Archiv der Kategorie: Auf den Hund gekommen

Die Halter im Kiez

Vor vier Jahren, genauer gesagt: am 20. Juli 2013, zog Klein-Hundi bei mir in Steglitz ein. Zeit genug also, um ihr Wesen, ihre Reaktionen und Vorlieben zu studieren. Längst kenne ich Lotta-Filipa aus dem FF. – Wie die Hunde und Halter im Kiez inzwischen auch.

Lotta-Filipa © Sabine Münch

Lange Zeit hielt ich es wie Lotta-Filipa : habe mich auf die Hunde konzentriert. Mit wem im Kiez steht sie auf Du und Du? Wen kann sie weniger gut riechen und welchem Artgenossen, der uns im Steglitzer Revier entgegenkommt, gehen wir besser aus dem Weg? Erst nach Monaten dämmerte mir, dass ich diesen Job Lotta-Filipa überlassen sollte. Sie kennt sich mit Ihresgleichen sehr viel besser aus als ich. Noch dazu hatte ich nun die Erfahrung gemacht, dass vielfach nicht die Hunde, sondern deren Halter das Problem sind.

Da gibt es die Sonambulen im Kiez. Nix gegen Traumwandler, aber ein Auge auf seinen frei laufenden Hund sollte man gelegentlich werfen.  Gilt selbstredend auch für jene, die sich statt mit dem Hund mit dem Handy beschäftigen.

Dann gib es solche, die einen Hund offenbar hauptsächlich zu dem Zweck halten,  soziale Kontakte zu anderen Hundehaltern zu knüpfen. Die einen – schlimmstenfalls während der ersten Gassirunde in Allerherrgottsfrühe – in Gespräche verstricken. Aus dem Weg – und zwar nicht nur Frühmorgens – sollte man tunlichst auch jenen Haltern gehen, die keinen blassen Schimmer davon haben, wie Hunde ticken. Die nicht wissen, was es bedeutet, wenn ein Hund den Schwanz kneift. Die ihren mit Karacho auf einen anderen zu rennen lassen, obwohl der sich demonstrativ quiekend auf den Rücken wirft.

In die Kategorie Worst Case fallen auch jene, die die schlechten Seiten ihres Hundes á la „Der tut nichts!“ oder „Das hat der noch nie gemacht!“ herunterspielen. Nicht viel besser sind allerdings auch diejenigen, die aus Liebe zum eigenen Hund erblindet sind. Die  Mobbing mit dem Kommentar „ist das nicht süß, wie meiner hinter Ihrem Hund her ist?“ versehen.

an kurzer Leine © GvP

Von jenen, die ihren Hund so gar nicht im Griff haben, müssen wir hier nicht zu reden. Dafür von einer Spezies, die uns im Kiez das Fürchten lehrte. Jene Halter, die ihrem Hund zwar lange Leine lassen. Ihm aber nichts zutrauen. Dem eigenen Hund nicht vertrauen. Die die Flexileine ebenso wenig unter Kontrolle haben wie ihren Hund,  den sie in fünf, sechs oder gar in acht Meter Entfernung laufen lassen. Die unfähig sind, ihren Hund zu stoppen, und hilflos zuschauen, währenddessen sich die Flexileine mit Lotta-Filipas Leine verheddert und dann um meine Beine wickelt. Ein gemeingefährlicher Kontrollverlust. Für Hundi und mich – für den Flexileinenhalter und den Hund , der daran hängt.

Kurzum: Seitdem wir die Runden im Kiez unseren Fähigkeiten entsprechend auskundschaften, läuft Gassi im Revier zumeist rund. Lotta-Filipa beäugt die Artgenossen und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, wem wir auf der Tour aus dem Weg gehen sollten. Nie trügt sie ihr feines Gespür für die Launen der Hunde im Revier. „Du, der kleine Kläffer, der Rehpinscher, der mir nicht zum Bauch reicht, der ist heute echt schlecht drauf.“ Wir wechseln die Straßenseite.

Ich konzentriere mich auf die Halter. Meine ernüchternde Erkenntnis nach vier Jahren: Wir gehen mehr Haltern als Hunden aus dem Weg.

