Ein heikles Thema

Lotta-Filipa fremdelt nicht. Im Gegenteil! Egal ob Klein oder Groß, Männlein oder Weiblein, Nachbar, Fremder oder Einheimischer – Scheu kennt sie nicht. Jedem, der uns begegnet, bietet sie wedelnd ihre Freundschaft an. „Hallo, du bist toll. Magst du mein Freund sein?“

magst du mein Freund sein? © GvP
magst du mein Freund sein? © GvP

Obwohl Hundi meiner Meinung nach ein besonderes, ein besonders einnehmendes Wesen hat, mag nicht jeder sie. Kleine Kinder etwa, denen es an Erlebnissen mit Tieren mangelt. Erwachsene, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder solche, die diffuse Ängste vor Hunden haben, die nicht immer begründet sein müssen. Verstörend wirken Erziehungsberechtigte auf mich, die ihren Schutzbefohlenen die Freude an der Begegnung mit Hundi nehmen. Während die Kinder bei ihrem Anblick strahlen und mit ihr spielen wollen, erstarren die Erwachsenen zur Salzsäule. „Achtung, Kinder ein Hund. Das kann böse enden.“ In befremdlicher Erinnerung ist mir ein Erlebnis mit einem Taxifahrer, der sich partout weigerte, uns zu befördern. „Der ist unrein.“ Meine  Erklärungsversuche, dass Lotta-Filipa kürzlich weder im Dreck gespielt, noch sich im Schlamm gewälzt habe, waren damals (noch) hilflos. Bevor er mit quietschenden Reifen vor uns Reißaus nahm, setzte er nach: „Der ist schwarz – ein Teufel!“

Inzwischen leben wir 2 ½ Jahre zusammen. Mein Fell ist dicker geworden. Begegnungen der obigen Art nerven mich weiterhin; aber ich wehre mich nicht mehr vehement dagegen. Und wenn, dann argumentiere ich nicht mehr so naiv wie früher, dass Lotta-Filipa sauber und lieb ist und keineswegs pechschwarz. Berlin ist multikulturell und multiethisch. Menschen aus 180 Nationen leben hier. Jeder hat seine eigene Geschichte, einen anderen kulturellen und religiösen Hintergrund. Dass andere so zu Hunden stehen, wie ich zu Lotta-Filipa, erwarte ich mir nicht mehr. Ich habe Erklärungen dafür, warum sich manche Menschen vor Hunden ängstigen. Zudem habe ich begriffen, dass Hunde in anderen Gesellschaften nicht den Stellenwert haben wie in einer saturierten Wohlstandswelt, in der sie zumeist Familienmitglieder, bisweilen sogar Partnerersatz und Statussymbol sind.

pechschwarz? © Sabine Münch
bin ich pechschwarz? © Sabine Münch

Ich diskutiere nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so verbissen wie früher. Fasse mir stattdessen an die eigene Nase und freue mich ein jedes Mal diebisch darüber, wenn Lotta-Filipa jemanden, der anders über Hunde denkt als ich, einen Spiegel vorhält. So vor einigen Tagen im Kaufhaus. Wir betreten einen Aufzug und treffen auf eine Frau mit Kopftuch, die einem etwa 2-jährigen Mädchen die Hand hält. Der Mutter steht das blanke Entsetzen im Gesicht: Auf engem Raum ein unreiner Hund, der auf den ersten Blick pechschwarz zu sein scheint. Geschockt lässt sie die Hand des Mädchens spontan los. Das wiederum wittert ihre Chance und wendet sich jauchzend Hundi zu. Lotta-Filipa reagiert wie sie immer reagiert, wenn sie Zuwendung bekommt. Sie erwidert diese, bei Kindern besonders liebevoll. Die Beiden schmusen miteinander. Hundis Schnauze berührt das Kind.  Die Mutter entspannt sich trotzdem. Erfreut darüber, dass ihre Tochter die Begegnung mit einem Hund genießt, lächelt sie mir zu. – Ob sie ihr Kind anschließend sieben Mal gewaschen hat, wie es die Lehre vorsieht? Ich mutmaße: Nein. Hat die Mutter nicht.

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3 Gedanken zu “Ein heikles Thema

  1. Liebe Gesine,
    das ist ein weitverbeitetes, mir seit dem allerersten Hund vertrautes ‚Problem‘. Anfangs war ich sauer und habe das nicht verstanden, weil ich immer dachte, dass sieht man doch, dass die (wir hatten bisher nur Hündinnen) nix tut und habt euch nicht so.
    Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass diese Haltung eine total ignorante meinerseits war. Es gibt so viele Gründe, Hunde nicht zu mögen bzw. sogar Angst vor ihnen zu haben. Die meisten sind dur h irgendwelche früheren Erlebnisse bedingt. Und inzwischen sehr häufig durch kulturelle Unterschiede. In Berlin oder Köln oder anderen Großstädten manifestiert sich das sicher mehr, als auf dem Land.
    Aber ich finde, man muss das akzeptieren. Und manchmal ergibt sich dann so ein schönes Erlebnis, wie Du es am Ende Deines Posts beschreibst. Dann haben beide gewonnen, Mensch und Hund. Aber ich fürchte, erwarten, darf man das nicht.
    Ich mach es inzwischen wie Du, ich diskutiere nicht mehr, vielleicht hat der oder die andere ja gute Gründe für sein Verhalten, und wer bin ich, das in frage zu stellen.
    Davon abgesehen, ich mag auch nicht alle Menschen, die so um mich rum existieren, aber das is dann absolut mein Problem.

    Noch eine kleine Geschichte zum Schluss: Als ich meine Iris kennenlernte (bzw. wiederkennenlernte, eine viel zu lange Geschichte) mochte die keine Hunde. Hatte einfach Angst vor diesen komischen Tieren. Und natürlich hatte sie auch keineerlei Erfahrung mit Hunden oder anderen Haustieren. Nu ja, ich bin ohne Hündin nicht zu haben, sie wollte aber offensichtlich. Und sie hat sich überwunden und den Versuch mit Polly und mir gemacht. Was soll ich sagen? Als unsere Polly starb, war meine Iris diejenige, die das Köpfchen hielt und sie beruhigte. Und im Moment liegt sie mit unserer Bella (dazwischen war noch India) auf dem Sofa und sie schlafen beide selig. Ein Bild für die Götter.

    Liebe Grüße von Kai und Bella

    1. lieber Kai, offenbar ist dem so, dass uns der Hund so manches lehrt. Einiges, auf das wir von alleine, vermutlich nie gekommen wären. Gegebenenfalls hält er uns auch einen Spiegel vor. Ohne dabei hämisch zu grinsen …
      Herzliche Grüße zu Euch von uns

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