Archiv der Kategorie: Herrchen hat gelesen

Herrchen hat gelesen: „Jasper und sein Knecht“ von Gerbrand Bakker

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, ticke ich anders. Ich sehne Schnee herbei, weil Lotta-Filipa daran Spaß hat. Bin bei Wind und Wetter draußen, weil sie Auslauf braucht. Habe meinen Frieden mit rohem Fleisch gemacht, weil das gut für Hundi ist. Und so weiter und so fort. Das allerdings gab mir dann doch zu denken.

Ich stöbere im Buchladen. Plötzlich ist Eile geboten. Ohne frische Lektüre will ich aber nicht gehen. Mich springt ein Cover an. Genauer gesagt, ein treuherziger Blick aus braunen Augen. Der Autor? Gerbrand Bakker? Nie gehört. Die U4? Interessiert nicht. Doch nur Marketinggewäsch. Ich eile zur Kasse. Must have! Weil ein Hund auf dem Cover abgebildet ist?

Irgendwie unangenehm war mir mein Einkauf schließlich doch. Ich hatte arge Befürchtungen. Niedlich anmutende Cover zieren jene Bücher eher nicht, die mir Lesegenuss bereiten. Und der Titel, „Jasper und sein Knecht“, ließ nun auch nicht unbedingt vermuten, dass mein Spontankauf in der anspruchsvolleren Liga mitspielt. Hoffen ließ allenfalls der Verlag, der die Taschenbuchausgabe 2017 herausgebracht hat. Obwohl. Auch Suhrkamp hat mich schon enttäuscht.

Kurzum, das Buch lag rum. Erst vor einigen Tagen fühlte ich mich stark genug, mich zu meiner Schwäche zu bekennen. Dass sich mein Verstand ausschaltet, wenn mich ein inniger Hundeblick trifft. Sogar dann, wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass Marketing und Vertrieb genau darauf setzen.

Ich fasste Mut, machte mich an die ersten Seiten. Nach anfänglichen „Mühen der Ebene“, ganz leichte Kost ist Bakker nicht, ließ mich die Lektüre nicht mehr los. Titel und Cover führen auf eine falsche Fährte. Klar, es geht auch um einen eigenwilligen Hund namens Jasper. Um Auslauf und Freiheit, die sich ein ehemaliger Straßenhund nicht nehmen lässt. Es geht um Vertrauen und Bindung. Auch um Stubenreinheit, Wurmkuren, Tierarztbesuche; Petitessen allemal, die Hundehaltern vertraut sind.

Keine Hundegeschichte. Sondern  – in ihrer Offenherzigkeit nahezu skandalös anmutende – ehrliche Notizen eines Lebens in provinzieller Abgeschiedenheit mit Hund und Nachbarn. Gelegentlichen Abstechern nach Amsterdam, Reisen zu Lesungen und Preisverleihungen. Notiert wurden sie ab dem 3. Dezember 2014, der letzte Eintrag datiert vom 14. März 2016. Der Zeitraum als Gerbrand Bakker sein Domizil in der Eifel aus- und umbaute, ihn die Vergangenheit mehrfach einholte. Er hatte damals keinen Atem für einen neuen Roman. Der Verlag muss gedrängt haben: Hey, nach gut verkäuflichen Romanen braucht es endlich etwas Neues von dir. Bakker schrieb zwar keinen neuen Roman. Aber Tagebuch. Unter Zuhilfenahme von Briefen, Erinnerungen und älteren Blogeinträgen.

In den Protokollen öffnet sich einer, macht sich nackt. Offenbart seine Ängste und Selbstzweifel. Keine Hundegeschichte. Sondern ein immerwährendes, ehrliches Ringen um das Selbst. Der kraftzehrende Versuch, sich zu bewahren. Beim Gärtnern, bei der Betrachtung von Vögeln, der Bestimmung von Pflanzen oder Vögeln, beim Radfahren und ausgiebigen Runden mit Hund. Bakker ist ein besonders subtiler Beobachter. Hier: seiner selbst. Seiner Außen- und Innenwelt, zu der depressive Phasen und Erinnerungslücken gehören. Sein „langer Atem“ bei der Introspektion, der mir auf den ersten Seiten beschwerlich erschien, ist magisch. Bringt Seiten/Saiten zum Klingen.