Events rund um den Hund

Bisweilen fasst man sich dann doch an den Kopf, was man als Hundehalter so alles tut. Um dem geliebten Vierbeiner gut zu tun. Bei Wind und Wetter raus. Rohes Fleisch zerteilen, obwohl es einen anwidert. Den Geruch von Pansen und Blättermagen ertragen, obwohl das zum Himmel stinkt. Im Fell nach Zecken suchen, obschon man sich vor den Viechern ekelt. Unter Dornenhecken kriechen, weil da ein Bällchen liegt. Gespräche auf Hundewiesen führen, die lediglich ein Thema kennen: Hunde. – Petitessen, die völlig in Ordnung sind.

lieber im Freien © GvP
Überkandidelt ist ein Halter dann, wenn er mehr als das tut, was im Alltag mit Hund Normalität ist. Normal ist, weil es dem Hund gut tut. An den Kopf fassen sollte er sich dann, wenn Veranstaltungen, Messen oder Events mit dem Hund einplant sind, die rund um den Hund Tamtam machen. Dann sind Hopfen und Malz verloren.

Ich gehöre zu jener einfältigen Hundehalter-Spezies bei der das Event-Marketing verfängt. Zwar bin ich mir bewusst, dass Veranstaltungen rund um den Hund nicht den Zweck haben, Hunde zu bespaßen. Sondern auf mein Geld aus sind, das ich für Hundi gerne locker mache. Trotzdem treibt es mich mit Lotta-Filipa hin und wieder zu Events rund um den Hund hin. Frei nach dem Motto: Informieren schadet bekanntlich nicht. Und Hundi? Könnte ja Spaß daran haben …

Deshalb haben wir im vergangenen Jahr „House of Dogs. Die Messe für Hunde“ im Berliner Postbahnhof besucht. War ein Flopp – kann man hier nachlesen.  Am vergangenen Wochenende waren wir – schon zum zweiten Mal – beim Hundetag im Berliner Tierpark dabei. Obschon sich Hundi vor zwei Jahren – wider meine hochgesteckten Erwartungen – kein bißchen für die Tiere dort interessiert hat – das frustrierende Erlebnis kann man gerne hier nachlesen.

Da Lotta-Filipa inzwischen erwachsen geworden ist, schien mir die Zeit für einen abermaligen Besuch im Berliner Tierpark gekommen. Im Alter von vier Jahren, dachte ich mir,  wird Hundi – verdammt noch mal – doch endlich die Reife haben, um anderen Lebenwesen aus der Tierwelt Anteil zu zollen.

lieber mit Kumpels © Sabine Münch
Ich sollte Recht behalten. Hundi war mit Eifer dabei. Jeder Artgenosse, der unseren Weg im Tierpark kreuzte, wurde neugierig beäugt, meist sogar freudig begrüßt. Egal ob Edelrasse oder Mix, von kräftiger oder zarter Statur, ob Draufgänger oder Angsthase. Und das  – obwohl sich Lotta-Filipa unter anderen Umständen mit fremden Hunden selten gemein macht. Die Tiere in den Gehegen und Käfigen hingegen strafte sie mit Missachtung. Gerade so als wolle sie mir zu verstehen geben, artgerecht ist diese Haltung nicht. Tiere brauchen Freilauf!

Die Lehre saß. Events rund um den Hund mit Hundi lassen wir zukünftig sein. Artgerecht ist das nicht.

Die Phasen unserer Beziehung

Psychologen meinen zu wissen, dass Paare fünf Phasen durchlaufen bis ihre Beziehung stabil und für beide bereichernd ist. Eine Mehrheit schafft das nicht.

frisch verliebt: Schmetterlinge im Bauch © Sabine Münch
  1. Die Phase der Verliebtheit mit den Schmetterlingen im Bauch und einer rosaroten Brille auf.
  2. Rosa entfärbt sich, der Blick schärft sich. Hier geben viele Paare auf, häufig im vierten Jahr.
  3. Was sich liebt, das reibt sich aneinander; Grenzen werden abgesteckt und ausgetestet.
  4. Es wird Bilanz gezogen. In diesen Zeitraum fallen die meisten Trennungen; die Ehe-Statistik im 14. Jahr.
  5. Man hat Vertrauen und Sicherheit im anderen gefunden. Die Partner gehen durch dick und dünn. Kommt es zu Auseinandersetzungen wird nicht sofort über Trennung nachgedacht.

