Archiv der Kategorie: Lotta-Filipas Tagebuch

Dogcontent. Lotta-Filipas Tagebuch: WG mit Hilde

14. Juli

Ich fass‘ es nicht. Mit Sack und Pack ist Klein-Hilde vor sechs Stunden bei uns eingezogen. Tante Sabine, ihr Frauchen, ist doll krank. Die fremdelt in Steglitz kein bißchen, die Hilde. Sitzt inzwischen wie King Käs auf MEINEM Platz neben Herrchen auf dem Sofa. Ich sitze unterm Sofa und knabbere die Reste von Hildes Beinscheibe … Von diesem Highlight abgesehen läuft es hier wie im Tollhaus. Na, das kann ja heiter werden. Ich vermute mal, morgen (spätestens morgen) zieht Herrchen aus.

15. Juli

Hilde mit MEINEM Bällchen © GvP
Hilde mit MEINEM Bällchen © GvP

30 Stunden WG mit Hilde und kein Licht am Ende des Tunnels … Tante Sabine ließ wissen, „das“ könne dauern. Herrchen und ich sind „very amused“. Kinderstube kennt die Hilde übrigens nicht; die führt sich in Steglitz so auf, als wäre sie hier zu Hause! Die okkupiert alles: MEIN Kissen, MEINEN Platz neben Herrchen auf dem Sofa, MEIN Körbchen in Herrchens Arbeitszimmer, sogar Herrchens Lesesessel, MEINEN Lieblingsplatz. Die gestrige Nacht hat sie sogar in MEINEM Körbchen in Herrchens Schlafzimmer verbracht. Frech, was!? Mir blieb nur der Teppich unter Herrchens Bett.

Davon abgesehen, dass sich Die-ohne-Kinderstube hier aufführt, als wäre Steglitz ihr Zuhause, haben wir auch eine Menge Spaß mit einander. Was Herrchen wiederum auf die Nerven geht: Wir tollen und raufen ohne Unterlass, im Übermut fällt hier dann auch schon mal was um oder runter. Herrchen wäre heute auch beinahe umgefallen, weil Hilde nach rechts, ich aber nach links wollte. Wieso nimmt Herrchen uns draußen auch an die Leine? Selber schuld, wenn sich unsere Leinen um Herrchens Beine wickeln. So blöd, mit Hilde und mir draußen angeleint zu spazieren, kann nur Gesine sein! Wenn das draußen so weiter geht, bricht sich Herrchen bestimmt noch was … Dann hätte sich zumindest das mit den Ungerechtigkeiten beim Fressen erledigt. Ich meine nämlich, dass in Hildes Napf mehr ist als in meinem. Hilde sieht das natürlich völlig anders. Die denkt, in meinem Napf ist mehr als in ihrem! Wir zicken dann und kämpfen verbissen um den Napf, in dem mehr drin ist. Herrchen beschwichtigt und macht in jeden Napf noch ein bisschen was rein. Da ich ein cleveres Kerlchen bin, habe ich mich mit Hilde besprochen: wir perfektionieren das mit dem Rumzicken beim Fressen 😉

16. Juli

54 Stunden WG mit Hilde und noch immer kein Licht am Ende des Tunnels. Tante Sabine geht’s zwar besser, ist aber längst noch nicht bei Kräften, um Hilde bei uns abzuholen. Und Kraft, verdammt viel Kraft, braucht, wer mit Hilde wohnt. Bei uns ins Steglitz sieht es inzwischen aus wie bei „Hempels unterm Sofa“. Auf dem Balkon Chaos, da Hilde mit schlechtem Beispiel vorangegangen ist: Blumen ausbuddeln. Macht echt viel Spaß! in der Küche stehen Pfützen, da Hilde andauernd zum Wassernapf tappt, aber keine Tischmanieren hat. Herrchen hat resigniert: Hilde macht uns Beide fertig …

