Archiv für den Monat August 2015

Die Ratte und – gottlob – ein Held zur rechten Zeit zur Stelle

Am Wochenende kam es zu einer Erstbegegnung. Mit einer Ratte! Einem stattlichen Kaliber. Mäuse hatte wir ja schon eine Menge, nicht aber das Jagdobjekt, worauf der Rat Terrier geeicht ist.

Wanderratte © GvP
Wanderratte © GvP

Um es vorweg zu nehmen: Während ich keine passable Figur machte, bestand Hundi ihre Feuertaufe mit Bravour. Wir waren an der kleinen Bucht an der Havel, die wir bei Hitze gerne aufsuchen. Unsere Sommeroase in einer Stadt, die es Hundehaltern immer schwerer macht. Da ist so gut wie keiner. Und da wir dort zumeist unter uns sind, regt sich auch niemand darüber auf, dass ein Hund im Wasser einen Heidenspaß hat.

Mir verging der Spaß am Sonntag gründlich. Kaum in der Oase angekommen, roch Hundi Lunte und war von der Fährte nicht mehr abzubringen. Sichtlich erregt machte sie sich am Ufer zu schaffen. Mein Unbehagen wuchs. Ich rief Lotta-Filipa ab und zu mir. Null Reaktion.

Dass Hundi meine Wünsche zeitversetzt befolgt, bin ich gewohnt. Nicht aber, dass sie ihre Ohren komplett auf Durchzug stellt. Da stimmt was nicht!

Wasserratte © GvP
Wasserratte © GvP

Lotta-Filipa war am Ufer mit einer großen, fetten Ratte beschäftigt, die kleine, spitze Zähne sehen ließ. Weit aufgerissene Augen, die glasig starrten. Die Krallen ausgefahren – bereit für den ultimativen Kampf um Leben oder Tod. Aufgeschwemmt nahezu auf Unterarmlänge trieb der Kadaver im seichten Wasser.

Lotta-Filipa aus dem Häuschen; ich aus der Fassung. Obwohl ich als Studentin selbst Ratten gehalten habe. Possierliche Tiere, die anhänglich und intelligent sind. Allerdings hatten Ben, Tom und Sam, wie meine niedlichen Ratten hießen, mit der toten Wanderratte, an der sich Hundi messen wollte,  nichts gemein. Ich war in Sorge. Ratten gelten als Überträger von diversen Krankheiten. Und was, wenn sie keinen natürlichen Tod erlebt hat,  sondern an Rattengift verendet ist?

Da Hundis Trieb, die Ratte zu fassen, stärker als meine Einsicht war, dass eine aufgedunsene Wasserleiche Lotta-Filipa gefährlich werden könnte, blieb uns nur die Flucht nach vorne.  Raus aus dem Sommerparadies. Kaum hatte ich Lotta-Filipa an der Leine, betrat ein Held die kleine Bucht. Beherzt! Der Kadaver wurde fachmännisch, aber nicht eben pietätvoll entsorgt.

Wir konnten in unserer Oase bleiben. Ruhe gab Lotta-Filipa freilich am Sonntagnachmittag nicht mehr. Ein unwiderstehlicher Duft lag in der Luft, dem musste sie hinterher.

Wir kamen auf den Hund. Ein Ausstellungsbesuch im Kupferstichkabinett

mit Hund im Kupferstichkabinett © GvP
mit Hund im Kupferstichkabinett © GvP

Die Sommerausstellung „Wir kommen auf den Hund“ im Berliner Kupferstichmuseum sorgt national und international für Aufsehen. Weniger wegen der abgebildeten Hunde, die auf über 100 Werken aus fünf Jahrhunderten zu sehen sind. Sondern deshalb, weil die Kuratoren auf eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme gesetzt haben, die zieht. Bei der Kern-Zielgruppe, den Hundehaltern und -liebhabern auf jeden Fall. Zu speziellen Terminen dürfen bis zu 15 Vierbeiner kostenlos in die Ausstellung rein. Mit ihren Herrchen, versteht sich, die eine Eintrittskarte für sich lösen müssen. Um den Genuss für die Tiere nicht zu schmälern, wurden eigens einige Exponate augenzwinkernd auf Hundeschulterhöhe gehängt. Obendrein gibt’s zur bildenden Kunst neben einer launigen Führung für die Hunde eine eigene Betreuung und reichlich Leckerlis.

Wir hatten das Vergnügen, dabei zu sein. Wider Erwarten nahm uns die Ausstellung stärker in Anspruch als gedacht. Disziplin und Konzentration waren im hohen Maß gefragt. Von Hundi zudem Haltung, Anstand und Durchsetzungsvermögen, um den Kunstbanausen, die sich ebenfalls unter die Besucher gemischt hatten, Paroli bieten zu können.

