Archiv der Kategorie: Begegnungen der besonderen Art

Die Genderfrage

Zu den verstörenden Erfahrungen, nachdem ich auf den Hund gekommen bin, gehört die Frage nach dem Geschlecht. Nie zuvor hatte ich mich je ernsthaft dafür interessiert, wessen Geschlechts wer ist. Ob Männlein oder Weibchen, mir egal. Abgesehen von gewissen anatomischen Besonderheiten mache ich keine Unterschiede.

Dass zwischen Männlein und Weibchen offensichtlich Welten liegen, ging mir erst auf, nachdem Klein-Lotta-Filipa in Steglitz eingezogen war. Anfangs tat ich – die mehr oder minder besorgten – Fragen nach Hundis Geschlechtszugehörigkeit, die uns beim Gassigehen permanent entgegenschalten, mit einem Achselzucken ab. Was, bitte sehr, spielt das denn für eine Rolle, ob ich einen Rüden oder ein Weibchen an der Leine spazieren führe? Allmählich erst dämmerte mir, dass die Genderfrage in der Welt, in der ich mich als frisch gebackene Hundehalterin nun bewegte, verdammt viel zur Sache tut.

ein Mädchen! © Sabine Münch
ein Mädchen! © Sabine Münch

Ich lernte dazu: Auf der sicheren Seite ist man, wenn man die Frage, „ist das ein Mädchen?“ bejahen kann. Immerhin bestätigt sich dann, dass der, der die Frage gestellt hat, einen Rüden an der Leine hat. Einen Rüden, der auf sein eigenes Geschlecht nicht gut zu sprechen ist. Der auf Krawall gebürstet ist.

Der Groschen fiel alsbald: Die despektierliche (politisch nicht korrekte) Frage „ist das ein Mädchen?“ hat deseskalierende, vorsorgende Funktion. – Nicht ganz schlecht, dachte ich mir …

Ich begann, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Genderfrage in der Hundehalter-Welt von Relevanz ist. Sie beugt potentiellen Zweikämpfen von Rivalen im Revier vor. Von da an kam mir die Antwort „ja – ein Mädchen“ problemlos über die Lippen.

Bis sich vorgestern ein Mann nach der obligatorischen Frage und meiner darauffolgenden Bejahung nicht entblödete, sich seinem Rüden zuzuwenden: „Schau, ein lecker Mädchen. Geh‘ mal ran!“

Jäh stellte sich mir die Genderfrage neu.

Lifestyle mit Hund

plakativ © GvP
plakativ © GvP
Einiges von dem, was ich heute für selbstverständlich halte, hätte ich vor meinem Zusammenleben mit Lotta-Filipa nicht für möglich gehalten. Seit drei Jahren läuft mein Tagesablauf nach dem Prinzip ab: der Hund muss raus; egal ob mir danach ist oder die Witterung dagegen spricht. Ich kreiere Yoghurt-Leberwurst-Hundeeis, durchforste das Unterholz nach einem verloren gegangenen Bällchen, horte Übelriechendes neben meinen Konserven und mein penibler Ordnungssinn ist einem gewissen Laissez-Faire gewichen. Die Freizeit verbringe ich inzwischen lieber im Wald als im Theater oder der Philharmonie, Schuhwerk und Kleidung müssen nicht mehr chic, sondern wetterfest und strapazierfähig sein und die Urlaubsplanungen fokussieren nicht mehr das, was ich sehen möchte, sondern ob Hundi mit kann und Spaß dabei hat.

brauche ich das? © GvP
brauche ich das? © GvP
Kurzum: in mancherlei Hinsicht erkenne ich die Gesine ohne Hund in der mit Hund nicht mehr wieder. Ein Verlust ist das nicht. Ich bin zufriedener und ausgeglichener als je zuvor. Lotta-Filipa erdet mich. Die befürchteten Abstriche am selbstbestimmten Singleleben entpuppten sich als Zugewinn: mehr Lebensfreude, Sinnhaftigkeit und Zuneigung. Ich hätte allen Grund, mit meiner Entwicklung zufrieden zu sein.

Vor einigen Tagen musste ich dann doch den Kopf ungläubig schütteln. Obwohl ich Hunde nicht mit affigem Lifestyle-Tamtam in Einklang bringe, haben wir am 12. Juni im Berliner Postbahnhof „House of Dogs. Die Messe für Hunde“ besucht. – Marketing für die Tierindustrie, die alles dafür tut, damit wir die Vermenschlichung unserer Haustiere für normal halten. Anthropomorphismus heißt das in Fachkreisen. Ein Begriff, der übrigens auf den griechischen Philosophen Xenophanes zurückgeht, der den kühnen Gedanken geäußert haben soll: „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen.“

toll hier! © GvP
toll hier! © GvP
Über 100 Aussteller und ein voll bepacktes Rahmenprogramm auf zwei Showflächen, einer Bühne und im „Grünen Salon“ ließen auf der „House of Dogs“ jedenfalls mehr Lifestyle vermuten als ein ganzes Hundeleben vertragen kann. Der Hund als Wirtschaftsfaktor! Gut 3 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Tierfutter aus; 428 Millionen allein für Leckerlis. Für Zubehör und Accessoires macht man 1,5 Milliarden Euro locker. 65 Millionen sollen im Jahr 2014 in die Kasse von Hundefriseuren geflossen sein, 40 Millionen in die der Tierbestatter.

