Archiv der Kategorie: Begegnungen der besonderen Art

Das steckt man nicht weg!

Am Freitag wurden im Auslaufgebiet Grunewald zwei Hunde totgebissen. Im Blutrausch. Tags zuvor gegen 11 Uhr war an der Ecke Treitschke-/Lepsiusstraße ein Hund auf Lotta-Filipa losgegangen. Den Vorfall hat Hundi auf ihrer Facebook-Seite so beschrieben:

Lotta-Filipa verstört © GvP

Das war so schrecklich heute Morgen!! Wir biegen um die Ecke, ich an der Leine. Vorm Bäcker steht so ne Art Schäferhund-Mix. Mit Leine, die an ihm runterhing. Mir stockt der Atem. Gesine verlangsamt den Schritt. Offensichtlich war er ihr auch nicht geheuer. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da stürzte sich der Kerl auf mich. Ich schreie um mein Leben, Gesine schreit ihn an und versucht, ihn abzuwehren und mich vor seinen Bissen zu beschützen. Ich mache in die Hose und quicke wie irre. Aus der Bäckerei eilt nicht etwa der Halter des Hundes zu Hilfe. Sondern die Verkäuferin. Der Kerl lässt von mir ab. Ich quicke weiter und zittere wie Espenlaub, von der peinlichen Sauerei hinten nicht zu reden. Gesine zittert inzwischen auch. Ist mit den Nerven runter. Die Verkäuferin bringt Wasser und Servietten. Gesine und sie versuchen, mich auf Bisswunden zu untersuchen. Die Halterin, die ihren Kaffee in der Bäckerei inzwischen zu Ende getrunken hat, findet sich ein. Nimmt den Hund an die Leine, murmelt „Entschuldigung“ und zieht Leine. Die Verkäuferin bringt Leckerlis. Ich lasse mich oberflächlich abtasten. Gesine hat sich wieder etwas (etwas!) im Griff und befragt die Verkäuferin, ob sie die Halterin und den Hund kennt. Ja, der Hund mache verschiedentlich vor der Bäckerei Probleme, wenn die Halterin dort frühstücke. Gesine insistiert. Die Verkäuferin zuckt die Achseln. Recht hat sie. Nicht ihre Sache, dass die Halterin ihren angriffslustigen Hund während sie frühstückt vor der Bäckerei frei herumlaufen lässt.

Nachdem ich meine Nerven wieder im Griff und Hundi sich halbwegs vom Schock erholt hatte, stellten sich mir zwei Fragen. Warum uns lediglich die Verkäuferin zur Seite gestanden hatte, obwohl die Bäckerei zum Zeitpunkt der Attacke gut besucht gewesen ist, und ob ich den Vorfall zur Anzeige bringen sollte? Denn sind es nicht die unverantwortlich handelnden Halter, die andere Hunde und Halter unter Generalverdacht stellen? Und wo führt das hin? Zur generellen Leinenpflicht in Berlin. Letzteren Gedanken habe ich abends in zwei Berliner Hundegruppen auf Facebook geteilt. Abgesehen von einer Antwort, in der der Angriff auf Lotta-Filipa als Lappalie abgetan wurde, einigen Berichten über ähnlich gelagerte Erlebnisse und der Bemerkung, dass ich es nicht draufhätte, mit größeren Hunden umzugehen, war man sich in den beiden Gruppen einig: Anzeigen!

tu mir bitte nix! © GvP

Am Freitag suchte ich die Bäckerei auf. Obwohl die Verkäuferin, die uns zur Seite gestanden hatte, nicht anwesend war, konnte man sich dort gut an den Vorfall erinnern. Die Schreie seien unüberhörbar und die Attacke unter den Gästen auch Thema gewesen. Warum niemand anderes zu Hilfe gekommen sei? Achselzucken. Warum ausgerechnet die Verkäuferin? Weil sie eben Hunde lieben würde.

Immerhin konnte ich in der Bäckerei den Namen des Hundes in Erfahrung bringen. Meine Bitte, man möge bei der Halterin doch zukünftig dafür Sorge tragen, dass sie ihren Hund vor Betreten des Ladens draußen anbindet, wurde abermals mit einem Achselzucken quittiert. Abgesehen von einem unbefestigten, mickrigen Fahrrad-Werbestständer für eine Boulevardzeitung, den jeder größere Hund mühelos bewegen kann, sei dafür vor der Bäckerei keine Vorrichtung vorhanden. Ob man nicht Abhilfe schaffen könne? Abermals wurde mit den Achseln gezuckt. Das habe man dem Chef schon vorgeschlagen, freilich sei das aber Sache der Hausverwaltung.

