Archiv für den Monat November 2016

Die Genderfrage

Zu den verstörenden Erfahrungen, nachdem ich auf den Hund gekommen bin, gehört die Frage nach dem Geschlecht. Nie zuvor hatte ich mich je ernsthaft dafür interessiert, wessen Geschlechts wer ist. Ob Männlein oder Weibchen, mir egal. Abgesehen von gewissen anatomischen Besonderheiten mache ich keine Unterschiede.

Dass zwischen Männlein und Weibchen offensichtlich Welten liegen, ging mir erst auf, nachdem Klein-Lotta-Filipa in Steglitz eingezogen war. Anfangs tat ich – die mehr oder minder besorgten – Fragen nach Hundis Geschlechtszugehörigkeit, die uns beim Gassigehen permanent entgegenschalten, mit einem Achselzucken ab. Was, bitte sehr, spielt das denn für eine Rolle, ob ich einen Rüden oder ein Weibchen an der Leine spazieren führe? Allmählich erst dämmerte mir, dass die Genderfrage in der Welt, in der ich mich als frisch gebackene Hundehalterin nun bewegte, verdammt viel zur Sache tut.

ein Mädchen! © Sabine Münch
ein Mädchen! © Sabine Münch

Ich lernte dazu: Auf der sicheren Seite ist man, wenn man die Frage, „ist das ein Mädchen?“ bejahen kann. Immerhin bestätigt sich dann, dass der, der die Frage gestellt hat, einen Rüden an der Leine hat. Einen Rüden, der auf sein eigenes Geschlecht nicht gut zu sprechen ist. Der auf Krawall gebürstet ist.

Der Groschen fiel alsbald: Die despektierliche (politisch nicht korrekte) Frage „ist das ein Mädchen?“ hat deseskalierende, vorsorgende Funktion. – Nicht ganz schlecht, dachte ich mir …

Ich begann, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Genderfrage in der Hundehalter-Welt von Relevanz ist. Sie beugt potentiellen Zweikämpfen von Rivalen im Revier vor. Von da an kam mir die Antwort „ja – ein Mädchen“ problemlos über die Lippen.

Bis sich vorgestern ein Mann nach der obligatorischen Frage und meiner darauffolgenden Bejahung nicht entblödete, sich seinem Rüden zuzuwenden: „Schau, ein lecker Mädchen. Geh‘ mal ran!“

Jäh stellte sich mir die Genderfrage neu.

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