausgemacht haben. Ein Unterschied freilich ist eklatant: eine Trennung kam uns nie in den Sinn!

Die erste Phase war kurz, aber umso anstrengender. Wie bei den Menschen auch, bei denen die Glückshormone verrücktspielen. Mir unvergesslich, dass ich wenige Tage nach Lotta-Filipas Einzug im Juli 2013 in hysterisches Schluchzen ausbrach: „Das schaffe ich nie!“ Ausgesprochen heiße Sommertage in Berlin. Die Dachwohnung im vierten Stock überhitzt. Und Hundi mit knapp 13 Wochen nicht stubenrein.

rosarote Brille auf © Sabine Münch
Dass Welpen runter müssen, wenn sie in die Wohnung machen, das hatte ich internalisiert. Ebenso dass man Welpen möglichst häufig auf die Wiese bringt und dass man sie unter keinen Umständen Treppen rauf und runter selbst laufen lässt. Für mich hieß das: Bei über 30 Grad mit Klein-Lotta-Filipa auf dem Arm 100 Stufen runter und wieder rauf. Mindestens alle zwei Stunden. Und so das Malheur oben passiert war im Viertel-Stunden-Takt.

Kräftezehrend war das andauernde Treppengelaufe bei Hitze. „Das schaffe ich nie!“ An meinen Nerven zerrten damals zudem die Reaktionen all‘ jener, denen wir unten über den Weg liefen. An allen Ecken und Enden schallte es: „Oh, wie süß!“. Anfangs war ich stolz wie Bolle, das um  m e i n  Hundi so viel Aufhebens gemacht wurde. Dann aber begannen mich die verbalen Übergriffe samt den penetranten Nachfragen nach Hundis Alter, Geschlecht und Rasse zu nerven. Als unerfahrene Halterin, die ich damals war, tat ich die Genderfrage mit einem Achselzucken ab. Allmählich erst dämmerte mir, dass diese in der Hundehalter-Welt von Bedeutung ist. Sie ist vorsorglich gemeint, weil die Frage nach dem Geschlecht deeskalierende Funktion hat. Und was Hundis Rasse betraf, von der ich damals selbst noch keinen blassen Schimmer hatte, dafür hatte ich alsbald eine Notlüge parat: „Indischer Jagdhund.“ – „Nie gehört.“ – „Seltene Rasse. Eine spezielle Züchtung – in Indien. Flink wie ein Wiesel, mit ausgeprägtem Geruchssinn, klein genug, um einen Fuchsbau auszuräumen. Wird auf heilige Kühe angesetzt, die ausgebüchst sind.“ – „Echt? Toll! Wie kommt denn der nach Deutschland?“ – Achselzucken meinerseits.

nur mit Liebe © Sabine Münch
Wie gesagt, die erste Phase war verdammt anstrengend, dafür dauerte sie aber nicht allzu lange. Wie der Ausnahmezustand des Verliebtseins auch. Hundi hatte ein Erbarmen mit mir und wurde schnell stubenrein. Aus dem Welpen wurde ein Junghund, die verbalen Übergriffe („Oh wie süß“, „Wie alt ist die denn?“) ließen nach. Im Unterschied zu ersten zog sich die zweite Phase dann allerdings verdammt lange hin. Was vornehmlich mir anzulasten wäre, da ich in der Zeitspanne, in der Klein-Hundi erwachsen wurde, zu lax gewesen bin. Hundi streng anzupacken, um meinen Willen durchzusetzen, das wollte mir damals partout nicht in den Sinn. Unvergesslich die Aussage einer Hundetrainerin in dieser Phase: „Gesine nur mit Liebe erzieht man keinen Hund!“

strenge Hand? © Achim Westphal
Nicht mein Ding – eine strenge Hand. Außerdem konnte ich mich guten Gewissens damit herausreden, dass Lotta-Filipa dank meiner Erziehung perfekt geraten ist. Lieb, sozial überaus verträglich und völlig unauffällig. Sie jagt keinen Joggern und Fahrradfahrern nach, stürzt sich nicht Zähne fletschend auf kleine Kinder, macht nichts kaputt. Hundi verhält sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln brav, schnappt nicht nach Fingern und beißt nicht in Waden, auch in die vom Postboten nicht. Sie kann „sitz“, „platz“, „bleib“, „warte“, „gehen“ „langsam“, „hier“ und „bei mir“.