Ein großer Wurf, dieses Tagebuch. Der letzte Eintrag allerdings… Da wäre mir Fiktion doch lieber gewesen. Dass Jasper aufgrund einer nicht diagnostizierten Epilepsie eingeschläfert werden musste, geht einer Leserin, die sich durch ein Hundecover verführen ließ, ans Gemüt. – Versteht sich.

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Herrchen hat gelesen: „Die Schlucht der freien Hunde“ von Konstantin Sergienko

Auf meiner Suche nach Titeln für eine ‚erlesene‘ Hundebibliothek, sprich: nach Büchern quer durch alle Genres, in denen der Hund Protagonist ist, kamen mir des Öfteren Lobeshymnen über „Die Schlucht der freien Hunde“ des russischen Kinder- und Jugendbuchautoren Konstantin Sergienko unter. Stutzig hätte mich freilich machen sollen, dass die Loblieder nach ähnlichem Muster gestrickt und fast ausnahmslos auf Hundeblogs zu lesen sind.

Erschienen ist die „herzergreifende, ebenso lebensfrohe wie tieftraurige“ Erzählung über ein Rudel herrenloser Hunde, das in einer Schlucht am Rande einer gesichtslosen Trabantenstadt haust, 1979 in der ehemaligen UdSSR. Der schmale Band soll sich zu einem sowjetischen Bestseller entwickelt haben und der Stoff in zahlreichen Musicals, Theaterinszenierungen und Zeichentrickfilmen bearbeitet worden sein.

zwischen den Zeilen lesen © GvP
zwischen den Zeilen lesen © GvP

In der Übersetzung von Lars Nehrhoff wurde das Buch mit ansprechenden Zeichnungen von Michael Blechmann deutschsprachigen Lesern erstmals 2012 zugänglich gemacht. Es liegt beim Artem Verlag vor, den Konstantin Sergienkos Sohn Artem im selben Jahr gegründet hat, um das Werk seines 1996 in Moskau verstorbenen Vaters „endlich einem westeuropäischen und internationalen Publikum zugänglich zu machen“, wie es ambitioniert auf der Homepage heißt. – Erschienen sind aus dem scheinbar umfassenden und breit gefächerten Oeuvre Sergienkos im Kölner Kleinverlag neben „Die Schlucht der freien Hunde“ bisher „Kees der Tulpenadmiral“ (2013) und „Pappherz“ (2016), mit dem „einer der talentiertesten russischen Romanautoren des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts“ seinen größten internationalen Erfolg gefeiert haben soll.

Meine Neugier war geweckt. Ein Sohn, der seinem Vater zu westeuropäischem Ruhm verhelfen möchte? Ein sowjetischer Bestsellerautor und „fantastischer Geschichtenerzähler, der vor allem vom jungen Publikum leidenschaftlich geliebt wurde“, dem – endlich – internationales Renommee gebühren sollte? Ich machte mich auf die Spuren von Konstantin Sergienko. Doch abgesehen von den Verlagsangaben, die die Besprechungen wiederkäuen, wurde ich leider nicht fündig.

Ich griff zum Buch. Wer mag sich schon eine Perle der Welt-Literaturgeschichte entgehen lassen? Und schon gar nicht eine „mit doppeltem Boden“, die zudem durch „philosophische Tiefe und eine klare poetische Sprache“ den Leser bestechen soll? Mein Resümee nach der Lektüre: Ein guter Plot, aus dem mehr hätte werden können. Passabel angelegte Hundecharaktere – Stolzi, der Erzähler, Krümel, Smarty, Blacky, der Rudelführer, und Hinki nicht zu vergessen – allesamt Typen, aus denen Sergienko meines Erachtens mehr hätte machen können.  Ein Skizzenbuch, das sicherlich Stoff genug für einen Roman geboten hätte.

Vielleicht bin ich zu abgebrüht, zu saturiert oder einfach zu altklug, um an einer Geschichte, die sich für „junge und reife Leser“ gleichermaßen eignet, Gefallen zu finden? Und womöglich geht mir bei dieser kurzen Erzählung auch diese besondere Gabe ab, zwischen den Zeilen lesen zu können? Das heißt: die Geschichte „über die Freuden der Freiheit und des ungebundenen Lebens und den Traum, ein richtiges Zuhause zu finden, ohne sich unterwerfen zu müssen“ als Parabel auf die Verhältnisse in der Sowjetunion der 1970er Jahre zu verstehen? – Nur so lässt sich nämlich klären, warum das schmale Buch ein sowjetischer Bestseller gewesen ist.