Auch Hundi und ich haben Phasen durchgemacht. Genaugenommen bisher drei, die durchaus jenen vergleichbar sind, die Psychologen ausgemacht haben. Ein Unterschied freilich ist eklatant: eine Trennung kam uns nie in den Sinn!

Die erste Phase war kurz, aber umso anstrengender. Wie bei den Menschen auch, bei denen die Glückshormone verrücktspielen. Mir unvergesslich, dass ich wenige Tage nach Lotta-Filipas Einzug im Juli 2013 in hysterisches Schluchzen ausbrach: „Das schaffe ich nie!“ Ausgesprochen heiße Sommertage in Berlin. Die Dachwohnung im vierten Stock überhitzt. Und Hundi mit knapp 13 Wochen nicht stubenrein.

rosarote Brille auf © Sabine Münch
Dass Welpen runter müssen, wenn sie in die Wohnung machen, das hatte ich internalisiert. Ebenso dass man Welpen möglichst häufig auf die Wiese bringt und dass man sie unter keinen Umständen Treppen rauf und runter selbst laufen lässt. Für mich hieß das: Bei über 30 Grad mit Klein-Lotta-Filipa auf dem Arm 100 Stufen runter und wieder rauf. Mindestens alle zwei Stunden. Und so das Malheur oben passiert war im Viertel-Stunden-Takt.

Kräftezehrend war das andauernde Treppengelaufe bei Hitze. „Das schaffe ich nie!“ An meinen Nerven zerrten damals zudem die Reaktionen all‘ jener, denen wir unten über den Weg liefen. An allen Ecken und Enden schallte es: „Oh, wie süß!“. Anfangs war ich stolz wie Bolle, das um  m e i n  Hundi so viel Aufhebens gemacht wurde. Dann aber begannen mich die verbalen Übergriffe samt den penetranten Nachfragen nach Hundis Alter, Geschlecht und Rasse zu nerven. Als unerfahrene Halterin, die ich damals war, tat ich die Genderfrage mit einem Achselzucken ab. Allmählich erst dämmerte mir, dass diese in der Hundehalter-Welt von Bedeutung ist. Sie ist vorsorglich gemeint, weil die Frage nach dem Geschlecht deeskalierende Funktion hat. Und was Hundis Rasse betraf, von der ich damals selbst noch keinen blassen Schimmer hatte, dafür hatte ich alsbald eine Notlüge parat: „Indischer Jagdhund.“ – „Nie gehört.“ – „Seltene Rasse. Eine spezielle Züchtung – in Indien. Flink wie ein Wiesel, mit ausgeprägtem Geruchssinn, klein genug, um einen Fuchsbau auszuräumen. Wird auf heilige Kühe angesetzt, die ausgebüchst sind.“ – „Echt? Toll! Wie kommt denn der nach Deutschland?“ – Achselzucken meinerseits.

nur mit Liebe © Sabine Münch
Wie gesagt, die erste Phase war verdammt anstrengend, dafür dauerte sie aber nicht allzu lange. Wie der Ausnahmezustand des Verliebtseins auch. Hundi hatte ein Erbarmen mit mir und wurde schnell stubenrein. Aus dem Welpen wurde ein Junghund, die verbalen Übergriffe („Oh wie süß“, „Wie alt ist die denn?“) ließen nach. Im Unterschied zu ersten zog sich die zweite Phase dann allerdings verdammt lange hin. Was vornehmlich mir anzulasten wäre, da ich in der Zeitspanne, in der Klein-Hundi erwachsen wurde, zu lax gewesen bin. Hundi streng anzupacken, um meinen Willen durchzusetzen, das wollte mir damals partout nicht in den Sinn. Unvergesslich die Aussage einer Hundetrainerin in dieser Phase: „Gesine nur mit Liebe erzieht man keinen Hund!“

strenge Hand? © Achim Westphal
Nicht mein Ding – eine strenge Hand. Außerdem konnte ich mich guten Gewissens damit herausreden, dass Lotta-Filipa dank meiner Erziehung perfekt geraten ist. Lieb, sozial überaus verträglich und völlig unauffällig. Sie jagt keinen Joggern und Fahrradfahrern nach, stürzt sich nicht Zähne fletschend auf kleine Kinder, macht nichts kaputt. Hundi verhält sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln brav, schnappt nicht nach Fingern und beißt nicht in Waden, auch in die vom Postboten nicht. Sie kann „sitz“, „platz“, „bleib“, „warte“, „gehen“ „langsam“, „hier“ und „bei mir“.