So sie Bock hat, konterte Freundin Sabine damals stets. „Rat-Terrier-Dickkopf halt“, hielt ich dann unbeirrt dagegen. „Das kriegt man nicht raus wie den Jagdtrieb auch. Rat-Terrier wurden gezüchtet, wie dir bekannt sein dürfte, um Ratten zu jagen.  Bestzeit: 100 Ratten in sechs Minuten. Dagegen kommt man nicht an. Auch kein Hundeflüsterer.“ Achselzucken bei meiner hunderfahrenen Freundin Sabine. Gegen meinen Starrsinn kam auch sie nicht an.

Helikopter-Mami © Sabine Münch
Peu á peu dämmerte dann auch mir, dass ein Dickkopf und eine Helikopter-Mami, die Hundi am liebsten auf Händen trägt, auf Dauer Probleme kriegen könnten. Dass einem temperamentvollen und willensstarken Charakter, der am liebsten sein Ding macht, nur mit Liebe schwer beizukommen ist. Eine erste (theoretische) Kehrtwende leitete eine Hundetrainerin ein, die mir vor einem dreiviertel Jahr auf den Kopf zusagte, dass ich Lotta-Filipa mit meinem laxen Führungsstil überfordern würde. Dass ein starker Charakter einen ebenbürtigen Partner braucht. Einen auf den Verlass ist, der die Marschrichtung vorgibt.

klare Ansage © Sabine Münch
Wer hört sich das gerne an, dass der eigene Hund von einem denkt, man sei eine Witzbudenfigur? Das saß. Jäh wurde mir bewusst: wer liebt, der überfordert nicht. Der fördert, indem er fordert. Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis brauchte ich wiederum einige Monate bis mir klare Ansagen über die Lippen kamen. Es kostete mich immens viel Überwindung bis aus meinen gesäuselten Empfehlungen („Lotta-Filipa würdest du hier jetzt bitte Stopp machen? Da kommt ein Auto“)  Kommandos wurden („Halt!“). Und als ich das endlich internalisiert hatte, benötigte Lotta-Filipa wiederum einige Zeit um zu begreifen, dass sich am anderen Ende der Leine keine Witzbudenfigur bewegt, sondern ein Ansager, der die Richtung vorgibt und das genauso meint, was er sagt.

Dreamteam © Sabine Münch
Von weitreichender Bedeutung sollte dann ein Erlebnis vor wenigen Wochen sein. Nämlich Lotta-Filipas Versuch, ein Baby-Eichhörnchen zu stellen, das aus dem Nest gefallen war. Ich befleißigte mich eines Tones, den ich bislang an mir nicht gekannt hatte. Hundi war wie vom Donner gerührt! Konsterniert: Upps, die Witzbudenfigur meint das ernst!

Seitdem funktioniert unsere Beziehung nahezu perfekt – ohne meine Stimme abermals erheben zu müssen wie beim Baby-Eichhörnchen. Nicht mein Ding. Ein Fingerzeig, ein verhaltenes Räuspern reichen. Offenbar sind die Fronten geklärt. Lotta-Filipa scheint begriffen zu haben, dass ich meine, was ich sage. Sie pariert. Nicht immer, aber immer öfter und besser. Terrier-Dickkopf halt …

Phase 3: Sicherheit und Vertrauen © Sabine Münch
Fast könnte man meinen, dass wir in jener Phase angekommen sind, die Paare  eher selten miteinander genießen können. Jene intensivste und beglückendste Phase einer Beziehung, die durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist.