17. Juli

im Clinch © GvP
im Clinch © GvP

78 Stunden WG mit Hilde und, verdammt, noch immer kein Licht am Ende des Tunnels. Tante Sabine ließ kurz verlauten, dass ihre Blutwerte weiterhin zu wünschen ließen. Ich krieg die Krise: abermals 78 Stunden mit Hilde unter einem Dach – und ich laufe Amok! Hilde tut im Übrigen weiterhin so, als wäre MEIN Zuhause ihres und MEIN Herrchen auch. Mir scheint, das kommt nicht von ungefähr. Da steckt eine Strategie dahinter: Hilde fühlt sich in Steglitz wohl. Wohler als in Wilmersdorf? Deshalb kratzt die sich bei Herrchen ein. Und wie! Heute Morgen beim Aufwachen traute ich meinen Augen nicht. Wo lag Die-ohne-Kinderstube? Bei Herrchen im Bett. Und nicht etwa da, wo ich mich in Gesines Bett gelegentlich hin traue. Nee, nicht am Fußende!

Es ist unerträglich! Hilde folgt Herrchen auf Schritt und Tritt. Auch beim Gassigehen. Das, was ich mit Mühe ab und zu hinkriege, macht die Hilde mit links. An der Leine läuft die wie ne Eins! Und zwar bei Fuß! Den „Knaller“ in Sachen Einschmeicheln bei Herrchen brachte Hilde gestern Abend. Um 23 Uhr: Feuerwerk mit Karacho im Botanischen Garten, sozusagen direkt auf unserer Terrasse. Ich saß schlotternd unterm Sofa. Hilde? Mit Gesine auf der Terrasse. Die hatten Spaß, ich hatte Angst …

Abermals 78 Stunden mit Hilde in ner WG und ich bin reif für die Insel. Wobei, einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es! So ganz mit den Gepflogenheiten in Steglitz ist die Hilde eben doch nicht vertraut. Sie wollte raus auf die Terrasse – mit Tempo. Die Terrassentüre war zu. Peng! Herrchen hat sich furchtbar erschrocken, ich habe gefeixt. – Tante Sabine wird sicher ganz bald wieder gesund …

18. Juli

102 Stunden WG mit Hilde (für die, die beim Kopfrechnen schwächeln: 102 Stunden = 4 ½ Tage). Ein Licht am Ende des Tunnels: Tante Sabine hat einen 3mRgn – was immer das auch ist. Lustig scheint das jedenfalls nicht zu sein, weil sich ob der Diagnose (immerhin: es gibt eine) die Therapie im Krankenhaus hinziehen kann. Sprich: die 102 Stunden mit Hilde könnten sich sogar verdoppeln … Auch verdreifachen. Ich könnte das ausrechnen, wie viele Tage das dann sind. Will ich aber nicht ausrechnen, geschweige denn mir ausmalen: zwei Wochen WG mit Hilde. Never! Ever!! Ich krieg‘ die Krise!

19. Juli

126 Stunden WG mit Hilde und – endlich Licht am Ende des Tunnels! Tante Sabine kommt am Donnerstag raus. Dann bin ich Hilde gottlob wieder los. Und absehbar kriegt die hier auch kein Asyl mehr! Dreist, was sich Die-ohne-Kinderstube in Steglitz so alles raus nimmt. Und gleichzeitig kratzt die sich bei Herrchen ein, dass es zum Himmel schreit. Heute beispielsweise musste Gesine zum Finanzamt, irgendso ein Formular beantragen in Sachen Nachlass von Opi. Herrchen war geschlagene zwei Stunden weg. Ich hatte ja darauf gehofft, dass Gesine ewig weg bleibt (Behördengang) und mich gefreut. Sturmfreie Bude! Die Rechnung hatte ich freilich nicht mit Hilde gemacht, die sich nicht von der Wohnungstüre wegbewegen ließ. Da konnte ich noch so viele Faxen machen. Hilde wartete stoisch auf Gesines Rückkehr. An der Wohnungstür! So bekloppt kann nur ein Speichellecker sein.

