Archiv der Kategorie: Begegnungen der besonderen Art

Gassi-Service? So nicht!

Ich kann nicht klagen. Zwar ist Lotta-Filipa durch und durch Terrier und dementsprechend gerne darauf aus, ihre Fledermaus-Segelohren auf Durchzug zu stellen, um eigene Wege einzuschlagen. Erlebnisse aber, die mich zur Weißglut oder gar bis in die Knochen erschüttert hätten, blieben mir bislang, gottlob, mit ihr erspart.

Abgesehen von einem Ereignis am 3. Januar 2016, das mich tief erschütterte und mir bis heute nachhängt. Wir hatten an der Ostsee Ruhe vor den kriegsähnlichen Zuständen gesucht, die in Berlin rund um den Jahreswechsel herrschen. An dem besagten Tag waren wir am Strand unterwegs. In der Ferne ging ein Böller hoch. Hundi rannte panisch davon. Wir suchten den Strand stundenlang nach ihr ab. Als die Dämmerung einsetzte, schwand die Hoffnung, Lotta-Filipa wohlbehalten aufzufinden. Bis ein erlösender Anruf kam. Aufmerksame Spaziergänger hatten sie durchnässt und durchgefroren unter einem parkenden Auto gefunden und gesichert!

Luna gesichert © GvP

Seither beobachte ich freilaufende Hunde, deren Halter nicht in Sicht sind, in Habachtstellung. Bisher sind sie, früher oder später, immer aufgetaucht. Nicht so vor einigen Tagen im Wald oberhalb des Schlachtensees. Eine mittelgroße Hündin irrte dort verängstigt umher. Sie trug ein Geschirr und eine gelbe Schleppleine, die mich schlussfolgern ließ, dass sie zu jenen Hunden gehört, die sich hin und wieder aus dem Staub machen.

Ich versuchte, die Mischlingshündin zu locken, mich ihrer Schleppleine zu nähern. Sie blieb stehen, wandte sich zu mir um, rannte dann aber immer wieder davon. Zuletzt in Richtung eines Waldweges, auf dem sich Passanten mit Hunden näherten. Ich rief ihnen entgegen: „Treten Sie auf die Schleppleine, der Hund sucht sein Herrchen!“ Gesagt, getan.

Kaum hatten wir Luna, so der Name unseres unverhofften Schützlings, gesichert, fiel ein Signalwort: „Gassi-Service.“ Woran sich anschloss: „Wäre ja nicht das erste Mal.“ Offenbar hatte man einschlägige Erfahrungen gemacht. Auch mir sind die Dienstleister, die sich in Scharen mit immer größeren Rudeln durch die Berliner Hundeauslaufgebiete bewegen, suspekt. Die Nachfrage ist groß, das Angebot ebenfalls. Internet-Portale, neuerdings auch Apps, bringen Hund und Sitter zusammen. Ob das immer passt?

Fremdbetreung? Nein danke! © GvP

Sogenannte Hundeflüsterer oder professionelle Dog-Walker, denen zuzutrauen wäre, dass sie ihr Rudel im Griff haben, beobachte ich eher selten. Anders als in den USA existiert hierzulande keine anerkannte Ausbildung, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, spezielle Versicherungen sind nicht vonnöten. Gute Voraussetzungen für Dilettanten und schwarze Schafe…

Meine Bedenken hat der Vorfall mit Luna bestätigt. Ihren Halter konnten wir nicht erreichen, da das Handy ausgeschaltet war. Wir beschlossen, die Hündin, die sichtlich erleichtert war, dass wir uns ihrer annahmen, zum nahegelegenen Parkplatz zu bringen. Aus der Ferne ließen sich plötzlich Rufe hören: „Luna! Luna!“ Eine Frau, die viele Hunde im Schlepptau hatte, näherte sich. Gassi-Service, wie vermutet. Wir gaben ihr zu verstehen, dass die Hündin gesichert sei. Sie jedoch machte keinerlei Anstalten, Luna von uns in Empfang zu nehmen. Hielt Abstand zu uns und ihrem vermissten Hund. Und wusste sicher auch, warum. In der Tat ist das kein guter Leumund für eine Gassi-Servicekraft, wenn ihr ein Hund abhandenkommt.

Immer wieder rief sie Luna lockend zu sich. Wir entschieden, die Hündin freizugeben. Erst bewegte sie sich nicht, dann trabte sie mit ängstlich gekniffener Rute zu ihrem Rudel. Dort wurde sie mit den Worten empfangen: „Na, Luna, haste mal wieder nicht aufgepasst und nicht mitbekommen, dass wir abgebogen sind?“

Wir hielten Maulaffen feil. Eine Gassi-Service-Kraft, die einen Hund explizit dazu auffordert, besser auf sie aufzupassen! Gehört sich das nicht umgekehrt?

