Archiv der Kategorie: Auf den Hund gekommen

Fahrräder auf Gehwegen? Ein Unding!

Gestern während der Abendrunde. Lotta-Filipa beschnüffelt am Gehwegrand frischen Löwenzahn, ich höre zwei Passanten zu, die sich über das Gebaren von Fahrradfahrern auf Bürgersteigen echauffieren. „Haben wir der Politik unserer neuen Regierung zu danken“, meint der Herr. Die Dame nickt bekräftigend.

tu‘ mir nichts! © GvP

Kurzzeitig bin ich amüsiert. Doch nur so lange bis der erste Radler auf Hundi und mich zurast und im Rücken anhaltendes Klingeln zu vernehmen ist, mit dem zwei Velofahrer unmissverständlich verlauten lassen, dass Fahrräder auf Bürgersteigen Vorfahrt haben.

Während ich Lotta-Filipa und mich auf dem schmalen Gehweg in Sicherheit bringe, denke ich mir, Recht hat der Herr! Seitdem Berliner Radler den rot-rot-grünen Senat hinter sich wissen, der ein Radgesetz mit dem Ziel vorsieht, die Fahrradinfrastruktur im Land zu verbessern, halten sie sich immer seltener an die Fahrrad-Verkehrsregeln. Die unter anderem besagen, dass Radfahren auf dem Gehweg verboten ist und bei Missachtung ein Bußgeld bis zu 30 Euro fällig wird. Und das Berliner Ordnungsamt, das mit Eifer Knöllchen an Halter verteilt deren Hunde in geschützten Grünanlagen ohne Leine laufen? Das schert sich nicht darum, wenn Radler dort radeln, wo sie per Gesetz nicht radeln dürfen. In geschützten Grünanlagen beispielsweise, die nicht ausdrücklich für Radler freigegeben sind…

in Deckung © GvP

Gegen eine nachhaltige Mobilitätspolitik, die Radwege auszubauen gedenkt, ist nichts einzuwenden. Leider scheinen aber die Berliner Velofahrer das Eckpunkte-Papier für ein Radgesetz, das der Senat im April 2017 beschlossen hat, für einen Freibrief zu halten. Dafür, dass sie neuerdings Vorfahrt haben. Und zwar nicht nur für den Fall, dass sie von rechts kommen, sondern immer und überall. Und auf Gehwegen sowieso.

Summa summarum (nicht auszumalen): Unter Rot-Rot-Grün ist die Gefahr für Hundi um ein Vielfaches gewachsen, auf dem Gehweg unters Rad zu kommen. Statt auf der Straße unter ein Auto. Ein Unding ist das.

Ein kolossales Missverständnis

Viel ist darüber zu hören und zu lesen, dass Hunde uns problemlos verstehen. Jüngst wies eine wissenschaftliche Studie auch nach, dass Hunde Sprache ähnlich verarbeiten wie das menschliche Gehirn.

Ich meine ja, es handelt sich um ein Missverständnis. Um ein kolossales Missverständnis! Ist es nicht vielmehr so, dass sich der Haushund in seiner Jahrtausende langen Entwicklungsgeschichte die Fertigkeit angeeignet hat, uns abzurichten, seine Art richtig zu verstehen? Die Wünsche, Bedürfnisse, Stimmungen des „Canis lupus familiaris“ zwar nicht von dessen Lippen abzulesen? Wohl aber aus dessen Körperhaltung und dem Gebaren abzuleiten?

Ohren auf Durchzug © GvP
Ohren auf Durchzug © GvP
Schlagender Beweis für diese These, die allen Mythen über die gar wundersame Mensch-Hund-Beziehung widerspricht, die via verbaler Kommunikation funktionieren soll: Lotta-Filipa.

Ich kann noch so deutlich – gelegentlich sogar wehleidig – lamentieren, dass ihr Gezerre an der Leine meinem lädierten linken Knie wehtut. Ihr tausendfach expressis verbis erklären, warum ich nicht ihr Balljunge bin oder weshalb ein abgenagter Knochen weder ins Bad und schon gar nicht ins Schlafzimmer gehört. Lotta-Filipa versteht mich nicht!