Hilde kratzt sich ein © GvP
Hilde kratzt sich ein © GvP

Apropos Speichel. Nach geschlagenen 5 1/2 Tagen mit Hilde in ner WG, genau genommen Asyl, hab ich das nun auch spitz gekriegt: in Hildes Napf ist tatsächlich sehr viel mehr drin als in meinem. Leuchtet mir sogar ein, Hilde ist noch im Wachstum, mit acht Monaten braucht man eben mehr. Freilich schnallt das Hilde nicht, dass sie sehr viel mehr zu fressen kriegt als ich. Während ich manierlich esse, schlingt Die-ohne-Kinderstube in Sekundenschnelle alles runter. Wer schlingt, hat schneller alle! – Das erklär‘, wer mag, der Hilde. Das begreift die nicht! Anderes allerdings schnell. Verdammt schnell. Zu meinem Leidwesen etwa, dass Bällchen geil sind. Und zwar so was von! Vor ihrem Asyl in Steglitz wusste die Hilde mit Bällchen nichts anzufangen. Wie auch? Die kommt ja bekanntlich aus nem Zwinger in Rumänien. Vermute stark, da wird nicht mit Bällchen gespielt. Wird da überhaupt gespielt?

Wie auch immer, das tut jetzt nichts zur Sache. Obschon, so ein Schicksal wie das von der Hilde kann mein Hundeherz erweichen. Die hatte keine glückliche Kindheit, Straßenhund in Rumänien, den Fängern ausgesetzt, den Tod immer im Nacken. Nee, da lernt man auf der Straße kämpfen, um irgendwie zu überleben, aber nicht mit Bällchen spielen … Da lernt man auch, Fressen zu schlingen. Auf einen Menschen stoisch zu warten, der eine nette Geste für einen übrig hatte … Ohjemine, ich werde sentimental. Kurzum, ich mache drei Kreuze, wenn die Hilde wieder weg ist. Dass sie mir heute im Erlenbusch mein Bällchen abgenommen hat, das vergesse ich nie. – Geil, die Hilde hat in Steglitz gelernt, zu spielen! Ich wette, dass mit dem Schlingen legt sich auch noch. Und mit dem stoischen Warten an der Wohnungstüre auf Herrchen sowieso.

21. Juli

ich krieg' die Krise © GvP
ich krieg‘ die Krise © GvP

Ein bisschen komisch ist das schon, dass Hilde nicht mehr bei uns wohnt. Wir haben sie heute um 16.00h nach Wilmersdorf überführt. Mit der U-Bahn, wie auch sonst? Mein doofes Herrchen hat ja kein Auto. Die Hilde, die von Tante Sabine überallhin mit dem Auto kutschiert wird, hat sich so was von angestellt in der U-Bahn. In Steglitz hat sie eine Woche lang den starken Maxen markiert und in der U9 – Memme! Lächerlich! Ein Hund, der Angst in der U-Bahn hat. Dabei waren es doch nur drei Stationen. Wie auch immer, nicht mein Problem, dass die Hilde für öffentliche Verkehrsmittel nicht taugt. Meinetwegen soll sie weiterhin Auto fahren. Fehlt nur noch ne Sänfte fürs Gassigehen …

So ganz lebenstauglich ist die jedenfalls nicht. Kein Wunder bei dieser Herkunft. Unmittelbar nach der Übergabe ist Herrchen übrigens mit mir schnurstracks zum Tierarzt. Ich dachte mir noch, super fürsorglich von Gesine. Wer weiß, was ich mir von Hilde alles eingefangen habe – man weiß ja nie, schließlich kommt die ja aus Osteuropa. Nicht, dass ich Vorurteile hätte, aber: man hört ja so manches … Fällig waren allerdings lediglich meine alljährlichen Spritzen. Überfällig, weil Die-ohne-Kinderstube hier in den vergangenen sieben Tagen alles durcheinander gebracht hat. Jetzt herrscht wieder Ordnung! Davon kann man halten, was man will … Und ich? Ich hänge „in den Seilen“, bin doch etwas gedepriet. Ihr wisst, was ich meine? Wohl gemerkt wegen der Spritzen. Nicht etwa, weil mir Hilde fehlt.

