Archiv für den Monat Februar 2018

Herrchen hat gelesen: „Jasper und sein Knecht“ von Gerbrand Bakker

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, ticke ich anders. Ich sehne Schnee herbei, weil Lotta-Filipa daran Spaß hat. Bin bei Wind und Wetter draußen, weil sie Auslauf braucht. Habe meinen Frieden mit rohem Fleisch gemacht, weil das gut für Hundi ist. Und so weiter und so fort. Das allerdings gab mir dann doch zu denken.

Ich stöbere im Buchladen. Plötzlich ist Eile geboten. Ohne frische Lektüre will ich aber nicht gehen. Mich springt ein Cover an. Genauer gesagt, ein treuherziger Blick aus braunen Augen. Der Autor? Gerbrand Bakker? Nie gehört. Die U4? Interessiert nicht. Doch nur Marketinggewäsch. Ich eile zur Kasse. Must have! Weil ein Hund auf dem Cover abgebildet ist?

Irgendwie unangenehm war mir mein Einkauf schließlich doch. Ich hatte arge Befürchtungen. Niedlich anmutende Cover zieren jene Bücher eher nicht, die mir Lesegenuss bereiten. Und der Titel, „Jasper und sein Knecht“, ließ nun auch nicht unbedingt vermuten, dass mein Spontankauf in der anspruchsvolleren Liga mitspielt. Hoffen ließ allenfalls der Verlag, der die Taschenbuchausgabe 2017 herausgebracht hat. Obwohl. Auch Suhrkamp hat mich schon enttäuscht.

Kurzum, das Buch lag rum. Erst vor einigen Tagen fühlte ich mich stark genug, mich zu meiner Schwäche zu bekennen. Dass sich mein Verstand ausschaltet, wenn mich ein inniger Hundeblick trifft. Sogar dann, wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass Marketing und Vertrieb genau darauf setzen.

Ich fasste Mut, machte mich an die ersten Seiten. Nach anfänglichen „Mühen der Ebene“, ganz leichte Kost ist Bakker nicht, ließ mich die Lektüre nicht mehr los. Titel und Cover führen auf eine falsche Fährte. Klar, es geht auch um einen eigenwilligen Hund namens Jasper. Um Auslauf und Freiheit, die sich ein ehemaliger Straßenhund nicht nehmen lässt. Es geht um Vertrauen und Bindung. Auch um Stubenreinheit, Wurmkuren, Tierarztbesuche; Petitessen allemal, die Hundehaltern vertraut sind.

Keine Hundegeschichte. Sondern  – in ihrer Offenherzigkeit nahezu skandalös anmutende – ehrliche Notizen eines Lebens in provinzieller Abgeschiedenheit mit Hund und Nachbarn. Gelegentlichen Abstechern nach Amsterdam, Reisen zu Lesungen und Preisverleihungen. Notiert wurden sie ab dem 3. Dezember 2014, der letzte Eintrag datiert vom 14. März 2016. Der Zeitraum als Gerbrand Bakker sein Domizil in der Eifel aus- und umbaute, ihn die Vergangenheit mehrfach einholte. Er hatte damals keinen Atem für einen neuen Roman. Der Verlag muss gedrängt haben: Hey, nach gut verkäuflichen Romanen braucht es endlich etwas Neues von dir. Bakker schrieb zwar keinen neuen Roman. Aber Tagebuch. Unter Zuhilfenahme von Briefen, Erinnerungen und älteren Blogeinträgen.

In den Protokollen öffnet sich einer, macht sich nackt. Offenbart seine Ängste und Selbstzweifel. Keine Hundegeschichte. Sondern ein immerwährendes, ehrliches Ringen um das Selbst. Der kraftzehrende Versuch, sich zu bewahren. Beim Gärtnern, bei der Betrachtung von Vögeln, der Bestimmung von Pflanzen oder Vögeln, beim Radfahren und ausgiebigen Runden mit Hund. Bakker ist ein besonders subtiler Beobachter. Hier: seiner selbst. Seiner Außen- und Innenwelt, zu der depressive Phasen und Erinnerungslücken gehören. Sein „langer Atem“ bei der Introspektion, der mir auf den ersten Seiten beschwerlich erschien, ist magisch. Bringt Seiten/Saiten zum Klingen.

Ein großer Wurf, dieses Tagebuch. Der letzte Eintrag allerdings… Da wäre mir Fiktion doch lieber gewesen. Dass Jasper aufgrund einer nicht diagnostizierten Epilepsie eingeschläfert werden musste, geht einer Leserin, die sich durch ein Hundecover verführen ließ, ans Gemüt. – Versteht sich.

Hund müsste man sein. Bei mir!