So sie Bock hat, konterte Freundin Sabine damals stets. „Rat-Terrier-Dickkopf halt“, hielt ich dann unbeirrt dagegen. „Das kriegt man nicht raus wie den Jagdtrieb auch. Rat-Terrier wurden gezüchtet, wie dir bekannt sein dürfte, um Ratten zu jagen.  Bestzeit: 100 Ratten in sechs Minuten. Dagegen kommt man nicht an. Auch kein Hundeflüsterer.“ Achselzucken bei meiner hunderfahrenen Freundin Sabine. Gegen meinen Starrsinn kam auch sie nicht an.

Helikopter-Mami © Sabine Münch
Peu á peu dämmerte dann auch mir, dass ein Dickkopf und eine Helikopter-Mami, die Hundi am liebsten auf Händen trägt, auf Dauer Probleme kriegen könnten. Dass einem temperamentvollen und willensstarken Charakter, der am liebsten sein Ding macht, nur mit Liebe schwer beizukommen ist. Eine erste (theoretische) Kehrtwende leitete eine Hundetrainerin ein, die mir vor einem dreiviertel Jahr auf den Kopf zusagte, dass ich Lotta-Filipa mit meinem laxen Führungsstil überfordern würde. Dass ein starker Charakter einen ebenbürtigen Partner braucht. Einen auf den Verlass ist, der die Marschrichtung vorgibt.

klare Ansage © Sabine Münch
Wer hört sich das gerne an, dass der eigene Hund von einem denkt, man sei eine Witzbudenfigur? Das saß. Jäh wurde mir bewusst: wer liebt, der überfordert nicht. Der fördert, indem er fordert. Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis brauchte ich wiederum einige Monate bis mir klare Ansagen über die Lippen kamen. Es kostete mich immens viel Überwindung bis aus meinen gesäuselten Empfehlungen („Lotta-Filipa würdest du hier jetzt bitte Stopp machen? Da kommt ein Auto“)  Kommandos wurden („Halt!“). Und als ich das endlich internalisiert hatte, benötigte Lotta-Filipa wiederum einige Zeit um zu begreifen, dass sich am anderen Ende der Leine keine Witzbudenfigur bewegt, sondern ein Ansager, der die Richtung vorgibt und das genauso meint, was er sagt.

Dreamteam © Sabine Münch
Von weitreichender Bedeutung sollte dann ein Erlebnis vor wenigen Wochen sein. Nämlich Lotta-Filipas Versuch, ein Baby-Eichhörnchen zu stellen, das aus dem Nest gefallen war. Ich befleißigte mich eines Tones, den ich bislang an mir nicht gekannt hatte. Hundi war wie vom Donner gerührt! Konsterniert: Upps, die Witzbudenfigur meint das ernst!

Seitdem funktioniert unsere Beziehung nahezu perfekt – ohne meine Stimme abermals erheben zu müssen wie beim Baby-Eichhörnchen. Nicht mein Ding. Ein Fingerzeig, ein verhaltenes Räuspern reichen. Offenbar sind die Fronten geklärt. Lotta-Filipa scheint begriffen zu haben, dass ich meine, was ich sage. Sie pariert. Nicht immer, aber immer öfter und besser. Terrier-Dickkopf halt …

Phase 3: Sicherheit und Vertrauen © Sabine Münch
Fast könnte man meinen, dass wir in jener Phase angekommen sind, die Paare  eher selten miteinander genießen können. Jene intensivste und beglückendste Phase einer Beziehung, die durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist.

Durch unmissverständliche Gesten und eindeutige Kommandos gebe ich Hundi Sicherheit. Das Vertrauen in- und zueinander ist gewachsen. Was auch heißt, dass ich Attitüden der Helikopter-Mami zunehmend sein lasse und Lotta-Filipa mehr Freiräume einräume. Ich traue ihr sehr viel mehr zu als in den ersten beiden Phasen unserer Beziehung. Trotz Terrier-Dickkopf und ausgeprägtem Jagdinstinkt. Was zählt sind Sicherheit und Vertrauen. Klappt wunderbar! – Ehrlich gesagt: alle Phasen mit Lotta-Filipa waren wunderbar. Die dritte aber – die ist mit Hundi die bisher beste .