Archiv für den Monat Juli 2015

Von Rattenfängern und Flugobjekten

Immer öfter hege ich Zweifel. Stecken tatsächlich die Gene in Hundi, die die DNA-Analyse ergeben hat? Ist Hundi ein Rat Terrier? Ein fast reinrassiger Rattenfänger? Seitdem wir zusammenleben hat Lotta-Filipa noch keine einzige Ratte erjagt, geschweige denn, eine gestellt. Und das, obwohl Rat Terrier der Legende nach binnen sechs Minuten 100 Ratten kalt machen können. Für diesen Job, den die Hunde bis zur Erfindung des Rattengifts auf Schiffen und auf Farmen in Amerika und England gemeistert haben, wurde ihre Rasse gezüchtet. Um Ratten nach „Timbuktu“ zu befördern …

Flugobjekt gesichtet © Sabine Münch
Flugobjekt gesichtet © Sabine Münch

Dass Hundi aus der Art schlägt, redete ich mir bislang mit der plausiblen Erklärung schön, dass in unserem Umfeld keine Ratten leben. Weder in den Auslaufgebieten, die wir aufsuchen, noch in Steglitz und auch nicht in meiner Wohnung. Da das natürliche Objekt ihrer Begierde nicht in Reichweite ist, hielt ich das für normal, dass mein kleiner Rattenfänger allerlei Surrogaten nachjagt, um seinen angeborenen Trieb zu stillen.

Anfangs dachte ich mir wenig dabei, dass Lotta-Filipa Flugobjekten hinterherhetzt. Kaninchen, Mäuse oder Eichhörnchen reizen sie zwar ebenfalls. Nichts aber geht über das, was vom Boden abhebt. Plastiktüten oder Blätter etwa, die der Wind fortträgt. Und Vögel ? Üben eine ganz besonders große Anziehungskraft auf meinen fehlgeleiteten Rat Terrier aus. Vögel sind – der Glücksgipfel!

hinterher! © Sabine Münch
hinterher! © Sabine Münch

Das gibt sich wieder, wussten Freunde und Hundekenner mich zu beruhigen. Junge Hunde haben das alsbald raus, dass sie keine Vögel zu fassen kriegen. Die begreifen das schnell, dass sie nicht fliegen können. Die Zeit verstrich. Aus dem Welpen wurde ein Junghund. Inzwischen ist Hundi ausgewachsen. In den vergangenen beiden Jahren hat sie viel dazu gelernt. Dass sie nicht hoch hinauf kann, freilich nicht. Offenbar steht Lotta-Filipa auf dem Standpunkt, dass ein Rat Terrier, der so ausgeprägte Segelohren hat wie sie, fliegen kann. Sie übt unermüdlich. Trotz intensiven Trainings hebt sie immer noch nicht hoch genug ab. Fürs Vogelfangen reicht Hundis Sprungkraft jedenfalls nicht.

dich krieg ich! © GvP
dich krieg ich! © GvP

Lotta-Filipa setzt dagegen, noch ist kein Meister vom Himmel gefallen! Und übt fleißig weiter. Nicht nur beim Freilauf, neuderdings auch in der Wohnung. Freilich mit anderen Sparring Partnern als draußen.

Während sie sich sagt, ohne Fleiß kein Preis!, denke ich mir, Hundi schlägt aus der Art. Begriffsstutzig ist sie nicht. Die tickt nicht echt. Kein Rattenfänger. Ein Flyalcoholic! Das wird böse enden. Meine Befürchtungen bestätigten sich vor einigen Tagen. In aller Herrgottsfrühe wurde ich durch lautes Gedöns jäh wach. Hundi beim Flugtraining. Schlaftrunken rieb ich mir die Augen. Wie von der Tarantel gestochen hetzte Lotta-Filipa im Schlafgemach einer Stubenfliege nach.  Wie irre ist das denn?