Des Guten zu viel. Mit Hunden in Hof Grabow/Landgut Hundetraum

Schwierig, verdammt schwierig ist es, mit drei Hunden zu verreisen. Ein Hund, für manchen Vermieter kein Problem. Zwei Hunde gehen bisweilen durch. Drei Hunde? Für viele Anbieter von Ferienwohnungen leider ein Tabu.

href=“https://lottafilipa.files.wordpress.com/2018/05/hundeglc3bcck-hoch3.jpg“> Hundeglück hoch3 © GvP[/
Umso erfreulicher, dass in Hof Grabow Urlaub mit Rudel möglich ist. Das habe ich anlässlich Hundis 5. Geburtstag gebucht. Eine Woche Ferien mit ihren beiden Kumpels Hilde und Paula.

Es ließ sich gut an. Weitläufiges Land mit vielseitigen Möglichkeiten zum Wandern und Auslaufen. 70 Minuten Autofahrt zum Hundestrand an der Ostsee, 30 Minuten in die Landeshauptstadt Schwerin. Auf dem Gut selbst zwei Auslaufgebiete von 15.000 und 30.000 qm, auf denen Hunde ihre Freiheit voll auskosten können. Für Spaß und Action sorgt in einem Auslauf zudem ein Hunde-Parcours, von dem Lotta-Filipa nicht genug bekommen konnte. Eine Pfötchendusche, Handtücher zum Abrubbeln für den freien Gebrauch, eine eigens eingerichtete Örtlichkeit zum Säubern, sollten die Vierbeiner zu verdreckt sein. Eine Leckerli-Bar mit all‘ jenen Schmankerln, die Hundeherzen höher schlagen lassen. Hunde auf dem Sofa oder gar im Bett? Auf dem Gut kein Problem. Sogar in den Fitness-Raum dürfen sie mit.

https://lottafilipa.files.wordpress.com/2018/05/hopsen-bine.jpg“> hopsen © Sabine Münch[/captio
Glück pur für unsere drei Hunde: Wälzen auf der großen Wiese, schnüffeln am Löwenzahn, rennen und tollen, über Reifen hopsen, Stöckchen und Bälle jagen, chillen auf dem Sofa. Eine ganze Woche lang. Aufenthalt im Hundeparadies!

Konzipiert ist der Aufenthalt auf Gut Hof Grabow komplett vom Hund her. Abstriche sollen die Halter machen. Tierwohl geht hier vor. Das spiegelte etwa die Ausstattung unserer Ferienwohnung wieder (wir hatten „Curtis“ vom 21. bis 28. April 2018 gebucht). Die beiden Aufenthaltsräume sind hundegerecht ausstaffiert. Vollgestopft mit riesigen Wohnlandschaften (zum Chillen mit Ihren Hunden) sowie diversen Hundesofas und –kissen in allerlei Größen und Farben, die auf der Homepage des Gutes zum Kauf feil geboten werden. Viel Platz für etwaige Bedürfnisse der Halter bleibt da nicht. Eine Möglichkeit, etwa um ein Glas mit Wein auf einem Abstell- oder gar einem Couchtisch in den Wohnzimmern zu platzieren, sucht man in Curtis ebenso vergebens wie eine Lichtquelle zum Lesen. Schade ist zudem, dass Curtis über keinen „Freisitz“ verfügt. Will man die Hunde kurz vor die Türe lassen oder draußen eine Zigarette rauchen, muss man mit dem Durchgang vom Parkplatz zum Haupthaus Vorlieb nehmen. Wenig attraktiv, erst recht nicht, wenn das Gut ausgebucht ist.

Se

[/caption]Sei’s drum. So es um Hundis Wohlergehen und Vergnügen geht, kann ich gut und gerne  auf Komfort verzichten. Was mir an dem Konzept allerdings missfiel, war der Umstand, dass die Betreiber offenbar vom „wort case“ ausgehen. Von der Annahme, dass auf ihrem Anwesen ausnahmslos unverantwortliche Halter mit Problemhunden Urlaub machen. Hunde, die dauerhaft kläffen und Ferienwohnungen demolieren, wenn man sie alleine lässt. Sozial unverträgliche Bestien, die sich auf ihre Artgenossen stürzen und bei Begegnungen mit fremden Ihresgleichen ausrasten. Nur so lässt sich die Hausordnung erklären, nach der auf dem gesamten Anwesen – mit Ausnahme der beiden Auslaufgebiete – generell Leinenzwang gilt und es untersagt ist, Hunde in den Ferienwohnungen alleine zu lassen. Für die Zeit etwa, die man für eine Fahrt zum nächstlegenen Discounter braucht, ist man angehalten, einen Hundesitter zu buchen.