Ich suchte das Gespräch mit dem Ordnungsamt, das von mir zunächst wissen wollte, ob es sich bei dem Angreifer um einen sogenannten Listenhund gehandelt habe. Auf mein Nein, folgte ein mitleidiger Blick, gerade so, als ob man dann nicht zuständig wäre. Danach entwickelte sich das Gespräch dennoch konstruktiv. Man informierte mich über die möglichen Amtswege  und riet mir davon ab, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Bliebe lediglich der Weg über das zuständige Veterinäramt. Ohne Name und Adresse der Halterin ginge da aber nix. Auf meine abschließende Frage, ob das rechtens sei, dass Geschäftsleute Hundehalter ausdrücklich darauf hinweisen, dass Hunde draußen zu bleiben hätten, ihnen dort aber keine Möglichkeit bieten, Hunde anzuleinen, folgte ein Achselzucken.

Hundi © GvP

Ich horchte mich im Kiez unter den Hundehaltern um. Namen und Adresse der Halterin kennt keiner, dafür wurde mir allerlei über den Hund zugetragen. Es habe bereits mehrere Anzeigen gegeben und die Auflage erteilt, dass die Hüdin an der Leine geführt werden müsse. Kolportiert wurde auch, dass es wegen ihr zu Handgreiflichkeiten zwischen der Halterin und einem anderen Hundehalter gekommen sei. Auf Facebook wurde mir derweil ein Vorschlag gemacht, den ich von mir gewiesen habe: Den Namen des Hundes in den Berliner Hundegruppen öffentlich zu machen, um der Halterin habhaft zu werden.

Noch hoffe ich darauf (rechne mir aber wenige Chancen aus), Namen und Adresse zu erfahren, und tröste mich damit, dass die Attacke glimpflich ausgegangen ist. Körperlich zumindest. Nicht aber für den Kopf und das Gemüt. Gestern dachte ich für ein kurzes Moment sogar, niemals wieder einen Hund halten zu wollen. Hilflos zusehen zu müssen, wie sich ein Hund in den eigenen verbeißt, die Todesangst des eigenen Hundes mitansehen zu müssen – das steckt man nicht weg. Das lähmt. In den entscheidenden Momenten, zu denen man – von Amteswegen  – die Kraft hätte aufbringen müssen, den Halter nach seinen Personalien zu fragen. Und lange, lange darüberhinaus.

Update am 20. Dezember 2017: Ich habe Name und Adresse erfahren und heute beim Veterinäramt Steglitz-Zehlendorf eine Beschwerde eingereicht.

 

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Die Halter im Kiez

Vor vier Jahren, genauer gesagt: am 20. Juli 2013, zog Klein-Hundi bei mir in Steglitz ein. Zeit genug also, um ihr Wesen, ihre Reaktionen und Vorlieben zu studieren. Längst kenne ich Lotta-Filipa aus dem FF. – Wie die Hunde und Halter im Kiez inzwischen auch.

Lotta-Filipa © Sabine Münch

Lange Zeit hielt ich es wie Lotta-Filipa : habe mich auf die Hunde konzentriert. Mit wem im Kiez steht sie auf Du und Du? Wen kann sie weniger gut riechen und welchem Artgenossen, der uns im Steglitzer Revier entgegenkommt, gehen wir besser aus dem Weg? Erst nach Monaten dämmerte mir, dass ich diesen Job Lotta-Filipa überlassen sollte. Sie kennt sich mit Ihresgleichen sehr viel besser aus als ich. Noch dazu hatte ich nun die Erfahrung gemacht, dass vielfach nicht die Hunde, sondern deren Halter das Problem sind.

Da gibt es die Sonambulen im Kiez. Nix gegen Traumwandler, aber ein Auge auf seinen frei laufenden Hund sollte man gelegentlich werfen.  Gilt selbstredend auch für jene, die sich statt mit dem Hund mit dem Handy beschäftigen.

Dann gib es solche, die einen Hund offenbar hauptsächlich zu dem Zweck halten,  soziale Kontakte zu anderen Hundehaltern zu knüpfen. Die einen – schlimmstenfalls während der ersten Gassirunde in Allerherrgottsfrühe – in Gespräche verstricken. Aus dem Weg – und zwar nicht nur Frühmorgens – sollte man tunlichst auch jenen Haltern gehen, die keinen blassen Schimmer davon haben, wie Hunde ticken. Die nicht wissen, was es bedeutet, wenn ein Hund den Schwanz kneift. Die ihren mit Karacho auf einen anderen zu rennen lassen, obwohl der sich demonstrativ quiekend auf den Rücken wirft.