Und das Geschäft floriert. Dessen ungeachtet trieb mich die Freude Elke von Lilli & Lollo wiederzusehen, von der Hundis Kissen stammt, und die Neugierde, zumal am Messesonntag eine bemerkenswerte Siegerehrung anstand, die wir uns nicht entgehen lassen durften. „Konkurrenz gucken“, so habe ich Lotta-Filipa die Wahl des charmantesten Mischlings Berlins verkauft. Sicher war ich mir freilich nicht, ob sie tatsächlich Spaß daran haben würde.

Lifestyle mit Hund © GvP
Lifestyle mit Hund © GvP
Ich sollte mich wundern. Während ich mich auf der Messe schnell langweilte, schwänzelte Hundi mit wachsender Begeisterung herum. Allenthalben nette Menschen, die Hunde streicheln und alle paar Meter jede Menge Leckerlis zur freien Verköstigung. So viel wie man mag! Während sie sich den Bauch voll schlug, musste ich mich belehren lassen, wie gesund das ist, was Lotta-Filipa gerade in sich hineinschaufelte.

Siegerehrung mit Prinzessin © GvP
Siegerehrung mit Prinzessin © GvP
An allem anderen auf der Messe fand Hundi keinen Geschmack. Weder an Spielzeug, noch an Leinen, Bürsten oder Shampoo. Regenbekleidung, Bachblüten, Yoga für Hunde – kein Bedarf! Den Stand von Maja von Hohenzollern, wo es bronze- und goldfarbene Liegeplätze zu bestaunen gab, die mit Kronen und dem Hohenzollern-Wappen bestickt sind, mied Lotta-Filipa sogar. Offenbar kann man mit dem Slogan „Von einer Prinzessin für tierische Prinzen & Prinzessinnen“ bei einem Mischling nicht punkten. Wohl aber mit einer Wahl, die sich um den Charmantesten aus der eigenen „Mischpoke“ dreht.

Eine nette Idee, den charming Mischling zu küren. Hundi war ganz bei der Sache, ich enttäuscht. Leider zählte nicht das „besondere Etwas“, das Mischlingshunde auszeichnet, sondern die Kunststückchen, die die Platzierten drauf hatten. Hier wäre freilich ein Moderator gefragt gewesen, der sich darauf versteht, mit den Hunden und dem Publikum zu kommunizieren. Und keiner, der sich nur darauf verlässt, dass die Halter ihren Hunden ein Kunststück abringen. – Schade um die nette Idee.

Warten auf „Hilde Schmidt“

Mittwochnacht ist es soweit. Dann kommt „Hilde Schmidt“ gemeinsam mit neun anderen Hunden aus Rumänien in Eisenhüttenstadt an. Zwischen 21 Uhr und 3 Uhr werden sie erwartet. Hinter ihnen liegt dann eine lange Autofahrt und so manches Schicksal.

Die Zehn kommen aus dem Tierheim Smeura in Pitesti, das Straßenhunden ein Asyl bietet. Mit derzeit 5.400 Hunden ist es das größte Tierheim der Welt. Die meisten Hunde wurden aus Tötungsstationen gerettet. Das in Rumänien geltende „Euthanasiegesetz 258/2013″ besagt nämlich unter anderem, dass alle heimatlosen Hunde eingefangen, in die staatlichen Tierheime verbracht und dort „euthanasiert“ werden können, sofern sie niemand binnen zwei Wochen aufnimmt. Finanziert wird das aus Mitteln der EU. Die Kommunen kassieren pro Hund derzeit 72 Euro; circa 50 Euro gehen davon an den jeweiligen Hundefänger. Eine Prämie, die im Land Gold wert ist. – Straßenhunden sind in Rumänien ein lukratives Geschäft.

"Hilde Schmidt" © Sabine Münch
„Hilde Schmidt“ © Sabine Münch

Sabine ist Fotografin und Anfang April 2016 mit Verantwortlichen des Deutschen Tierschutzbundes vor Ort gewesen. Sie war bei Gesprächen mit Bürgermeistern, Tierärzten und dem Botschafter dabei; hat staatliche und private Tierheime, Kranken- und Quarantänestationen, Zwinger und viele Hunde fotografiert. In der „Smeura“ kam ihr ein Welpe vor die Linse. Ein kurzer Moment nur, schon war er wieder unter der Hundeschar im Zwinger verschwunden. Sabine entschloss sich, ihm in Berlin ein Zuhause zu geben.

Wenig weiß man über „Hilde Schmidt“. Mutmaßlich ein Dackel-Terrier-Mix, vermutlich Anfang Januar 2016 geboren. Der Welpe wurde auf einer Straße aufgegriffen und am 29. Februar in die „Smeura“ gebracht. Inzwischen ist er geimpft und gechipt und macht sich am Dienstagmorgen auf den Weg nach Deutschland.

Ich werde Sabine nach Eisenhüttenstadt begleiten, um „Hilde Schmidt“ zu begrüßen. Ich freue mich darauf und frage mich zugleich, wie Lotta-Filipa auf den Rudelzuwachs reagiert. Werden sich die beiden Terrier-Mixe verstehen? Wird Lotta-Filipa „Hilde Schmidt“ ein Vorbild sein, so wie Paula es für sie ist? Als Hundi klein war, hat sie von Paula viel gelernt. Dass Möhrchen nichts zum Kleinhäkseln, sondern lecker sind, dass Wasser nass ist, aber Spaß macht, dass man mit einer klaren Ansage unter Seinesgleichen bisweilen gut beraten ist oder dass man mit Gelassenheit oftmals weiterkommt als mit Hektik.

Und wie wird  Lotta-Filipa damit umgehen, so ich einem anderen Hund Zuwendung schenke? – Eifersüchtig ist sie nämlich!