ottafilipa.files.wordpress.com/2018/05/schauen.jpg“> schauen © GvP[/caption]Wo ein

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – das gilt in Hof Grabow leider nicht. Nachdem wir mit den anderen Gästen, die während unseres Aufenthaltes auf dem Gut Logie genommen hatten,  Absprachen betreffs Begegnungen mit unserern Hunde getroffen hatten,  erreichte mich eine harsche schriftliche Ermahnung von der Betreiberin, in der es unter anderem hieß: „Insbesondere ist es nicht zu diskutieren, vor allem nicht mit anderen Gästen, ob die Hunde außerhalb des Appartements und der beiden Hundeparks auch unangeleint sich begegnen können oder dürfen. Wir sind uns unseres Gesamtkonzeptes sehr bewusst und es ist sich absolut daran zu halten. Das ist auch für das Alleinlassen der Hunde so. Wir wünschen dies in keinster Weise. Auch wenn Sie dies in Ihrem Umfeld zuhause anders praktizieren, so ist das in Gänze bei uns zu unterlassen.“

Schade, da

[/caption]Schade, dass die Betreiber ihren Gästen Vernunft, Verantwortungbewusstsein und Hundekenntnisse komplett absprechen. Davon abgesehen, ein etwas freundlicher Ton wäre wohl auch angemessener gewesen. Sei’s drum. Wir hatten während unseres Aufenthaltes auf Gut Hof Grabow einen netten einvernehmlichen Kontakt zu unseren Mitbewohnern Anke, Gabi und Markus (nebst deren drei Hunden) und unsere Hunde viel Bewegung und Spaß. – Meine Devise: Guter Dinge sein, selbst dann, wenn es des Guten zu viel ist.

Das steckt man nicht weg!

Am Freitag wurden im Auslaufgebiet Grunewald zwei Hunde totgebissen. Im Blutrausch. Tags zuvor gegen 11 Uhr war an der Ecke Treitschke-/Lepsiusstraße ein Hund auf Lotta-Filipa losgegangen. Den Vorfall hat Hundi auf ihrer Facebook-Seite so beschrieben:

Lotta-Filipa verstört © GvP

Das war so schrecklich heute Morgen!! Wir biegen um die Ecke, ich an der Leine. Vorm Bäcker steht so ne Art Schäferhund-Mix. Mit Leine, die an ihm runterhing. Mir stockt der Atem. Gesine verlangsamt den Schritt. Offensichtlich war er ihr auch nicht geheuer. Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, da stürzte sich der Kerl auf mich. Ich schreie um mein Leben, Gesine schreit ihn an und versucht, ihn abzuwehren und mich vor seinen Bissen zu beschützen. Ich mache in die Hose und quicke wie irre. Aus der Bäckerei eilt nicht etwa der Halter des Hundes zu Hilfe. Sondern die Verkäuferin. Der Kerl lässt von mir ab. Ich quicke weiter und zittere wie Espenlaub, von der peinlichen Sauerei hinten nicht zu reden. Gesine zittert inzwischen auch. Ist mit den Nerven runter. Die Verkäuferin bringt Wasser und Servietten. Gesine und sie versuchen, mich auf Bisswunden zu untersuchen. Die Halterin, die ihren Kaffee in der Bäckerei inzwischen zu Ende getrunken hat, findet sich ein. Nimmt den Hund an die Leine, murmelt „Entschuldigung“ und zieht Leine. Die Verkäuferin bringt Leckerlis. Ich lasse mich oberflächlich abtasten. Gesine hat sich wieder etwas (etwas!) im Griff und befragt die Verkäuferin, ob sie die Halterin und den Hund kennt. Ja, der Hund mache verschiedentlich vor der Bäckerei Probleme, wenn die Halterin dort frühstücke. Gesine insistiert. Die Verkäuferin zuckt die Achseln. Recht hat sie. Nicht ihre Sache, dass die Halterin ihren angriffslustigen Hund während sie frühstückt vor der Bäckerei frei herumlaufen lässt.