Auf den Hund gekommen – 20. Juli ein Gedenktag

Ankunft in Steglitz © Sabine Münch
Ankunft in Steglitz © Sabine Münch

Vor zwei Jahren zog Hundi an einem bedeutsamen deutschen Gedenktag in Steglitz ein. Einige Wochen zuvor hatten aufmerksame Passanten sie gemeinsam mit einem anderen Welpen in einem Pappkarton am Berliner Lietzensee aufgefunden. Beide wurden am 6. Juni 2013 ins hiesige Tierheim gebracht. Gemutmaßt wurde dort, dass es sich bei den circa sechs Wochen alten Findlingen um sogenannte Wühltischwelpen handelte, die skrupellose Händler an diesem Tag nicht losschlagen konnten.

20. Juli 2013 © Sabine Münch
20. Juli 2013 © Sabine Münch

Nach dem Aufpäppeln im Auftrag des Tierheimes bei den liebevollen Pflegemamis Sabine und Nicole zog Hundi am 20. Juli 2013 bei mir in Steglitz ein. Sie hieß damals Peggy, wurde auf knapp zwölf Wochen geschätzt und brachte bei einer Schulterhöhe von 26 Zentimetern gerade einmal 2,6 Kilogramm auf die Waage. Was zu Lasten ihrer schweren Durchfallerkrankung ging, die Wühltischwelpen neben vielen anderen Krankheiten in die Wiege gelegt wird. Die meisten, die um des Profits willen unter elenden Verhältnissen geboren werden, miserabel genährt werden, kein Tageslicht sehen und vom Muttertier viel zu früh früh getrennt werden, überleben die ersten Monate nicht.

20. Juli 2014  © GvP
20. Juli 2014 © GvP

Dieses Schicksal blieb Hundi erspart. In Steglitz verdoppelte Lotta-Filipa binnen weniger Wochen ihr Gewicht. Heute bringt sie mitsamt ihren zehn Zentimeter spitzen Ohren und einem Schwanz, der 21 Zentimeter misst, bei einer Schulterhöhe von 36 Zentimeter knapp acht Kilo auf die Waage.  Liebe geht halt durch den Magen …

20. Juli 2015  © Sabine Münch
20. Juli 2015 © Sabine Münch

Wir hatten Glück. Besser gesagt: Ich hatte verdammt viel Glück, dass wir uns im Juli 2013 im Berliner Tierheim zufällig über den Weg gelaufen sind. Zwar haben sich meine Befürchtungen, dass ein Hund mein gewohntes und lieb gewonnenes Singleleben umkrempeln würde, bestätigt. In der Tat: So vieles ist komplett anders, seitdem ich auf den Hund gekommen bin. Trotzdem möchte ich  in mein altes Leben nicht mehr zurück.

Was ich eingebüßt habe – etwa meine Unabhängigkeit oder meine penible Ordnung (jedenfalls die auf dem Fußboden) – bekomme ich hundertfach zurück. Dass ich für ein Geschöpf verantwortlich bin, erdet mich. Dass ich für Zwei denken und planen muss, bereichert mich. Mich fordert, dass Lotta-Filipa sich zu einer ebenso selbstbewussten wie selbstständigen Mitbewohnerin entwickelt hat, die sich von mir kein X für ein U vormachen lässt. Wenn sie mich zum Schmunzeln, wenn nicht gar zum lauthalsen Lachen bringt, bin ich den Beschwernissen und Ärgernissen des Alltages enthoben.

Nickerchen © Sabine Münch
Nickerchen © Sabine Münch

Vieles wäre aufzuzählen, warum ich nicht mehr in mein früheres Leben vor dem 20. Juli 2013 zurück will. Vielleicht eines noch: Lotta-Filipa lässt mich wieder Kind sein. Man mag das für albern halten, wenn wir mitten auf dem Gehweg Tannenzapfen kicken oder ausgelassen auf dem Teppichboden mit einander raufen. Und zwar genau in der Art, wie es junge, verspielte Hunde miteinander tun.

Schlussendlich: mein kurzes Nickerchen auf dem Sofa, währenddessen es sich Lotta-Filipa in meiner Bauchkuhle bequem macht. Na, das ist? – Ist mir geläufig: Eine Überdosis Oxytocin, die high und dementsprechend unzurechnungsfähig macht.

