Archiv für den Monat September 2015

Am Wasser – eine Komödie der Eitelkeiten

im Hintergrund Paula © GvP
im Hintergrund Paula © GvP

Vergangenen Freitag, später Nachmittag. Am Grunewaldsee. Mit „Tante“ Sabine und Paula, Hundis bestem Kumpel. Um nicht zu sagen, ihr Idol. Ich bin abgeschrieben, wenn Paula dabei ist. Eine Bindung, die ich gelassener als andere nehme. Von der fünf Jahre älteren Paula hat Lotta-Filipa, die als Wühltischwelpe keine primäre Sozialisation abbekam, all‘ das gelernt, was ein Hund wissen muss, um mit seiner Art klar zu kommen. Auch darüber hinaus guckte sich Lotta-Filipa von Paula eine Menge ab. Beispielsweise dass eine Möhre nichts zum Raspeln ist, um daraufhin das Kleinteilige im Hochflorteppich zu verteilen, sondern eine Delikatesse zum Fressen. – Eine Erkenntnis für die ich Paula bis heute dankbar bin.

Am Grunewaldsee gaben wir uns mit Leidenschaft dem hin, was Hundehalter an Ufern und Stränden vorzugsweise treiben. Andauernd werfen sie irgendetwas ins Wasser, um dann gebannt zu schauen, was ihr Hund macht. Manche geraten darüber in Rage, weil das Tier nicht das tut, was es soll. Andere regelrecht in Verzückung, weil der Vierbeiner erstmals Anstalten macht, eine Pfote ins Wasser zu setzen. Das Gros am Grunewaldsee ist normalerweise außer Rand und Band: Weil ihr Hund unablässig das aus dem Wasser holt, was sie immer wieder aufs Neue hineingeworfen haben.

im Wasser © GvP
im Wasser © GvP

An Hundebadestellen geht es zu wie anderenorts auch. Man zeigt, was man kann – und hat. Die einen imponieren mit exklusiven Wurfgeschossen, die sie sich etwas haben kosten lassen. Andere trumpfen als Olympionik im Weitwerfen auf. Paart sich deren Muskelkraft zudem mit dem Talent des Hundes, weit raus schwimmen zu können, sind sie sich der Aufmerksamkeit aller an der Badestelle sicher. Der Neider ebenso wie der Bewunderer.

Freilich geht das nicht immer gut aus, wenn ein Halter weit raus wirft. Im Eifer des Gefechts werden die Fähigkeiten des eigenen Hundes leicht überschätzt. Nicht auszuschließen ist zudem die Gefahr, dass der Vierbeiner urplötzlich die Lust daran verliert, hinter etwas herzuschwimmen, was Herrchen unter Aufbietung aller seiner Kräfte weit schmetterte. Dumm gelaufen. So schnell wird ein Weitwerfer zum Gespött am Hundestrand! Doppelt ärgerlich ist die Blamage für den Halter zudem dann, wenn kein Stöckchen im Wasser versenkt wurde, sondern ein Wurfgeschoss, das eine Stange Geld gekostet hat.

heldenhaft! © GvP
heldenhaft! © GvP

Gerade so war es am vergangenen Freitag einer jungen Frau ergangen. Weit draußen im Grunewaldsee trieb etwas glitzerndes Gelbes – ein besonders extravagantes Wurfgeschoss wie mir schien. Sie wandte sich hilfesuchend an andere Halter, ob deren Hund nicht so gefällig sein könne, das kostbare Stück an Land zu holen? Keiner hatte Bock.

Ich witterte für Lotta-Filipa eine Chance, weit in den Grunewaldsee hinaus zu schwimmen. Ich bin ein jämmerlicher Werfer, sie eine grandiose Schwimmerin.  – Wir fackelten nicht lange. Obwohl Hundi eher auf Stöckchen, denn auf  Schnickschnack steht, bekam die Frau ihr edles Wurfgeschoss zurück.

„Die Liebe ist der Liebe Preis.“ – Lieben Hunde?

Zwei Wesenszüge faszinieren an Hunden seit jeher: dass sie treu sind und fraglos lieben können. Mannigfaltig sind die Geschichten, in denen Vierbeiner unter Beweis stellen, dass sie von ihren Herren nicht (ab-) lassen können. Sie harren tage-, sogar wochenlang am Grab des verstorbenen Halters aus, legen Gewaltmärsche zurück, um wieder nach Hause zu kommen, oder hetzen Autos hinterher, die Herrchen ins Krankenhaus bringen.

wir © Sabien Münch
wir © Sabine Münch

Herzzerreißende Plots, die an Sehnsüchten rühren … Und – meines Erachtens – zudem Zweifel wecken. Kann man sich der Liebe jemals sicher sein? Sind Lebenwesen zu absoluter Treue  und bedingungsloser Liebe überhaupt fähig? Ist es nicht vielleicht sogar so (wie hier bereits erörtet), dass der Mensch dem Hund all‘ jenes andichtet, wozu er selbst nicht imstande ist?

Ich jedenfalls war mir nicht zu 100 Prozent sicher, dass Hundi ein besonderes Faible für mich hat. Lotta-Filipa ist mit jedermann gut Freund. Klar, sie hat zumeist ein Auge auf mich. Sie freut sich auch, wenn wir uns nach einer Trennung wiedersehen. Bei weitem allerdings nicht so wie bei „Onkel“ Michael, meinem Bruder, oder „Tante“ Sabine, meiner Freundin. Trifft sie die Beiden, ist sie aus dem Häuschen. Außer Rand und Band.

Obwohl ich meine, nicht zu Eifersüchteleien zu neigen, versetzt mir Hundis unbändige Freude immer wieder einen kleinen Stich. Die besagten Zweifel kommen hoch. Fährt Lotta-Filipa nicht total auf mich ab?

eilig auf mich zu © GvP
eilig auf mich zu © GvP

Dann das. Vor wenigen Tagen. Ich schwimme in der Havel. Außer mir eine weitere Person. Näher am Land als ich. Hundi tollt mit „Onkel“ Michael am Ufer. Ausgelassen, konzentriert auf die Sache. Plötzlich scheint sie zu bemerken, dass etwas fehlt. Sie bricht das Spiel abrupt ab. Beginnt erfolglos am Ufer eine Fährte zu erschnuppern, um kurz darauf die Wasseroberfläche ins Visier zu nehmen. Aus der Ferne beobachte ich, wie sie mich und die fremde Person abwechselnd fixiert, die in raschen Zügen gen Land schwimmt. Nahe genug gekommen, scheint Lotta-Filipa zu erkennen, dass es nicht das ist, wonach sie sucht. Kurzes Innehalten. Dann hechtet sie ins Wasser und rudert im Eiltempo auf mich zu. So, als ginge es um Leben oder Tod. Nachdem sie sich davon überzeugen konnte, dass ich es bin, was da im Wasser schwimmt, drehte Hundi ebenso schnell ab wie sie auf mich zu gepaddelt kam.

An jenem heißen Sommertag zog ich meine Kreise in der Havel erleichtert und beseelt weiter. Lotta-Filipa geht für mich sogar ins Wasser!