Bisweilen beneide ich Hundi, diesen „verwöhnten Einzelköter“, wie Freundin Sabine bisweilen zu sagen pflegt, um ihr gutes, ihr bequemes Leben. Abgesehen davon, dass sie inzwischen meine Hausschuhe „wiederfindet“, die sie immer dann versteckt, wenn ich sie alleine in der Wohnung lasse, trägt Lotta-Filipa zur Bewältigung des Alltags nicht wirklich bei.

Sie chillt, wenn ich die Brötchen für unseren Lebensunterhalt verdiene. Hängt faul rum, wenn ich Ordnung in den Haushalt und ihre Spielsachen bringe. Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn ich mir die Haare raufe, weil ich meine, dem To-Do nicht Herrin werden zu können.

Ganz falsch liegt Sabine nicht. Lotta-Filipa ist ein verwöhnter Einzelköter. Ich ordne meine Bedürfnisse ihren unter. Kein Ausschlafen und ausgiebiges Frühstück mehr. Der Hund muss runter! Eiseskälte, Dauerregen? Was soll’s: Der Hund braucht Auslauf! Todmüde, bettreif? Der Hund muss nochmal runter!

Hundi © Sabine Münch

Während ich meine Malheurchen lieber aussitze, eile ich mit Lotta-Filipa wegen jeder noch so kleinen Lappalie zum Tierarzt. Sie kriegt das komplette Vorsorge-Programm. Ich beschränke mich auf das Notwendigste.

Mir steht  e i n  Bett zum Schlafen zur Verfügung. Hundi kann zwischen einem Kuschelkissen von Lilly & Lollo und zwei Körbchen aus den Luxus-Reihen von Dreambay und Hunter wählen. Alternativ stehen ihr selbstverständlich nach Belieben auch mein Bett, mein Sofa und mein Lesesessel zur Verfügung.

Lotta-Filipas Besuche beim Hundefrisör schlagen aufs Jahr gerechnet mehr zu Buche als meine Visiten bei den „Haarspezialisten“ Ecke Ku‘damm. Das eigens für Rat-Terrier entwickelte Shampoo für die regelmäßige Fellwäsche und -pflege in der heimischen Badewanne, das aus  den Vereinigten Staaten bezogen wird, nicht einmal eingerechnet. Vom feuchtigkeitsspenden Balsam für die Pfötchenpflege, Halsbändern, Leinen, Geschirren, Spielsachen und BARF-Nahrungsergänzungsmitteln gar nicht erst zu reden.

Wetten dass? Ausgewogener als meine ist Hundis Ernährung auch. Nach dem Aufstehen ein Viertelstücken Bio-Apfel, geschält selbstredend – man weiß ja nie. Nach dem Morgengassi Rindermix mit Gemüse. Der Snack am Nachmittag: ein knackfrisches Möhrchen aus biologischem Anbau. Abends alternativ Beinscheibe oder Rindermix mit Gemüse. Und zum Tagesabschluss? Na klar doch: ein Knochen für die Zahnprophylaxe.

verwöhnter Einzelköter © Sabine Münch

Ich bin Nahrungsbeschafferin, Putz- und Klofrau und – nicht zu vergessen: Balljunge. Ist der Ball erst einmal versenkt, werde ich kujoniert. So lange bis ich ins Gebüsch krieche, wo ich mir ohne zu Murren diverse Kratzer hole,  oder mich so lang wie möglich mache, damit ich irgendwie an Hundis Ball unterm Sofa komme.

Wetten dass? Aus Lotta-Filipas Sicht stellt sich das Alles ganz anders dar. Sie chillt nicht, wenn ich am Schreibtisch sitze, Ordnung in den Haushalt bringe oder in Stresssituationen versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Dann hält sie Wache, damit ich ungestört arbeiten oder das To-Do irgendwie in Griff bringen kann.

Markennamen sind ihr ebenso schnuppe wie Pfötchenspray, Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine. Ausgewogen ernährt man sich mit Leckerlis! Und die Sache mit den Bällen? Gut gemeint! Schließlich trägt Hundi so dafür Sorge, dass ich beweglich bleibe.

Der Tierarzt macht ihr Angst. Prophylaxe gegen Zecken, Zahnstein, Staupe, Zwingerhusten, Tollwut etcpp. hält Hundi für überbewertet. Und das regelmäßige Trimmen beim Hundefrisör, um abgestorbenes Haar zu entfernen bevor es juckt? Überflüssig wie ein Kropf!

Ob Lotta-Filipa bei mir in Steglitz ein schönes Leben hat? Mit mir vielleicht. In einer Stadt, die es Haltern immer schwerer macht, Hunden ein schönes, ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, eher nicht.