Durch unmissverständliche Gesten und eindeutige Kommandos gebe ich Hundi Sicherheit. Das Vertrauen in- und zueinander ist gewachsen. Was auch heißt, dass ich Attitüden der Helikopter-Mami zunehmend sein lasse und Lotta-Filipa mehr Freiräume einräume. Ich traue ihr sehr viel mehr zu als in den ersten beiden Phasen unserer Beziehung. Trotz Terrier-Dickkopf und ausgeprägtem Jagdinstinkt. Was zählt sind Sicherheit und Vertrauen. Klappt wunderbar! – Ehrlich gesagt: alle Phasen mit Lotta-Filipa waren wunderbar. Die dritte aber – die ist mit Hundi die bisher beste .

Fahrräder auf Gehwegen? Ein Unding!

Gestern während der Abendrunde. Lotta-Filipa beschnüffelt am Gehwegrand frischen Löwenzahn, ich höre zwei Passanten zu, die sich über das Gebaren von Fahrradfahrern auf Bürgersteigen echauffieren. „Haben wir der Politik unserer neuen Regierung zu danken“, meint der Herr. Die Dame nickt bekräftigend.

tu‘ mir nichts! © GvP

Kurzzeitig bin ich amüsiert. Doch nur so lange bis der erste Radler auf Hundi und mich zurast und im Rücken anhaltendes Klingeln zu vernehmen ist, mit dem zwei Velofahrer unmissverständlich verlauten lassen, dass Fahrräder auf Bürgersteigen Vorfahrt haben.

Während ich Lotta-Filipa und mich auf dem schmalen Gehweg in Sicherheit bringe, denke ich mir, Recht hat der Herr! Seitdem Berliner Radler den rot-rot-grünen Senat hinter sich wissen, der ein Radgesetz mit dem Ziel vorsieht, die Fahrradinfrastruktur im Land zu verbessern, halten sie sich immer seltener an die Fahrrad-Verkehrsregeln. Die unter anderem besagen, dass Radfahren auf dem Gehweg verboten ist und bei Missachtung ein Bußgeld bis zu 30 Euro fällig wird. Und das Berliner Ordnungsamt, das mit Eifer Knöllchen an Halter verteilt deren Hunde in geschützten Grünanlagen ohne Leine laufen? Das schert sich nicht darum, wenn Radler dort radeln, wo sie per Gesetz nicht radeln dürfen. In geschützten Grünanlagen beispielsweise, die nicht ausdrücklich für Radler freigegeben sind…

in Deckung © GvP

Gegen eine nachhaltige Mobilitätspolitik, die Radwege auszubauen gedenkt, ist nichts einzuwenden. Leider scheinen aber die Berliner Velofahrer das Eckpunkte-Papier für ein Radgesetz, das der Senat im April 2017 beschlossen hat, für einen Freibrief zu halten. Dafür, dass sie neuerdings Vorfahrt haben. Und zwar nicht nur für den Fall, dass sie von rechts kommen, sondern immer und überall. Und auf Gehwegen sowieso.

Summa summarum (nicht auszumalen): Unter Rot-Rot-Grün ist die Gefahr für Hundi um ein Vielfaches gewachsen, auf dem Gehweg unters Rad zu kommen. Statt auf der Straße unter ein Auto. Ein Unding ist das.

Herrchen hat gelesen: „Die Schlucht der freien Hunde“ von Konstantin Sergienko

Auf meiner Suche nach Titeln für eine ‚erlesene‘ Hundebibliothek, sprich: nach Büchern quer durch alle Genres, in denen der Hund Protagonist ist, kamen mir des Öfteren Lobeshymnen über „Die Schlucht der freien Hunde“ des russischen Kinder- und Jugendbuchautoren Konstantin Sergienko unter. Stutzig hätte mich freilich machen sollen, dass die Loblieder nach ähnlichem Muster gestrickt und fast ausnahmslos auf Hundeblogs zu lesen sind.

