Archiv für den Monat Dezember 2015

Autos sind tödliche Hitzefallen! Aber nicht für das Ordnungsamt

Auf dem Nachhauseweg. Wir biegen in die Treitschkestraße ein, lautes Hundebellen schallt uns entgegen. Nicht aggressiv, sondern verängstigt. Lotta-Filipa nimmt die Spur auf, platziert sich vor einem weißen Polo, dessen Scheiben dicht beschlagen sind. Schemenhaft lassen sich die Umrisse eines Hundes erkennen, der sich seine Seele aus dem Leib bellt. Eine ältere Frau tritt an unsere Seite. „Ich weiß nicht, wie ich helfen kann. Das geht schon seit gut zwei Stunden so. Das ist Tierquälerei.“ Ich versichere der aufgebrachten Frau, dass ich mich kümmern werde. Dabei setze ich meine Hoffnung auf das Ordnungsamt, das zur Weihnachtszeit in den Gebieten rund um die  Einkaufsmeilen auf der Schlossstraße allgegenwärtig ist.

autoNur wenige Schritte weiter treffen wir auf ein Paar vom Ordnungsamt, das in seinem Element ist und emsig Knöllchen verteilt. Ich informiere die Frau über den Fall. „Sind wir nicht zuständig.“ Ich argumentiere damit, dass das Berliner Ordnungsamt unter anderem für die Einhaltung des Hundegesetzes zuständig sei und damit auch für den Tierschutz. „Sind wir nicht zuständig. Hunde gehen uns nichts an. Können Sie ja nicht wissen.“ „Ach“, entgegne ich ironisch, „neuerdings veteilt das Ordnungsamt  keine Knöllchen mehr, wenn sich ein Hund in geschützten Grünanlagen frei bewegt?“ Kaum gesagt, fiel bei mir der Groschen. Dass der Außendienst des Berliner Ordnungsamtes Hierarchien hat. Er gliedert sich in den  Allgemeinen Ordnungsdienst mit etwas weitreichenderen Kompetenzen und in die rangniedrigeren Parkraumüberwachungskräfte, die Verstöße gegen die Leinenpflicht nicht ahnden dürfen. Ich lächele wissend, die Uniformierte kontert: „Mir gefällt Ihr patziger Unterton nicht. Zudem: Gespräche mit Bürgern – so wie jetzt mit Ihnen – dürfen wir nicht führen.“

Ich weise die Ordnungshüterin darauf hin, dass Tiere, die in Autos zurückgelassen werden, bei höheren Temperaturen verenden können. „Sind wir nicht zuständig. Das ist Bürgerpflicht. Sie müssen die 45 informieren.“ Ich reagiere begriffsstutzig: „Ich muss was?“ „Das Polizeirevier 45 anrufen.“ Ich halte hilflos dagegen: „Ich kenne die Nummer nicht .“ „Die können Sie recherchieren.“ Jetzt werde ich tatsächlich patzig: „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Ich soll eine Telefonnummer recherchieren, die Sie parat haben?!“ Nach einigem Hin und Her, da ich weder Stift noch Papier zur Hand habe, lenkt die Ordnungshüterin ein und schreibt mir die Nummer des zuständigen Polizeireviers auf. – Um mich vor dem Anruf zu vergewissern, eile ich zu dem Polo, in dem ein verängstigter, dauerbellender Hund saß. Der Wagen war mitsamt Hund weg.

Hunde am Schlachtensee. Zum vorerst letzten Akt einer Provinzposse

da herrschte noch Frieden am Schlachtensee © GvP
da herrschte noch Frieden am Schlachtensee © GvP

Am 15. Mai dieses Jahres trat in Berlin ein Hundeverbot in Kraft, um das vehement gestritten wurde. Zwei Gewässer waren kurzerhand zu Badestellen erklärt worden, an denen Hunde per se nichts verloren hätten. Am 15. Dezember hat das Berliner Verwaltungsgericht das kontrovers umstrittene Gesetz wieder gekippt. Zumindest angeleint dürfen Hunde ab sofort auf den Uferwegen von Schlachtensee und Krumme Lanke wieder mitgeführt werden. Freude über diese Entscheidung will sich bei mir nicht recht einstellen. Allenfalls Schadenfreude. Mit Argumenten, die auf wackeligen Beinen stehen, mag man zwar in Berlin die Bevölkerung für dumm verkaufen wollen. Aber, gottlob, ziehen sie nicht beim zuständigen Gericht.

Durchgeboxt hatte das Hundeverbot Stadträtin Christa Markl-Vieto. Sie ist von den Grünen und Medienberichten zufolge selbst Hundehalterin. Bis zuletzt hielt sie an der Verordnung und den hanebüchenen Rechtfertigungen, warum das Gesetz für Mensch und Natur zwingend notwendig sei, kompromisslos fest. Wider die Meinung vieler Experten, die dagegen immer neu zu Felde zogen.

Was auch immer die Stadträtin geritten haben mag – Populismus dürfte es nicht gewesen sein. Vor dem Erlass war die Stimmung an den Seen noch einvernehmlich. Erst nach dessen Inkrafttreten verhärteten sich die Fronten. Nun fühlten sich die Befürworter im Recht, sogar aggressiv gegen Halter und Hund vorzugehen. Selbst in den oberhalb der Seen gelegenen Arealen, wo Hunde weiterhin zugelassen waren, kam es häufig zu Pöbeleien und Streitereien. Die Atmosphäre war schließlich so aufgeheizt, dass wir nun auch die Waldgebiete rund um den Schlachtensee mieden. Damit standen wir beileibe nicht alleine. Viele Menschen, ob mit oder ohne Hund, trauten sich nicht mehr dort hin.