In die Kategorie Worst Case fallen auch jene, die die schlechten Seiten ihres Hundes á la „Der tut nichts!“ oder „Das hat der noch nie gemacht!“ herunterspielen. Nicht viel besser sind allerdings auch diejenigen, die aus Liebe zum eigenen Hund erblindet sind. Die  Mobbing mit dem Kommentar „ist das nicht süß, wie meiner hinter Ihrem Hund her ist?“ versehen.

an kurzer Leine © GvP

Von jenen, die ihren Hund so gar nicht im Griff haben, müssen wir hier nicht zu reden. Dafür von einer Spezies, die uns im Kiez das Fürchten lehrte. Jene Halter, die ihrem Hund zwar lange Leine lassen. Ihm aber nichts zutrauen. Dem eigenen Hund nicht vertrauen. Die die Flexileine ebenso wenig unter Kontrolle haben wie ihren Hund,  den sie in fünf, sechs oder gar in acht Meter Entfernung laufen lassen. Die unfähig sind, ihren Hund zu stoppen, und hilflos zuschauen, währenddessen sich die Flexileine mit Lotta-Filipas Leine verheddert und dann um meine Beine wickelt. Ein gemeingefährlicher Kontrollverlust. Für Hundi und mich – für den Flexileinenhalter und den Hund , der daran hängt.

Kurzum: Seitdem wir die Runden im Kiez unseren Fähigkeiten entsprechend auskundschaften, läuft Gassi im Revier zumeist rund. Lotta-Filipa beäugt die Artgenossen und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, wem wir auf der Tour aus dem Weg gehen sollten. Nie trügt sie ihr feines Gespür für die Launen der Hunde im Revier. „Du, der kleine Kläffer, der Rehpinscher, der mir nicht zum Bauch reicht, der ist heute echt schlecht drauf.“ Wir wechseln die Straßenseite.

Ich konzentriere mich auf die Halter. Meine ernüchternde Erkenntnis nach vier Jahren: Wir gehen mehr Haltern als Hunden aus dem Weg.

Fahrräder auf Gehwegen? Ein Unding!

Gestern während der Abendrunde. Lotta-Filipa beschnüffelt am Gehwegrand frischen Löwenzahn, ich höre zwei Passanten zu, die sich über das Gebaren von Fahrradfahrern auf Bürgersteigen echauffieren. „Haben wir der Politik unserer neuen Regierung zu danken“, meint der Herr. Die Dame nickt bekräftigend.

tu‘ mir nichts! © GvP

Kurzzeitig bin ich amüsiert. Doch nur so lange bis der erste Radler auf Hundi und mich zurast und im Rücken anhaltendes Klingeln zu vernehmen ist, mit dem zwei Velofahrer unmissverständlich verlauten lassen, dass Fahrräder auf Bürgersteigen Vorfahrt haben.

Während ich Lotta-Filipa und mich auf dem schmalen Gehweg in Sicherheit bringe, denke ich mir, Recht hat der Herr! Seitdem Berliner Radler den rot-rot-grünen Senat hinter sich wissen, der ein Radgesetz mit dem Ziel vorsieht, die Fahrradinfrastruktur im Land zu verbessern, halten sie sich immer seltener an die Fahrrad-Verkehrsregeln. Die unter anderem besagen, dass Radfahren auf dem Gehweg verboten ist und bei Missachtung ein Bußgeld bis zu 30 Euro fällig wird. Und das Berliner Ordnungsamt, das mit Eifer Knöllchen an Halter verteilt deren Hunde in geschützten Grünanlagen ohne Leine laufen? Das schert sich nicht darum, wenn Radler dort radeln, wo sie per Gesetz nicht radeln dürfen. In geschützten Grünanlagen beispielsweise, die nicht ausdrücklich für Radler freigegeben sind…

in Deckung © GvP

Gegen eine nachhaltige Mobilitätspolitik, die Radwege auszubauen gedenkt, ist nichts einzuwenden. Leider scheinen aber die Berliner Velofahrer das Eckpunkte-Papier für ein Radgesetz, das der Senat im April 2017 beschlossen hat, für einen Freibrief zu halten. Dafür, dass sie neuerdings Vorfahrt haben. Und zwar nicht nur für den Fall, dass sie von rechts kommen, sondern immer und überall. Und auf Gehwegen sowieso.

Summa summarum (nicht auszumalen): Unter Rot-Rot-Grün ist die Gefahr für Hundi um ein Vielfaches gewachsen, auf dem Gehweg unters Rad zu kommen. Statt auf der Straße unter ein Auto. Ein Unding ist das.