Erschienen ist die „herzergreifende, ebenso lebensfrohe wie tieftraurige“ Erzählung über ein Rudel herrenloser Hunde, das in einer Schlucht am Rande einer gesichtslosen Trabantenstadt haust, 1979 in der ehemaligen UdSSR. Der schmale Band soll sich zu einem sowjetischen Bestseller entwickelt haben und der Stoff in zahlreichen Musicals, Theaterinszenierungen und Zeichentrickfilmen bearbeitet worden sein.

zwischen den Zeilen lesen © GvP
zwischen den Zeilen lesen © GvP

In der Übersetzung von Lars Nehrhoff wurde das Buch mit ansprechenden Zeichnungen von Michael Blechmann deutschsprachigen Lesern erstmals 2012 zugänglich gemacht. Es liegt beim Artem Verlag vor, den Konstantin Sergienkos Sohn Artem im selben Jahr gegründet hat, um das Werk seines 1996 in Moskau verstorbenen Vaters „endlich einem westeuropäischen und internationalen Publikum zugänglich zu machen“, wie es ambitioniert auf der Homepage heißt. – Erschienen sind aus dem scheinbar umfassenden und breit gefächerten Oeuvre Sergienkos im Kölner Kleinverlag neben „Die Schlucht der freien Hunde“ bisher „Kees der Tulpenadmiral“ (2013) und „Pappherz“ (2016), mit dem „einer der talentiertesten russischen Romanautoren des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts“ seinen größten internationalen Erfolg gefeiert haben soll.

Meine Neugier war geweckt. Ein Sohn, der seinem Vater zu westeuropäischem Ruhm verhelfen möchte? Ein sowjetischer Bestsellerautor und „fantastischer Geschichtenerzähler, der vor allem vom jungen Publikum leidenschaftlich geliebt wurde“, dem – endlich – internationales Renommee gebühren sollte? Ich machte mich auf die Spuren von Konstantin Sergienko. Doch abgesehen von den Verlagsangaben, die die Besprechungen wiederkäuen, wurde ich leider nicht fündig.

Ich griff zum Buch. Wer mag sich schon eine Perle der Welt-Literaturgeschichte entgehen lassen? Und schon gar nicht eine „mit doppeltem Boden“, die zudem durch „philosophische Tiefe und eine klare poetische Sprache“ den Leser bestechen soll? Mein Resümee nach der Lektüre: Ein guter Plot, aus dem mehr hätte werden können. Passabel angelegte Hundecharaktere – Stolzi, der Erzähler, Krümel, Smarty, Blacky, der Rudelführer, und Hinki nicht zu vergessen – allesamt Typen, aus denen Sergienko meines Erachtens mehr hätte machen können.  Ein Skizzenbuch, das sicherlich Stoff genug für einen Roman geboten hätte.

Vielleicht bin ich zu abgebrüht, zu saturiert oder einfach zu altklug, um an einer Geschichte, die sich für „junge und reife Leser“ gleichermaßen eignet, Gefallen zu finden? Und womöglich geht mir bei dieser kurzen Erzählung auch diese besondere Gabe ab, zwischen den Zeilen lesen zu können? Das heißt: die Geschichte „über die Freuden der Freiheit und des ungebundenen Lebens und den Traum, ein richtiges Zuhause zu finden, ohne sich unterwerfen zu müssen“ als Parabel auf die Verhältnisse in der Sowjetunion der 1970er Jahre zu verstehen? – Nur so lässt sich nämlich klären, warum das schmale Buch ein sowjetischer Bestseller gewesen ist.

Kurzum: Mich zog „Die Schlucht der freien Hunde“ eher wenig in Bann. Umso mehr das ambitionierte Vorhaben des Sohnes, das Werk seines Vaters posthum im Westen bekannt machen zu wollen.  –  Eine Frage unter anderen an Artem Sergienko bei SteglitzMind?

——–

Die Zitate geben ausnahmslos Angaben des Artem Verlages  wider – sowohl im Buch wie auf diversen Plattformen zum Buch.

Das Buch erstehen und mit dem Kauf für Straßenhunde spenden kann man hier