Archiv der Kategorie: Herrchen hat gelesen

Herrchen hat gelesen: „Die Schlucht der freien Hunde“ von Konstantin Sergienko

Auf meiner Suche nach Titeln für eine ‚erlesene‘ Hundebibliothek, sprich: nach Büchern quer durch alle Genres, in denen der Hund Protagonist ist, kamen mir des Öfteren Lobeshymnen über „Die Schlucht der freien Hunde“ des russischen Kinder- und Jugendbuchautoren Konstantin Sergienko unter. Stutzig hätte mich freilich machen sollen, dass die Loblieder nach ähnlichem Muster gestrickt und fast ausnahmslos auf Hundeblogs zu lesen sind.

Erschienen ist die „herzergreifende, ebenso lebensfrohe wie tieftraurige“ Erzählung über ein Rudel herrenloser Hunde, das in einer Schlucht am Rande einer gesichtslosen Trabantenstadt haust, 1979 in der ehemaligen UdSSR. Der schmale Band soll sich zu einem sowjetischen Bestseller entwickelt haben und der Stoff in zahlreichen Musicals, Theaterinszenierungen und Zeichentrickfilmen bearbeitet worden sein.

zwischen den Zeilen lesen © GvP
zwischen den Zeilen lesen © GvP

In der Übersetzung von Lars Nehrhoff wurde das Buch mit ansprechenden Zeichnungen von Michael Blechmann deutschsprachigen Lesern erstmals 2012 zugänglich gemacht. Es liegt beim Artem Verlag vor, den Konstantin Sergienkos Sohn Artem im selben Jahr gegründet hat, um das Werk seines 1996 in Moskau verstorbenen Vaters „endlich einem westeuropäischen und internationalen Publikum zugänglich zu machen“, wie es ambitioniert auf der Homepage heißt. – Erschienen sind aus dem scheinbar umfassenden und breit gefächerten Oeuvre Sergienkos im Kölner Kleinverlag neben „Die Schlucht der freien Hunde“ bisher „Kees der Tulpenadmiral“ (2013) und „Pappherz“ (2016), mit dem „einer der talentiertesten russischen Romanautoren des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts“ seinen größten internationalen Erfolg gefeiert haben soll.

Meine Neugier war geweckt. Ein Sohn, der seinem Vater zu westeuropäischem Ruhm verhelfen möchte? Ein sowjetischer Bestsellerautor und „fantastischer Geschichtenerzähler, der vor allem vom jungen Publikum leidenschaftlich geliebt wurde“, dem – endlich – internationales Renommee gebühren sollte? Ich machte mich auf die Spuren von Konstantin Sergienko. Doch abgesehen von den Verlagsangaben, die die Besprechungen wiederkäuen, wurde ich leider nicht fündig.

Ich griff zum Buch. Wer mag sich schon eine Perle der Welt-Literaturgeschichte entgehen lassen? Und schon gar nicht eine „mit doppeltem Boden“, die zudem durch „philosophische Tiefe und eine klare poetische Sprache“ den Leser bestechen soll? Mein Resümee nach der Lektüre: Ein guter Plot, aus dem mehr hätte werden können. Passabel angelegte Hundecharaktere – Stolzi, der Erzähler, Krümel, Smarty, Blacky, der Rudelführer, und Hinki nicht zu vergessen – allesamt Typen, aus denen Sergienko meines Erachtens mehr hätte machen können.  Ein Skizzenbuch, das sicherlich Stoff genug für einen Roman geboten hätte.

Vielleicht bin ich zu abgebrüht, zu saturiert oder einfach zu altklug, um an einer Geschichte, die sich für „junge und reife Leser“ gleichermaßen eignet, Gefallen zu finden? Und womöglich geht mir bei dieser kurzen Erzählung auch diese besondere Gabe ab, zwischen den Zeilen lesen zu können? Das heißt: die Geschichte „über die Freuden der Freiheit und des ungebundenen Lebens und den Traum, ein richtiges Zuhause zu finden, ohne sich unterwerfen zu müssen“ als Parabel auf die Verhältnisse in der Sowjetunion der 1970er Jahre zu verstehen? – Nur so lässt sich nämlich klären, warum das schmale Buch ein sowjetischer Bestseller gewesen ist.

