Herrchen hat gelesen: „Timbuktu“ von Paul Auster

Es ist verdammt lange her, dass mich ein Buch zum lauthalsen Schluchzen brachte. Zuletzt flossen mir im Alter von etwa 14 Jahren die Tränen. In Strömen! Bei Erich Segals „Lovestory“. Zufällig kam mir die Schmonzette bei einem Besuch bei Frau Mama wieder zur Hand. Die letzten Seiten sind tränendurchtränkt; manches Wort ist kaum noch zu entziffern.

cover_timbuktuSpäter wurden mir beim Lesen gelegentlich die Augen feucht. Tränen kamen mir – zumindest in meiner Erinnerung – nicht mehr. Bis vorgestern.  Ich weiß nicht, was mich bei dieser Lektüre geritten hat. Vielleicht war es die große Hitze in Berlin, die meiner Urteilskraft zusetzte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich die Schwächen von Paul Austers Roman „Timbuktu“ deshalb übersehen habe, weil ich auf den Hund gekommen bin. Seitdem ich mit Lotta-Filipa zusammenlebe, setzt mein Verstand punktuell aus, wenn ich von Tier-Schicksalen erfahre.

„Timbuktu“ ist kein großer Wurf. Das, was die Promenadenmischung namens Mr. Bones im Rückblick aufgezeichnet hat, ist ziemlich kitschig. Und das verworrene, philosophische Zeug, das Mr. Bones verstorbenes Herrchen Willy von sich gibt, nervt bisweilen sehr. Albern ist, dass der durchgeknallte Möchte-Gern-Poet Willy G. Christmas durch einen Weihnachtsmann, der zu ihm in einem Werbespot aus dem Fernseher spricht, erleuchtet wird. Noch dicker kommt es im letzten Drittel des Romans, wo Auster meint, an der Fassade eines kleinbürgerlichen amerikanischen Familienidylls kratzen zu müssen.

Rund ist die Geschichte über einen Hund nicht, der seinem Herrchen über dessen Tod hinaus die Treue hält. Und ein tieferer Sinn außerhalb dessen, dass Hunde treue Begleiter des Menschen sind, erschließt sich mir auch nicht. Deutlich wird an diesem Werk allemal, dass es eine verdammt hohe Kunst ist, eine Geschichte aus der Perspektive eines Hundes zu verfassen. Die Gefahr ist groß, in allerlei Fallen zu tappen und Klischees zu bedienen.  Etwa dieses Beliebte: Hunde sind die besseren Menschen.

Stilisierung © GvP
Stilisierung © GvP

Warum hat mich die sentimentale Geschichte trotzdem zu Tränen gerührt? Weil ich, wie bereits erwähnt, auf den Hund gekommen bin. Wie Paul Auster übrigens auch. Anders lässt sich nicht erklären, warum er Hunden – stellvertretend in der literarischen Figur des Straßenköters Mr. Bones – ein Denkmal setzen wollte. Dass er dabei Schieflagen in Kauf nahm, liegt in der Sache selbst. Mir ergeht es nicht anders, wenn ich Hundi beschreibe. Ich neige zu Stilisierungen, Übertreibungen, Vermenschlichungen. Jedwede Distanz zum Gegenstand meiner Betrachtung geht mir dann ab.

Die Schwächen von „Timbuktu“ kann ich mir erklären. Als Hundenarr sogar Verständnis für diese Art von literarischem Anthropomorphismus aufbringen. Am Ende übertreibt es Auster für meine Begriffe dann doch. Dass Selbstmord eine Option für Mr. Bones ist, um seinem verstorbenen Herrchen wieder nahe sein zu können, geht über meine Schmerzgrenze hinaus.

Und schon kommen mir erneut die Tränen. In Sturzbächen! Auf diesen Gedanken käme Lotta-Filipa nie. Ich werde in Timbuktu mutter-, nein: hundeseelenallein sein. Da mag ich bei Lebzeiten noch so viel in sie hineindichten …

 

 

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4 Gedanken zu “Herrchen hat gelesen: „Timbuktu“ von Paul Auster

  1. Lies mal Hundeherz… Ich habe das halbe Buch durch geheult. Aber es war sooooo schön. Traurig, wie Hachiko und schön wie Shivas Fell im Sonnenuntergang.

    Flauschige Umarmung
    Sandra & Shiva

    P.S. Trotz aller Schwächen werde ich Timbuktu lesen

    1. Du meinst Kerstin Ekmans Hundeherz, nicht Bulgakow? Die Ekman habe ich nicht zu Ende geschafft. So arg nahm mich die Geschichte mit. – Ich frage mich, warum müssen literarisch anspruchsvolle Werke über Hunde immer so traurig sein?

  2. Eigentlich bin ja nicht der große Paul Auster Fan aber deine Darstellung hat mich echt überzeugt. 🙂 Habe mir gerade direkt das Buch bestellt und habe dann hoffentlich schon ganz bald neues Lesefutter. Ich bin gespannt. :))

    Liebe Grüße
    Ann-Christin & Ringo

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