Offenbar angeregt von den erotisch-pikanten Details, von denen im Kupferstichkabinett auch einige zu sehen sind, interessierte sich mancher Rüde mehr für Lotta-Filipas Popo als für die Kunst. Dass die visuell gestaltenden Künste beim Betrachten auch Unbewusstes loslösen können, stellte ein kleiner Schnauzer-Mix unter Beweis. Kaum hatte er im erotischen Kabinett einige Exponate in Augenschein genommen, war er wie besessen hinter Hundis Ohren her. Jegliches Kunstverständnis ging unverkennbar einem Zähne fletschendem Husky ab. Und der verspielte Beagel Charly? Der war mit seinen zehn Monaten für einen Museumsbesuch sichtlich zu unreif. Den Vogel schoß eine junge, feine Dame ab, die mit fünf Rehpinschern an fünf exklusiven Leinen die Räumlichkeiten der Ausstellung ein wenig verspätet betreten hatte. Ein Kunstwerk mit Hunden?  Wurde für die Ausstellungsbesucher real.

Hundi vor Dix © GvP
Hundi vor Otto Dix © GvP

So ganz auf unsere Kosten kamen wir beim Besuch der Ausstellung nicht. Gottlob haben wir den informativen Katalog. Lotta-Filipa hatte zwar eine Menge Spaß, dafür war ihre Enttäuschung groß, dass sich unverhältnismäßig viele Rassehunde im Kupferstichkabinett blicken lassen. Vor allem edle Jagd- und Windhunde, die dem Halter Statuszuwachs versprechen. Sichtlich verstört hat Hundi, dass sich in der Ausstellung so gut wie keine Mischlinge befinden. Und wenn, dann verrichten sie – wie etwa Adolf Menzels Spannhund – schwere körperliche Arbeit. Ein leises Knurren ließ sie vernehmen, als wir auf Nachfrage in Erfahrung brachten, dass das Berliner Kupferstichkabinett kein einziges Werk in seinem Bestand hat, das einen Rat Terrier zeigt. – Das war für meinen kleinen Rat Terrier dann doch etwas zu viel.

 

Bonmots über Hunde werfen kein gutes Licht

Der Hund ist das einzige Wesen auf Erden, das dich mehr liebt als sich selbst.(Josh Billings)
Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was lieben und geliebt werden heißt.(Arthur Schopenhauer)
Viele, die ihr ganzes Leben auf die Liebe verwendeten, können uns weniger über sie sagen als ein Kind, das gestern seinen Hund verloren hat.(Thornton Wilder)

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, fallen sie mir ins Auge. All‘ überall. Bonmots, Aphorismen und Zitate, die den Hund hochleben lassen. Obwohl ich selbst dazu neige, Lotta-Filipa so manches anzudichten, stößt mich das gegen den Kopf, was man dem Hund anhängt. Ehre macht das nicht.

Die kalte Schnauze eines Hundes ist erfreulich warm gegen die Kaltschnäuzigkeit mancher Mitmenschen.(Ernst R. Hauschka)
Hunde - die besseren Menschen © GvP
Hunde – die besseren Menschen © GvP
Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen,wenn die Hunde nicht wären,in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?(Arthur Schopenhauer)
Wundern muss ich mich sehr, dass Hunde die Menschen so lieben; denn ein erbärmlicher Schuft gegen den Hund ist der Mensch.(Christian Friedrich Hebbel)

Sinnsprüche über Hunde, wie sie beispielsweise zuhauf in den Sozialen Netzwerken kursieren, befremden mich. Nicht etwa, weil der Hund bei Hebbel, Assisi, Wilder oder Schopenhauer schlecht weg kommt. Nein, deshalb nicht. Sondern deshalb, weil er idealisiert wird. Was das Zeug hält! Schaut freilich wer etwas genauer darauf, was der Mensch assoziert, dem sollte ein Schrecken in die Glieder fahren. Viel scheint der Mensch von seiner Art nicht zu halten. Im Abgleich mit dem Hund steht er sogar ziemlich schäbig da.

Einer der Unterschiede zwischen Hund und Mensch besteht darin, dass man sich in der Not auf diesen niemals, auf jenen aber immer verlassen kann.(George-Louis Leclerc de Buffon)
Je mehr ich von den Menschen sehe, umso lieber habe ich meinen Hund.(Friedrich der Große)
Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühl ausdrücken, als mancher Mensch mit stundenlangem Gerede.(Louis Armstrong)
Dass mir der Hund das Liebste ist, sagst Du, Oh Mensch, sei Sünde. Der Hund bleibt Dir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.(Franz von Assisi)

Egal welcher Couleur oder Intention, sie mögen besinnlich, ironisch, spaßig oder sarkastisch gemeint sein: Unisono geben uns die Zitate zu verstehen, dass Hunde die besseren Menschen sind. Sie sind treu, lieben bedingungslos, kennen kein verdecktes Visier und spielen nicht mit falscher Münze. Hunde sind loyal. Sie sind gutmütig und warmherzig – nicht niederträchtig und kaltschnäuzig wie unsereiner. Für Hebbel, Assisi, Wilder, Schopenhauer & Co verkörpern Hunde das Ideal vom Gutmenschen. Was sie auch immer dem Hund andichten,  wirft ein schlechtes Licht auf den Menschen. Die Krönung der Schöpfung …

warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP
warmherzig, nicht kaltschnäuzig © GvP

Wirklich ernüchternd wirkt diese Erkenntnis offensichtlich nicht. Verbleibt uns ja noch die Hoffnung, dass Hildegard von Bingens Ratschlag irgendwann – in weiter Ferne – doch mal Früchte trägt.

Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund! (Hildegard von Bingen)