Dogcontent. Lotta-Filipas Tagebuch. Februar/KW 6+7

Mittwoch, 17. Februar

BTW: wären die nationalen Grenzen nach meiner Geburt dicht gewesen, hätte ich nicht überlebt. Meine Rettung war, dass ich aus einer (vermutlich) osteuropäischen Welpen-Zuchtfabrik ohne jegliche Probleme nach Deutschland verfrachtet, dort ausgesetzt wurde und sterbenskrank im Berliner Tierheim landete.

Wühltischwelpe © Sabine Münch
Wühltischwelpe © Sabine Münch

Von meinem Schicksal abgesehen, weitaus schlimmer ist sicherlich das: Ohne das Schengener Abkommen wäre Herrchen nicht auf den Hund, sprich: auf mich gekommen. Ich hoffe, die Politik besinnt sich. Wer nationale Grenzen dicht macht, sorgt für noch mehr Leid!

Freitag, 19. Februar

Das wird hier immer doller und Herrchen kriegt nichts mit! Ich belle den ganzen Abend aus vollen Kräften draußen etwas Helles an. Zunehmend genervter versucht Gesine, mich zu beruhigen: der Kran gegenüber hat kein Flutlicht an. Ich belle trotzdem ein Licht an, das weder vom Mond, noch vom Kran kommt. Es vergehen Stunden, bis sich Herrchen endlich ein Herz fasst, mit mir draußen zu inspizieren, was mich so in Rage und Gesine um die Ruhe bringt.

Draußen: taghell, obwohl das Flutlicht am Kran nicht an ist. Gesine irritiert, ich siegesgewiss:  schließlich belle ich nächtens ja nicht grundlos aus Leibeskräften! Herrchen macht sich auf zum Hellen – mit mir an ihrer Seite traut sich Gesine nämlich was. Sie stellt die, die die Nacht zum Tag machen, zur Rede. Mit mir als Vorwand, versteht sich: „Was erlauben Sie sich hier. Mein Hund findet keine Ruhe!“

Betroffenes Schweigen, beschwichtigende Gesten, eine Hand gerät sogar in Versuchung, mich streicheln zu wollen. Ich schaue grimmig, Gesine entschlossen. „Was machen Sie hier? Mein Hund kommt nicht zur Ruhe!“ Nach der Erklärung, warum es vor unserer Haustüre taghell ist, setze ich mich in Pose. Herrchen meidet – aus einleuchtenden Beweggründen – prompt das Rampenlicht. Wie geil ist das denn? Direkt vor unserer Haustüre wird mit ganz viel Aufwand ein Film gedreht. Bestenfalls ein Tatort! Und ich war dabei!

Samstag, 20. Februar

Wuthund © GvP
Wuthund © GvP

Ich echauffiere mich selten, klar regt es mich auf, wenn ich nicht hinter dem Kaninchen her darf, das Leckere nicht fressen soll, das ich im Gebüsch entdeckt habe, wenn Herrchen am Schreibtisch wichtig tut und keine Zeit für mich hat oder wenn der bornierte Dackel-Nachbar namens Basti (nomen est omen) es nicht für nötig befindet, mich so zu begrüßen, wie es sich für anständige Hunde nun einmal gehört. – Wobei, so toll riecht der hinten nun auch wieder nicht.