Warum läuft unsere Beziehung trotzdem rund? Warum kommen wir dennoch so wunderbar miteinander aus? Weil Lotta-Filipa MIR beigebracht hat, sie zu verstehen.

Ein sehnsüchtig erwartender Blick: Ich lasse ein Leckerli springen… Ein Taps mit der Pfote auf meine Hand: Ich kraule Hundis Ohren… Ein wohl dosierter Schlag gegen das Buch, das ich lese, kombiniert mit einer auffordernden Spielhaltung: Ich krieche unters Sofa, um das Bällchen hervorzuholen… Ein heftig wedelnder Schwanz: Ich kicke das Bällchen…

Umgekehrt wird daraus übrigens ein Schuh. Ein Fingerzeig von mir. Lotta-Filipa versteht mich aufs Wort. – Nee! Eben nicht aufs Wort!

Ohne Worte! Deshalb läuft das mit der Hund-Mensch-Beziehung seit Jahrtausenden rund. – Der „Canis lupus familiaris“ hat uns gelehrt, Lippen zu lesen.

Erst das Fressen? Dann die Moral?

Sprichwörtlich geworden sind diese Zeilen aus der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Brechts klassenkämpferische Intention („Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Erst muss es möglich sein, auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden“) ging derweil verloren. Längst steht das Zitat, aus dem Kontext der Ballade „Wovon lebt der Mensch“ herausgerissen, für die „Ichlinge“.  Eben für jene, die sich in der „Ellenbogengesellschaft“ (nicht grundlos in Deutschland 1982 zum „Wort des Jahres“ gekürt) durchsetzen und keine Moral jenseits des Eigeninteresses kennen. „ Wir verabscheuen Nächstenliebe … wir scheißen auf die Moral. Willkommen in der Gemeinschaft und dem geilen Ego-Trip“, heißt es auf der aktuellen CD „Wutfänger“ der Gruppe „Silly“.

mit Anstand © Sabine Münch
mit Anstand © Sabine Münch

Dass andersherum ein Schuh daraus wird, hat Lotta-Filipa verinnerlicht. Wie Hunde generell, die sich seit Jahrtausenden darin üben, mit Menschen auskömmlich zusammenzuleben. Niemals käme Lotta-Filipa in den Sinn, die Moral hintenanzustellen. Ganz im Gegenteil. In keiner anderen Situation beweist sie so viel Anstand wie vor dem Fressen. Dann bedarf es keiner Geste oder Ansage meinerseits.

Bereite ich ihr Fressen zu, unterlässt Hundi ad hoc alle Faxen. Morgens verbleibt sie unaufgefordert im Sitz vor dem gefüllten Napf. Nicht etwa das Fressen, sondern mich fest im Visier. Solange bis sich das „Sesam öffne dich“ hören lässt, meine Worte: „Bitte sehr. Guten Appetit.“ Abends, wenn es im Wechsel Beinscheibe, Fleischknochen, Luftröhre oder andere Leckereien gibt, demonstriert Lotta-Filipa die ganz ganz hohe Schule des Anstandes.  Vor den Köstlichkeiten verharrt sie mit übereinandergeschlagenen Pfoten im Platz.  Bis sich „Sesam öffne dich“ hören lässt.

Das haben Hunde, denen Herrchen respektive Frauchen Futter geben, internalisiert: Vor dem Fressen kommt die Moral. Sie haben begriffen, zu fressen kriegt, wer Anstand groß schreibt. – Eine Lehre übrigens, die saturierten Menschen nicht schlecht zu Gesicht stünde. Allemal in Zeiten wie diesen, zu denen sich Grobschlächtigkeit, Respektlosigkeit und Unanständigkeit ausbreiten, sich Tabubrüche und verbale Entgleisungen mehren.