Nachdem ich meine Nerven wieder im Griff und Hundi sich halbwegs vom Schock erholt hatte, stellten sich mir zwei Fragen. Warum uns lediglich die Verkäuferin zur Seite gestanden hatte, obwohl die Bäckerei zum Zeitpunkt der Attacke gut besucht gewesen ist, und ob ich den Vorfall zur Anzeige bringen sollte? Denn sind es nicht die unverantwortlich handelnden Halter, die andere Hunde und Halter unter Generalverdacht stellen? Und wo führt das hin? Zur generellen Leinenpflicht in Berlin. Letzteren Gedanken habe ich abends in zwei Berliner Hundegruppen auf Facebook geteilt. Abgesehen von einer Antwort, in der der Angriff auf Lotta-Filipa als Lappalie abgetan wurde, einigen Berichten über ähnlich gelagerte Erlebnisse und der Bemerkung, dass ich es nicht draufhätte, mit größeren Hunden umzugehen, war man sich in den beiden Gruppen einig: Anzeigen!

tu mir bitte nix! © GvP

Am Freitag suchte ich die Bäckerei auf. Obwohl die Verkäuferin, die uns zur Seite gestanden hatte, nicht anwesend war, konnte man sich dort gut an den Vorfall erinnern. Die Schreie seien unüberhörbar und die Attacke unter den Gästen auch Thema gewesen. Warum niemand anderes zu Hilfe gekommen sei? Achselzucken. Warum ausgerechnet die Verkäuferin? Weil sie eben Hunde lieben würde.

Immerhin konnte ich in der Bäckerei den Namen des Hundes in Erfahrung bringen. Meine Bitte, man möge bei der Halterin doch zukünftig dafür Sorge tragen, dass sie ihren Hund vor Betreten des Ladens draußen anbindet, wurde abermals mit einem Achselzucken quittiert. Abgesehen von einem unbefestigten, mickrigen Fahrrad-Werbestständer für eine Boulevardzeitung, den jeder größere Hund mühelos bewegen kann, sei dafür vor der Bäckerei keine Vorrichtung vorhanden. Ob man nicht Abhilfe schaffen könne? Abermals wurde mit den Achseln gezuckt. Das habe man dem Chef schon vorgeschlagen, freilich sei das aber Sache der Hausverwaltung.

Ich suchte das Gespräch mit dem Ordnungsamt, das von mir zunächst wissen wollte, ob es sich bei dem Angreifer um einen sogenannten Listenhund gehandelt habe. Auf mein Nein, folgte ein mitleidiger Blick, gerade so, als ob man dann nicht zuständig wäre. Danach entwickelte sich das Gespräch dennoch konstruktiv. Man informierte mich über die möglichen Amtswege  und riet mir davon ab, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Bliebe lediglich der Weg über das zuständige Veterinäramt. Ohne Name und Adresse der Halterin ginge da aber nix. Auf meine abschließende Frage, ob das rechtens sei, dass Geschäftsleute Hundehalter ausdrücklich darauf hinweisen, dass Hunde draußen zu bleiben hätten, ihnen dort aber keine Möglichkeit bieten, Hunde anzuleinen, folgte ein Achselzucken.

Hundi © GvP

Ich horchte mich im Kiez unter den Hundehaltern um. Namen und Adresse der Halterin kennt keiner, dafür wurde mir allerlei über den Hund zugetragen. Es habe bereits mehrere Anzeigen gegeben und die Auflage erteilt, dass die Hüdin an der Leine geführt werden müsse. Kolportiert wurde auch, dass es wegen ihr zu Handgreiflichkeiten zwischen der Halterin und einem anderen Hundehalter gekommen sei. Auf Facebook wurde mir derweil ein Vorschlag gemacht, den ich von mir gewiesen habe: Den Namen des Hundes in den Berliner Hundegruppen öffentlich zu machen, um der Halterin habhaft zu werden.

Noch hoffe ich darauf (rechne mir aber wenige Chancen aus), Namen und Adresse zu erfahren, und tröste mich damit, dass die Attacke glimpflich ausgegangen ist. Körperlich zumindest. Nicht aber für den Kopf und das Gemüt. Gestern dachte ich für ein kurzes Moment sogar, niemals wieder einen Hund halten zu wollen. Hilflos zusehen zu müssen, wie sich ein Hund in den eigenen verbeißt, die Todesangst des eigenen Hundes mitansehen zu müssen – das steckt man nicht weg. Das lähmt. In den entscheidenden Momenten, zu denen man – von Amteswegen  – die Kraft hätte aufbringen müssen, den Halter nach seinen Personalien zu fragen. Und lange, lange darüberhinaus.

Update am 20. Dezember 2017: Ich habe Name und Adresse erfahren und heute beim Veterinäramt Steglitz-Zehlendorf eine Beschwerde eingereicht.