Kurzum, ich komme gut klar mit meinem Leben. Ich interessiere mich für das, was wirklich wichtig ist (Spielen, Fressen, Rennen, Schnüffeln, Freunde, Fressen, Schmusen, Markknochen, Bälle, Fressen) und echauffiere mich nicht. Und schon gar nicht über solche Sachen, die Herrchens Blutdruck hoch treiben … und zwar immer öfter. Nee, da halte ich mich lieber raus. Heute allerdings war ich ganz bei Herrchen: dem Mob muss man anderes entgegensetzen als einen Stinkefinger!

Dogcontent. Lotta-Filipas Tagebuch. Februar

Seit geraumer Zeit gibt es eine Fanseite. – Ehre, wem Ehre gebührt. Frei Schnauze schreibt Lotta-Filipa bei Facebook das spontan nieder, was sie bewegt und erlebt. Ich haderte lange damit, Hundi das Wort zu geben. Mit den zahllosen Katzen, Hamstern, Hunden, Kaninchen oder Schmeißfliegen, die im Netz vortäuschen, authentisch zu sein, mochte ich nicht wetteifern. Fakes sind nicht mein Ding und außerdem schien es mir vermessen, Hundis Perspektive einzunehmen. Es kam anders. Zudem macht es einen Heidenspaß, Lotta-Filipas Sichtweise zu erfinden. – Ihrem Tagebuch kann man bei Facebook folgen. Auszüge daraus gibt es gelegentlich auch hier:

Dienstag, 2. Februar

Heute hat Herrchen den Kranführer angesprochen, der direkt gegenüber seinen Job macht. Nicht unfreundlich, aber bestimmt: Weil ich sein Tun vom 5. Stock genau beobachte und mich immer mächtig darüber aufrege, wenn er etwas durch die Luft bugsiert. Und da ich nicht einschätzen kann, ob von dem, was vor unserem Zuhause schwebt, Gefahr ausgeht, kläffe ich es prophylaktisch an. Aus Leibeskräften! Gestern Nacht war ich zudem außer Rand und Band. Bei uns war es taghell: Der Kranführer hatte das Flutlicht am Kran angelassen und mich aus meinem Tag-Nacht-Rhythmus und damit Herrchen um den Schlaf gebracht.

Übrigens, der Kranführer war ebenfalls sehr freundlich und bestimmt. Immerhin hat er Gesine versprochen, zukünftig darauf zu achten, das Licht am Kran auszumachen, wenn er Feierabend macht. Davon allerdings, Sachen durch die Luft zu bugsieren, die mich erschrecken, will er nicht absehen. – Ich meine ja, wenn Herrchen mehr Rückgrat hätte, etwas bestimmter und weniger freundlich aufgetreten wäre, dann wäre das Gespräch mit dem Kranführer zielführender verlaufen …

Samstag, 6. Februar

mit Paula bei der Demo © GvP
mit Paula bei der Demo © GvP

Heute habe ich demonstriert – gegen Rassenliste, Leinenzwang und zu wenig Freilauf. Naja, Herrchen musste mich überreden, mitzulaufen. Ich mag Anhäufungen von Menschen nicht; und wenn sich dazu viele Kumpels gesellen, die ich nicht einschätzen kann, dann ängstigt mich das. Außerdem habe ich meinen Glauben an die Politik seit meiner Enttäuschung über die Grünen (Stichwort Markl-Vieto-Zone) verloren. Die machen doch eh, was sie wollen, und schon gar nicht das, was Hauptstadthunden gut täte. BTW: Die neue Hundesteuermarke ist auch so ein Faux-Pas, die ist schrecklich hässlich, steht mir gar nicht und ist für mich viel zu groß. Gut, das tut jetzt nichts zur Sache. Wobei, das diskutiere ich mit Herrchen aus, warum zahlt Gesine für mich Steuern? Bringt uns das irgendwas? Ich schweife ab – zurück zur Demo heute am Grunewaldsee.