Wasserrute

Lotta-Filipas Tischmanieren sind beispielhaft. Bevor sie ihre Mahlzeiten einnimmt, macht sie vor dem gefüllten Napf Sitz. In dieser Haltung sucht sie meinen Blickkontakt. Sie wartet. Nicht aufs Tischgebet. Auf eine einladende Geste und zwei magische Worte: „Bitte sehr.“

erhobener Rute © GvP
erhobener Rute © GvP

Nach dem Sesam-öffne-dich verhält sie sich wie jeder andere Hund. Sie eilt zum Napf und schlingt das Essen runter. Vorgestern machte sie erstmals vor ihrem Abendbrot nicht brav Sitz. Sie tippte ihren Popo kurz auf, um mich dann mit großen, bittenden Augen anzuschauen: „Darf ich trotzdem?“ Ich tat, als hätte ich den Fauxpas übersehen, und gab das Mahl frei. Danach verhielt sich Hundi auffällig still. Wofür ich die Temperaturen in der Dachwohnung verantwortlich machte.

Erste Bedenken kamen mir bei der Nachtrunde. Lotta-Filipa kniff fortwährend den Schwanz. Das kenne ich nicht von Hundi, die ihre Rute ansonsten überaus keck hoch reckt. Kaum wieder oben verzog sie sich ins Körbchen. Ich mich mit Sorgen ins Bett: Sollte mit Hundi wieder etwas nicht stimmen? Ich schlief schwer ein und hatte schlechte Träume: Lotta-Filipa ist krank!

Am Tag darauf konnte ich Hundi beim morgendlichen Ausschau halten auf der Terrasse beobachten. Wie sie mühevoll Anstalten machte, sich auf den Hintern zu setzen. Unter normalen Umständen lässt sie sich plumpsen. Gestern freilich ging sie dabei bedächtig vor. Und kaum war ihr Popo auf dem Boden aufgetippt, schon schnellte er wieder hoch. Wie von einer Tarantel gestochen!

Bei Hundis jämmerlichen Anblick spielte ich alle Möglichkeiten durch, die mir plausibel erschienen. Ein Stich in den Hintern? Muskelkater vom vielen Schwimmen und Tollen gestern? Eine Faser, womöglich eine Sehne gerissen?

zu viel des Guten ... © GvP
zu viel des Guten … © GvP

Ab zum Tierarzt. Auf dem Weg dorthin begegneten wir Lotta-Filipas bestem Kumpel. Statt freudig zu wedeln, ließ sie ihre Rute traurig hängen. Für mich war Polen offen: Hundis Rute ist gebrochen!

Nach langem Warten in der Tierarztpraxis empfing mich Frau Doktor mit einer simplen Frage: „Waren Sie gestern mit der kleinen Maus schwimmen?“ „Ja, ausgiebig – bei der Hitze geht ja nichts anderes!“ Frau Dr. Kück: „Dann handelt es sich vermutlich um eine Wasserrute.“ Ich ungläubig: „Eine was?!“ Frau Dr. Kück: „Eine Wasserrute, auch unter den Namen cold tail syndrome, limber tail syndrome oder dead tail bekannt. Wir machen da ja jetzt nicht viel Zinnober. Schmerz- und Entzündungshemmer.“ Ich schnappte kurz nach Luft.

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Spaßig ist eine Wasserrute nicht! Es handelt sich um ein relativ unbekanntes Symptom, das vielfach nicht diagnostiziert und dementsprechend falsch behandelt wird. Habt Obacht, so Euer Hund aus unerfindlichen Gründen nicht Sitz macht und den Schwanz dauerhaft kneift.

Lotta-Filipa zog sich die äußerst schmerzhafte Entzündung in der Schwanzwurzel vermutlich zu, weil sie nach dem Schwimmen feucht im Auto Zugluft ausgesetzt war. Die Therapie? Injektionen – gestern und heute: Gegen die Schmerzen und die Entzündung.

Hundi wedelt übrigens wieder. Und wie! – Wir lassen morgen Berlin für knapp zwei Wochen hinter uns …