Kurzum: Mich zog „Die Schlucht der freien Hunde“ eher wenig in Bann. Umso mehr das ambitionierte Vorhaben des Sohnes, das Werk seines Vaters posthum im Westen bekannt machen zu wollen.  –  Eine Frage unter anderen an Artem Sergienko bei SteglitzMind?

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Die Zitate geben ausnahmslos Angaben des Artem Verlages  wider – sowohl im Buch wie auf diversen Plattformen zum Buch.

Das Buch erstehen und mit dem Kauf für Straßenhunde spenden kann man hier

Bonmots über Hunde werfen kein gutes Licht

Der Hund ist das einzige Wesen auf Erden, das dich mehr liebt als sich selbst.(Josh Billings)
Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was lieben und geliebt werden heißt.(Arthur Schopenhauer)
Viele, die ihr ganzes Leben auf die Liebe verwendeten, können uns weniger über sie sagen als ein Kind, das gestern seinen Hund verloren hat.(Thornton Wilder)

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, fallen sie mir ins Auge. All‘ überall. Bonmots, Aphorismen und Zitate, die den Hund hochleben lassen. Obwohl ich selbst dazu neige, Lotta-Filipa so manches anzudichten, stößt mich das gegen den Kopf, was man dem Hund anhängt. Ehre macht das nicht.

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen.(Ernst R. Hauschka)
Hunde - die besseren Menschen © GvP
Hunde – die besseren Menschen © GvP
Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen,wenn die Hunde nicht wären,in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?(Arthur Schopenhauer)
Wundern muss ich mich sehr, dass Hunde die Menschen so lieben; denn ein erbärmlicher Schuft gegen den Hund ist der Mensch.(Christian Friedrich Hebbel)

Sinnsprüche über Hunde, wie sie beispielsweise zuhauf in den Sozialen Netzwerken kursieren, befremden mich. Nicht etwa, weil der Hund bei Hebbel, Assisi, Wilder oder Schopenhauer schlecht weg kommt. Nein, deshalb nicht. Sondern deshalb, weil er idealisiert wird. Was das Zeug hält! Schaut freilich wer etwas genauer darauf, was der Mensch assoziert, dem sollte ein Schrecken in die Glieder fahren. Viel scheint der Mensch von seiner Art nicht zu halten. Im Abgleich mit dem Hund steht er sogar ziemlich schäbig da.

Einer der Unterschiede zwischen Hund und Mensch besteht darin, dass man sich in der Not auf diesen niemals, auf jenen aber immer verlassen kann.(George-Louis Leclerc de Buffon)
Je mehr ich von den Menschen sehe, umso lieber habe ich meinen Hund.(Friedrich der Große)
Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.(Louis Armstrong)
Dass mir der Hund das Liebste ist, sagst Du, Oh Mensch, sei Sünde. Der Hund bleibt Dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.(Franz von Assisi)

Egal welcher Couleur oder Intention, sie mögen besinnlich, ironisch, spaßig oder sarkastisch gemeint sein: Unisono geben uns die Zitate zu verstehen, dass Hunde die besseren Menschen sind. Sie sind treu, lieben bedingungslos, kennen kein verdecktes Visier und spielen nicht mit falscher Münze. Hunde sind loyal. Sie sind gutmütig und warmherzig – nicht niederträchtig und kaltschnäuzig wie unsereiner. Für Hebbel, Assisi, Wilder, Schopenhauer & Co verkörpern Hunde das Ideal vom Gutmenschen. Was sie auch immer dem Hund andichten,  wirft ein schlechtes Licht auf den Menschen. Die Krönung der Schöpfung …

warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP
warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP

Wirklich ernüchternd wirkt diese Erkenntnis offensichtlich nicht. Verbleibt uns ja noch die Hoffnung, dass Hildegard von Bingens Ratschlag irgendwann – in weiter Ferne – doch mal Früchte trägt.

Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund! (Hildegard von Bingen)