Kurzum: Mich zog „Die Schlucht der freien Hunde“ eher wenig in Bann. Umso mehr das ambitionierte Vorhaben des Sohnes, das Werk seines Vaters posthum im Westen bekannt machen zu wollen.  –  Eine Frage unter anderen an Artem Sergienko bei SteglitzMind?

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Die Zitate geben ausnahmslos Angaben des Artem Verlages  wider – sowohl im Buch wie auf diversen Plattformen zum Buch.

Das Buch erstehen und mit dem Kauf für Straßenhunde spenden kann man hier

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Bonmots über Hunde werfen kein gutes Licht

Der Hund ist das einzige Wesen auf Erden, das dich mehr liebt als sich selbst.(Josh Billings)
Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was lieben und geliebt werden heißt.(Arthur Schopenhauer)
Viele, die ihr ganzes Leben auf die Liebe verwendeten, können uns weniger über sie sagen als ein Kind, das gestern seinen Hund verloren hat.(Thornton Wilder)

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, fallen sie mir ins Auge. All‘ überall. Bonmots, Aphorismen und Zitate, die den Hund hochleben lassen. Obwohl ich selbst dazu neige, Lotta-Filipa so manches anzudichten, stößt mich das gegen den Kopf, was man dem Hund anhängt. Ehre macht das nicht.

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen.(Ernst R. Hauschka)
Hunde - die besseren Menschen © GvP
Hunde – die besseren Menschen © GvP
Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen,wenn die Hunde nicht wären,in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?(Arthur Schopenhauer)
Wundern muss ich mich sehr, dass Hunde die Menschen so lieben; denn ein erbärmlicher Schuft gegen den Hund ist der Mensch.(Christian Friedrich Hebbel)

Sinnsprüche über Hunde, wie sie beispielsweise zuhauf in den Sozialen Netzwerken kursieren, befremden mich. Nicht etwa, weil der Hund bei Hebbel, Assisi, Wilder oder Schopenhauer schlecht weg kommt. Nein, deshalb nicht. Sondern deshalb, weil er idealisiert wird. Was das Zeug hält! Schaut freilich wer etwas genauer darauf, was der Mensch assoziert, dem sollte ein Schrecken in die Glieder fahren. Viel scheint der Mensch von seiner Art nicht zu halten. Im Abgleich mit dem Hund steht er sogar ziemlich schäbig da.

Einer der Unterschiede zwischen Hund und Mensch besteht darin, dass man sich in der Not auf diesen niemals, auf jenen aber immer verlassen kann.(George-Louis Leclerc de Buffon)
Je mehr ich von den Menschen sehe, umso lieber habe ich meinen Hund.(Friedrich der Große)
Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.(Louis Armstrong)
Dass mir der Hund das Liebste ist, sagst Du, Oh Mensch, sei Sünde. Der Hund bleibt Dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.(Franz von Assisi)

Egal welcher Couleur oder Intention, sie mögen besinnlich, ironisch, spaßig oder sarkastisch gemeint sein: Unisono geben uns die Zitate zu verstehen, dass Hunde die besseren Menschen sind. Sie sind treu, lieben bedingungslos, kennen kein verdecktes Visier und spielen nicht mit falscher Münze. Hunde sind loyal. Sie sind gutmütig und warmherzig – nicht niederträchtig und kaltschnäuzig wie unsereiner. Für Hebbel, Assisi, Wilder, Schopenhauer & Co verkörpern Hunde das Ideal vom Gutmenschen. Was sie auch immer dem Hund andichten,  wirft ein schlechtes Licht auf den Menschen. Die Krönung der Schöpfung …

warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP
warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP

Wirklich ernüchternd wirkt diese Erkenntnis offensichtlich nicht. Verbleibt uns ja noch die Hoffnung, dass Hildegard von Bingens Ratschlag irgendwann – in weiter Ferne – doch mal Früchte trägt.

Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund! (Hildegard von Bingen)

 

Herrchen hat gelesen: „Timbuktu“ von Paul Auster

Es ist verdammt lange her, dass mich ein Buch zum lauthalsen Schluchzen brachte. Zuletzt flossen mir im Alter von etwa 14 Jahren die Tränen. In Strömen! Bei Erich Segals „Lovestory“. Zufällig kam mir die Schmonzette bei einem Besuch bei Frau Mama wieder zur Hand. Die letzten Seiten sind tränendurchtränkt; manches Wort ist kaum noch zu entziffern.

cover_timbuktuSpäter wurden mir beim Lesen gelegentlich die Augen feucht. Tränen kamen mir – zumindest in meiner Erinnerung – nicht mehr. Bis vorgestern.  Ich weiß nicht, was mich bei dieser Lektüre geritten hat. Vielleicht war es die große Hitze in Berlin, die meiner Urteilskraft zusetzte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich die Schwächen von Paul Austers Roman „Timbuktu“ deshalb übersehen habe, weil ich auf den Hund gekommen bin. Seitdem ich mit Lotta-Filipa zusammenlebe, setzt mein Verstand punktuell aus, wenn ich von Tier-Schicksalen erfahre.

„Timbuktu“ ist kein großer Wurf. Das, was die Promenadenmischung namens Mr. Bones im Rückblick aufgezeichnet hat, ist ziemlich kitschig. Und das verworrene, philosophische Zeug, das Mr. Bones verstorbenes Herrchen Willy von sich gibt, nervt bisweilen sehr. Albern ist, dass der durchgeknallte Möchte-Gern-Poet Willy G. Christmas durch einen Weihnachtsmann, der zu ihm in einem Werbespot aus dem Fernseher spricht, erleuchtet wird. Noch dicker kommt es im letzten Drittel des Romans, wo Auster meint, an der Fassade eines kleinbürgerlichen amerikanischen Familienidylls kratzen zu müssen.

Rund ist die Geschichte über einen Hund nicht, der seinem Herrchen über dessen Tod hinaus die Treue hält. Und ein tieferer Sinn außerhalb dessen, dass Hunde treue Begleiter des Menschen sind, erschließt sich mir auch nicht. Deutlich wird an diesem Werk allemal, dass es eine verdammt hohe Kunst ist, eine Geschichte aus der Perspektive eines Hundes zu verfassen. Die Gefahr ist groß, in allerlei Fallen zu tappen und Klischees zu bedienen.  Etwa dieses Beliebte: Hunde sind die besseren Menschen.

Stilisierung © GvP
Stilisierung © GvP

Warum hat mich die sentimentale Geschichte trotzdem zu Tränen gerührt? Weil ich, wie bereits erwähnt, auf den Hund gekommen bin. Wie Paul Auster übrigens auch. Anders lässt sich nicht erklären, warum er Hunden – stellvertretend in der literarischen Figur des Straßenköters Mr. Bones – ein Denkmal setzen wollte. Dass er dabei Schieflagen in Kauf nahm, liegt in der Sache selbst. Mir ergeht es nicht anders, wenn ich Hundi beschreibe. Ich neige zu Stilisierungen, Übertreibungen, Vermenschlichungen. Jedwede Distanz zum Gegenstand meiner Betrachtung geht mir dann ab.

Die Schwächen von „Timbuktu“ kann ich mir erklären. Als Hundenarr sogar Verständnis für diese Art von literarischem Anthropomorphismus aufbringen. Am Ende übertreibt es Auster für meine Begriffe dann doch. Dass Selbstmord eine Option für Mr. Bones ist, um seinem verstorbenen Herrchen wieder nahe sein zu können, geht über meine Schmerzgrenze hinaus.

Und schon kommen mir erneut die Tränen. In Sturzbächen! Auf diesen Gedanken käme Lotta-Filipa nie. Ich werde in Timbuktu mutter-, nein: hundeseelenallein sein. Da mag ich bei Lebzeiten noch so viel in sie hineindichten …