Archiv für den Monat Mai 2016

Gewissenskonflikte

Es steht ihr ins Gesicht geschrieben, wenn zwei Seiten in Lotta-Filipas Brust schlagen: Soll ich oder soll ich nicht? Darf ich, oder nicht? Etwa wenn wir im Erlenbusch getollt haben und ich die Leine zücke. Ein unmissverständliches Zeichen zum Aufbruch, das Hundi richtig interpretiert. Schluss mit lustig! Zu Herrchen laufen, Sitz machen und an die Leine nehmen lassen. Das funktioniert in der Regel genau so. Aber, nicht immer auf Anhieb.

darf ich, oder etwa nicht? © GvP
darf ich, oder etwa nicht? © GvP

In diesen Momenten muss ich an ein bockiges Kind denken: Nein, ich gehe nicht nach Hause. NEIN. Ich will weiter draußen spielen! Fehlte nur noch, dass Hundi trotzig mit der Pfote aufstampft. Da Lotta-Filipa diese Geste abgeht, versucht sie auf anderen Wegen, ihren Willen durchzusetzen. Entweder geht sie zu mir und der Leine auf Distanz („hihi, du kriegst mich nicht!“) oder sie versteckt sich im Gebüsch („hihi, du siehst mich nicht!“). Alsbald packen sie  Skrupel. Hundi schaut frech aus ihrem Versteck heraus („du siehst mich doch?“) oder sie nähert sich einige Meter („auf diese kurze Distanz könntest du mich eventuell kriegen!?“). Ich lasse mich davon nicht mehr ins Buchshorn jagen, ignoriere ihre Manöver und trete den Heimweg an. Und schon rennt Hundi reumütig hinter mir her.

Sakrileg © GvP
Sakrileg © GvP

Ich meine, auf Lotta-Filipas Gewissen ist Verlass. Sie hat ein feines Gespür dafür entwickelt, was ich toleriere, und was nicht. Klaubt sie draußen beispielsweise etwas Fressbares vom Boden auf, dann schaut sie  – gesetzt den Fall der Tabubruch wurde von mir bemerkt – schuldbewusst zu mir auf: „Schau mal, ich habe etwas ganz besonders Leckeres im Maul. Darf ich das ausnahmsweise runterschlingen?“

Keinerlei Skrupel kennt Lotta-Filipa allerdings, wenn es um Bälle geht. Die trägt sie wie Trophäen; wer ihr ein Bällchen nehmen will, begeht ein Sakrileg. Gestern auf dem Rückmarsch aus dem Erlenbusch. Ein staatlicher Rüde stellt sich uns in den Weg, knurrt aggressiv. Unter anderen Umständen setzt sich Hundi für uns ein. Sie wiegelt ab, gegebenenfalls bellt oder knurrt sie zurück: „Du tust uns nichts!“ Mit einem Bällchen im Mund geht das frelich nicht. – Kaum zu Hause plagt sie das schlechte Gewissen. Das Bällchen lässt Lotta-Filipa demonstrativ fallen: „Nimm. Das ist für dich.“

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Warten auf „Hilde Schmidt“

Mittwochnacht ist es soweit. Dann kommt „Hilde Schmidt“ gemeinsam mit neun anderen Hunden aus Rumänien in Eisenhüttenstadt an. Zwischen 21 Uhr und 3 Uhr werden sie erwartet. Hinter ihnen liegt dann eine lange Autofahrt und so manches Schicksal.

Die Zehn kommen aus dem Tierheim Smeura in Pitesti, das Straßenhunden ein Asyl bietet. Mit derzeit 5.400 Hunden ist es das größte Tierheim der Welt. Die meisten Hunde wurden aus Tötungsstationen gerettet. Das in Rumänien geltende „Euthanasiegesetz 258/2013″ besagt nämlich unter anderem, dass alle heimatlosen Hunde eingefangen, in die staatlichen Tierheime verbracht und dort „euthanasiert“ werden können, sofern sie niemand binnen zwei Wochen aufnimmt. Finanziert wird das aus Mitteln der EU. Die Kommunen kassieren pro Hund derzeit 72 Euro; circa 50 Euro gehen davon an den jeweiligen Hundefänger. Eine Prämie, die im Land Gold wert ist. – Straßenhunden sind in Rumänien ein lukratives Geschäft.

"Hilde Schmidt" © Sabine Münch
„Hilde Schmidt“ © Sabine Münch

Sabine ist Fotografin und Anfang April 2016 mit Verantwortlichen des Deutschen Tierschutzbundes vor Ort gewesen. Sie war bei Gesprächen mit Bürgermeistern, Tierärzten und dem Botschafter dabei; hat staatliche und private Tierheime, Kranken- und Quarantänestationen, Zwinger und viele Hunde fotografiert. In der „Smeura“ kam ihr ein Welpe vor die Linse. Ein kurzer Moment nur, schon war er wieder unter der Hundeschar im Zwinger verschwunden. Sabine entschloss sich, ihm in Berlin ein Zuhause zu geben.

Wenig weiß man über „Hilde Schmidt“. Mutmaßlich ein Dackel-Terrier-Mix, vermutlich Anfang Januar 2016 geboren. Der Welpe wurde auf einer Straße aufgegriffen und am 29. Februar in die „Smeura“ gebracht. Inzwischen ist er geimpft und gechipt und macht sich am Dienstagmorgen auf den Weg nach Deutschland.

Ich werde Sabine nach Eisenhüttenstadt begleiten, um „Hilde Schmidt“ zu begrüßen. Ich freue mich darauf und frage mich zugleich, wie Lotta-Filipa auf den Rudelzuwachs reagiert. Werden sich die beiden Terrier-Mixe verstehen? Wird Lotta-Filipa „Hilde Schmidt“ ein Vorbild sein, so wie Paula es für sie ist? Als Hundi klein war, hat sie von Paula viel gelernt. Dass Möhrchen nichts zum Kleinhäkseln, sondern lecker sind, dass Wasser nass ist, aber Spaß macht, dass man mit einer klaren Ansage unter Seinesgleichen bisweilen gut beraten ist oder dass man mit Gelassenheit oftmals weiterkommt als mit Hektik.

Und wie wird  Lotta-Filipa damit umgehen, so ich einem anderen Hund Zuwendung schenke? – Eifersüchtig ist sie nämlich!