Paula, die meine Meinung teilte, das ein organisiertes Massengassi ebenso albern ist wie das rote Tuch, das wir aus Protest deutlich sichtbar tragen sollten, sagte einen neunmalklugen Satz: „Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt.“ Zwar bezog sich das auf das Leckerli, das sie nicht abbekommen hatte, mir kam aber prompt „Empört Euch“ in den Sinn. Dieser Essay, Ihr wisst schon … Das machte für mich Sinn. Ich bin mitgelaufen. Anfangs noch ängstlich an Herrchens Leine, etwas später traute ich mich – leinenlos – sogar an die Spitze des Protestmarsches. Empörung setzt Kräfte frei!

 Donnerstag, 11. Februar

Gähnende Langweile in Steglitz. Am frühen Abend wurde Herrchen am Schreibtisch plötzlich hektisch, „schon so spät? Wir sind verabredet!“ Das ‚wir‘ klang irgendwie verheißungsvoll. Wir sind dann eine Weile S-Bahn gefahren, mag ich sehr! Ich mache es mir auf Gesines Schoß bequem und zumeist findet sich irgendwer, der mich streicheln will. Beim Aussteigen allerdings war ich nicht amused.

Es roch nach Berlin-Mitte. Mag ich nicht. Da gibt es so gut wie keine Bäume, geschweige denn Rasen. Und die Nachrichten, die meine Kumpels pinkeln, haben eine Diktion, die ich nicht mag. Abgesehen davon, dass ich manches, was die da in Mitte umtreibt, nicht nachvollziehen kann, klingt das irgendwie immer leicht blasiert. Kaninchen beispielsweise scheinen die Hunde in Mitte nicht zu kennen. Die ultimative Frage, die wir uns hier in Steglitz andauernd stellen: wie kriegt man die? Die stellt sich in Mitte nicht. Wie dekadent!

Freitag, 12. Februar

schmeckt nicht und riecht nicht: Papier! © GvP
schmeckt nicht und riecht nicht: Papier! © GvP

Da mir in Steglitz nichts geboten wird, unterhalte ich mich selbst. In der Regel mache ich dann Blödsinn, was zudem den wunderbaren Effekt hat, dass Herrchen vom Manuskript kurz ablässt, um mich zu ermahnen, dass es Ruhe braucht, um das Papier zu bearbeiten. Nachdem ich mir das in den vergangenen Tagen oft genug habe anhören müssen, wollte ich genauer wissen, was Papier eigentlich ist. Irgendwas Tolles muss ja dran sein – am Papier. Anderenfalls würde sich Gesine damit doch nicht so intensiv beschäftigen!?

Da ich trotz angestrengtem Nachdenken dem Phänomen nicht näher kam, hopste ich ein paar Mal auf Herrchens Schreibtisch. Was ein Tabu ist, allerdings den positiven Effekt hatte, dass Gesine etwas länger vom Manuskript abließ, um mich zur Räson zu bringen. Ich jedoch war mit Eifer bei meiner Grundlagenforschung dabei. Zu meiner großen Enttäuschung riecht Papier nicht. Abends kam es noch dicker!

Da lag Papier auf dem Boden rum. Ich habe mich getraut und ein Stückchen raus gerissen. Damit bin ich ab unters Sofa, wo ich meine Ruhe vor Gesine habe. Wenn Papier nicht riecht, dann muss es doch zumindest lecker schmecken? Ich hab eine Weile darauf herumgekaut, mir echt viel Mühe beim Kauen gegeben. Sogar kurzfristig gegen einen Würgereiz angekämpft! Papier riecht und schmeckt nicht! Meine Empörung war riesig, dass Herrchen so viel Zeit für etwas erübrigt, das weder schmeckt, noch riecht. Wild entschlossen bin ich unterm Sofa hervorgekrochen, um direkt vor Herrchens Füßen ein Kötzerchen zu machen.