Archiv für den Monat Juni 2016

Lifestyle mit Hund

plakativ © GvP
plakativ © GvP
Einiges von dem, was ich heute für selbstverständlich halte, hätte ich vor meinem Zusammenleben mit Lotta-Filipa nicht für möglich gehalten. Seit drei Jahren läuft mein Tagesablauf nach dem Prinzip ab: der Hund muss raus; egal ob mir danach ist oder die Witterung dagegen spricht. Ich kreiere Yoghurt-Leberwurst-Hundeeis, durchforste das Unterholz nach einem verloren gegangenen Bällchen, horte Übelriechendes neben meinen Konserven und mein penibler Ordnungssinn ist einem gewissen Laissez-Faire gewichen. Die Freizeit verbringe ich inzwischen lieber im Wald als im Theater oder der Philharmonie, Schuhwerk und Kleidung müssen nicht mehr chic, sondern wetterfest und strapazierfähig sein und die Urlaubsplanungen fokussieren nicht mehr das, was ich sehen möchte, sondern ob Hundi mit kann und Spaß dabei hat.

brauche ich das? © GvP
brauche ich das? © GvP
Kurzum: in mancherlei Hinsicht erkenne ich die Gesine ohne Hund in der mit Hund nicht mehr wieder. Ein Verlust ist das nicht. Ich bin zufriedener und ausgeglichener als je zuvor. Lotta-Filipa erdet mich. Die befürchteten Abstriche am selbstbestimmten Singleleben entpuppten sich als Zugewinn: mehr Lebensfreude, Sinnhaftigkeit und Zuneigung. Ich hätte allen Grund, mit meiner Entwicklung zufrieden zu sein.

Vor einigen Tagen musste ich dann doch den Kopf ungläubig schütteln. Obwohl ich Hunde nicht mit affigem Lifestyle-Tamtam in Einklang bringe, haben wir am 12. Juni im Berliner Postbahnhof „House of Dogs. Die Messe für Hunde“ besucht. – Marketing für die Tierindustrie, die alles dafür tut, damit wir die Vermenschlichung unserer Haustiere für normal halten. Anthropomorphismus heißt das in Fachkreisen. Ein Begriff, der übrigens auf den griechischen Philosophen Xenophanes zurückgeht, der den kühnen Gedanken geäußert haben soll: „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen.“

toll hier! © GvP
toll hier! © GvP
Über 100 Aussteller und ein voll bepacktes Rahmenprogramm auf zwei Showflächen, einer Bühne und im „Grünen Salon“ ließen auf der „House of Dogs“ jedenfalls mehr Lifestyle vermuten als ein ganzes Hundeleben vertragen kann. Der Hund als Wirtschaftsfaktor! Gut 3 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Tierfutter aus; 428 Millionen allein für Leckerlis. Für Zubehör und Accessoires macht man 1,5 Milliarden Euro locker. 65 Millionen sollen im Jahr 2014 in die Kasse von Hundefriseuren geflossen sein, 40 Millionen in die der Tierbestatter.

Und das Geschäft floriert. Dessen ungeachtet trieb mich die Freude Elke von Lilli & Lollo wiederzusehen, von der Hundis Kissen stammt, und die Neugierde, zumal am Messesonntag eine bemerkenswerte Siegerehrung anstand, die wir uns nicht entgehen lassen durften. „Konkurrenz gucken“, so habe ich Lotta-Filipa die Wahl des charmantesten Mischlings Berlins verkauft. Sicher war ich mir freilich nicht, ob sie tatsächlich Spaß daran haben würde.

Lifestyle mit Hund © GvP
Lifestyle mit Hund © GvP
Ich sollte mich wundern. Während ich mich auf der Messe schnell langweilte, schwänzelte Hundi mit wachsender Begeisterung herum. Allenthalben nette Menschen, die Hunde streicheln und alle paar Meter jede Menge Leckerlis zur freien Verköstigung. So viel wie man mag! Während sie sich den Bauch voll schlug, musste ich mich belehren lassen, wie gesund das ist, was Lotta-Filipa gerade in sich hineinschaufelte.

Siegerehrung mit Prinzessin © GvP
Siegerehrung mit Prinzessin © GvP
An allem anderen auf der Messe fand Hundi keinen Geschmack. Weder an Spielzeug, noch an Leinen, Bürsten oder Shampoo. Regenbekleidung, Bachblüten, Yoga für Hunde – kein Bedarf! Den Stand von Maja von Hohenzollern, wo es bronze- und goldfarbene Liegeplätze zu bestaunen gab, die mit Kronen und dem Hohenzollern-Wappen bestickt sind, mied Lotta-Filipa sogar. Offenbar kann man mit dem Slogan „Von einer Prinzessin für tierische Prinzen & Prinzessinnen“ bei einem Mischling nicht punkten. Wohl aber mit einer Wahl, die sich um den Charmantesten aus der eigenen „Mischpoke“ dreht.

Eine nette Idee, den charming Mischling zu küren. Hundi war ganz bei der Sache, ich enttäuscht. Leider zählte nicht das „besondere Etwas“, das Mischlingshunde auszeichnet, sondern die Kunststückchen, die die Platzierten drauf hatten. Hier wäre freilich ein Moderator gefragt gewesen, der sich darauf versteht, mit den Hunden und dem Publikum zu kommunizieren. Und keiner, der sich nur darauf verlässt, dass die Halter ihren Hunden ein Kunststück abringen. – Schade um die nette Idee.

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