Lotta-Filipa rennt am Schlachtensee davon © GvP
Lotta-Filipa rennt am Schlachtensee davon © GvP

Warum war eine ehemals friedliche Stimmung plötzlich so vergiftet? Weil es den verantwortlichen Politikern bei der Verabschiedung des Hundeverbots an Weitsicht, Sensibilität und offensichtlich auch an Fachkompetenz gemangelt hat. Anderenfalls hätten sie das Verbot nicht auf Argumente gestützt, die das Verwaltungsgericht gestern für null und nichtig erklärt hat. Freilich dürften sich die aufgeheizten Gemüter durch die Entscheidung nicht so schnell wieder beruhigen lassen.

Auch Markl-Vietos Einsicht, nach der Niederlage nun doch einen Dialog mit den Kontrahenten zu suchen, kommt zu spät. Dank einer Politik, die auf Konfrontation statt auf Vermittlung gesetzt hat, ist das Kind doch längst in den Brunnen gefallen. Das Gelände rund um den Schlachtensee ist vermint. Deshalb ist leider absehbar, dass diese Schlappe vor dem Verwaltungsgericht weiteres Öl ins Feuer der Kontrahenten gießt.

Ein heikles Thema

Lotta-Filipa fremdelt nicht. Im Gegenteil! Egal ob Klein oder Groß, Männlein oder Weiblein, Nachbar, Fremder oder Einheimischer – Scheu kennt sie nicht. Jedem, der uns begegnet, bietet sie wedelnd ihre Freundschaft an. „Hallo, du bist toll. Magst du mein Freund sein?“

magst du mein Freund sein? © GvP
magst du mein Freund sein? © GvP

Obwohl Hundi meiner Meinung nach ein besonderes, ein besonders einnehmendes Wesen hat, mag nicht jeder sie. Kleine Kinder etwa, denen es an Erlebnissen mit Tieren mangelt. Erwachsene, die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder solche, die diffuse Ängste vor Hunden haben, die nicht immer begründet sein müssen. Verstörend wirken Erziehungsberechtigte auf mich, die ihren Schutzbefohlenen die Freude an der Begegnung mit Hundi nehmen. Während die Kinder bei ihrem Anblick strahlen und mit ihr spielen wollen, erstarren die Erwachsenen zur Salzsäule. „Achtung, Kinder ein Hund. Das kann böse enden.“ In befremdlicher Erinnerung ist mir ein Erlebnis mit einem Taxifahrer, der sich partout weigerte, uns zu befördern. „Der ist unrein.“ Meine  Erklärungsversuche, dass Lotta-Filipa kürzlich weder im Dreck gespielt, noch sich im Schlamm gewälzt habe, waren damals (noch) hilflos. Bevor er mit quietschenden Reifen vor uns Reißaus nahm, setzte er nach: „Der ist schwarz – ein Teufel!“

Inzwischen leben wir 2 ½ Jahre zusammen. Mein Fell ist dicker geworden. Begegnungen der obigen Art nerven mich weiterhin; aber ich wehre mich nicht mehr vehement dagegen. Und wenn, dann argumentiere ich nicht mehr so naiv wie früher, dass Lotta-Filipa sauber und lieb ist und keineswegs pechschwarz. Berlin ist multikulturell und multiethisch. Menschen aus 180 Nationen leben hier. Jeder hat seine eigene Geschichte, einen anderen kulturellen und religiösen Hintergrund. Dass andere so zu Hunden stehen, wie ich zu Lotta-Filipa, erwarte ich mir nicht mehr. Ich habe Erklärungen dafür, warum sich manche Menschen vor Hunden ängstigen. Zudem habe ich begriffen, dass Hunde in anderen Gesellschaften nicht den Stellenwert haben wie in einer saturierten Wohlstandswelt, in der sie zumeist Familienmitglieder, bisweilen sogar Partnerersatz und Statussymbol sind.

pechschwarz? © Sabine Münch
bin ich pechschwarz? © Sabine Münch

Ich diskutiere nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so verbissen wie früher. Fasse mir stattdessen an die eigene Nase und freue mich ein jedes Mal diebisch darüber, wenn Lotta-Filipa jemanden, der anders über Hunde denkt als ich, einen Spiegel vorhält. So vor einigen Tagen im Kaufhaus. Wir betreten einen Aufzug und treffen auf eine Frau mit Kopftuch, die einem etwa 2-jährigen Mädchen die Hand hält. Der Mutter steht das blanke Entsetzen im Gesicht: Auf engem Raum ein unreiner Hund, der auf den ersten Blick pechschwarz zu sein scheint. Geschockt lässt sie die Hand des Mädchens spontan los. Das wiederum wittert ihre Chance und wendet sich jauchzend Hundi zu. Lotta-Filipa reagiert wie sie immer reagiert, wenn sie Zuwendung bekommt. Sie erwidert diese, bei Kindern besonders liebevoll. Die Beiden schmusen miteinander. Hundis Schnauze berührt das Kind.  Die Mutter entspannt sich trotzdem. Erfreut darüber, dass ihre Tochter die Begegnung mit einem Hund genießt, lächelt sie mir zu. – Ob sie ihr Kind anschließend sieben Mal gewaschen hat, wie es die Lehre vorsieht? Ich mutmaße: Nein. Hat die Mutter nicht.