Archiv für den Monat Mai 2015

Wer Vorurteile sät, erntet Hass. – Das Letzte zum Hundeverbot an Schlachtensee und Krumme Lanke

Leicht haben es Hundehalter nicht. Sie leben gefährlich und mit Risiken, die dem gesunden Menschenverstand fremd sein sollten. In einer Großstadt wie Berlin allemal, wo auf 3,5 Millionen Einwohner schätzungsweise 160.000 Hunde kommen. Schnee von gestern ist, dass Berlin einst im Ruf stand, die freundlichste Hundestadt Deutschlands zu sein. Hundehalter ecken an, sie polarisieren, bringen Krethi und Plethi, Hinz und Kunz auf die Barrikaden. Angst um den Hund ist ihr tägliches Brot. Giftköderwarnungen und Berichte über Vierbeiner, die mit Rattengift, Schneckenkorn oder Rasierklingen gespickte „Leckerlis“ zu sich genommen haben, lehren sie das Fürchten. Wie viele Hunde daran schon verendet sind, weiß keiner. Statistisch erfasst wird das nicht.

ich bin harmlos! © GvP
tu mir bitte nix! © GvP

Wer in Berlin Verantwortung für einen Hund hat, der trägt nicht allein dafür Sorge, dass der Hund Kommandos wie „Halt“, „Bleib“ oder „Hierher“ perfekt beherrscht. Leider müssen sich Hundehalter seit geraumer Zeit auch einen Kopf darum machen, wie man seinen Vierbeiner vor Giftattacken bewahrt. Demzufolge boomen Hundeschulen, die mit Anti-Giftköder-Kursen lukrative Geschäfte machen.  – Das, freilich, genügt als Vorsorge in Berlin nun auch nicht mehr: Dem eigenen Hund beizubringen, kein ausgelegtes Futter aufzunehmen.

Traurig, aber wahr: Seitdem das Hundeverbot an Schlachtensee und Krumme Lanke in Kraft getreten ist, ist man in Berlin mit Hund statt Anti-Giftköder-Training besser beraten,  Selbstverteidigungskurse zu besuchen. Das Klima ist vergiftet. Angst greift unter Hundehaltern um sich. Inzwischen sagen nicht nur militante Hundehasser den Kampf an. Offenkundig fassen jene, die keine Hunde mögen, die Markl-Vieto-Zone um Schlachtensee und Krumme Lanke als einen Freibrief auf. Mit dem Verbot im Rücken fühlen sie sich berechtigt, noch ungehemmter gegen Vierbeiner und deren Halter vorzugehen.

ich bin geimpft und entwurmt © GvP
ich bin geimpft und entwurmt! © GvP

Sogar solche, die ihren Hund außerhalb der Verbotszone Gassi führen, werden beschimpft. Hunde werden mit Füßen getreten. Es soll zu Pöbeleien, ja sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein. Die B.Z. berichtet heute über einen Touristen aus Düsseldorf, der seine Hündin am Schlachtensee ausgeführt hat und dabei aggressiv angegangen wurde: „Ich bin immer noch entsetzt! Was mir dort innerhalb meines einstündigen Spaziergangs widerfahren ist, habe ich in dieser Form noch nirgendwo in der Welt erlebt. Noch nie in meinem Leben bin ich in einer derartig aggressiven Form angepöbelt, beleidigt und beschimpft worden,“ so der Düsseldorfer zur B.Z. Und der Verein Berliner Schnauzen? Der rät Hundehaltern sogar dazu, bei Ausläufen oberhalb der beiden Seen sicherheitshalber die Rufnummer des zuständigen Polizeireviers parat zu haben.

Warum entbrannte infolge des Hundeverbots eine derartige Schlacht? Weil es den verantwortlichen Politikern, die ein umstrittenes Gesetz mit fragwürdigen Argumenten durchgepeitscht haben, auch an Weitsicht und Sensibilität mangelte. Wer Angst schürt (Hunde beißen) und Vorurteile kolportiert (Hunde übertragen Krankheiten), der sät Hass.

Zwei Impressionen zum Hundeverbot an Schlachtensee und Krumme Lanke

Grenzsicherungsanlage für Menschen mit Hunden © GvP
Grenzsicherungsanlage für Menschen mit Hunden © GvP

Zum Sachverhalt habe ich mich bereits geäußert: Hier und dort.

Heute nahmen Hundi und ich Abschied – vom Schlachtensee.  Für mich war das kein leichter Gang. Ich werde ausgegrenzt. Als Hundehalterin. Und als Bürgerin, die sich von Amtes wegen nicht nicht mehr frei Schnauze im Wald oberhalb der beiden Berliner Seen bewegen kann.

"Mr. Gorbachev, tear down this wall". So Reagan 1987 ... © GvP
„Mr. Gorbachev, tear down this wall“. So Reagan 1987 … © GvP

Getröstet hat mich, dass meine Empfindungen andere teilen. Die Art und Weise, wie das Hundeverbot an Schlachtensee und Krumme Lanke ab 15. Mai 2015 umgesetzt wird, schlägt nicht nur mich vor den Kopf.

Bilder sagen mehr als Worte …

 

Vermintes Gelände. Eine hoheitliche Zone am Schlachtensee

Seitdem es mich 1991 erstmals nach Berlin verschlagen hat, ist der im Südwesten gelegene Schlachtensee mein bevorzugtes Naherholungsziel. Ein glitzernder Märchensee, der mir bei jedem Besuch ein anderes Gesicht zeigt. Man kann am Ufer entlang schlendern, einen Abstecher zur Krummen Lanke machen, die Beine im Wasser baumeln und den Blick schweifen lassen oder im weitläufigen Wald oberhalb, wo man abseits des Trubels vielfach alleine ist, zur Ruhe kommen. Und das Beste: Satt mit dem Auto bringt mich die S-Bahn in knapp 15 Minuten ans Ziel.

Lotta-Filipa © Sabine Münch
Lotta-Filipa © Sabine Münch
Dann kam Klein-Hundi ins Haus. Fortan fielen die Exkursionen am Schlachtensee noch schöner, noch lebhafter und noch häufiger aus. Freilich änderte sich meine Sicht abrupt. Das, was mir als Spaziergängerin auf dem sieben Kilometer langen Uferweg ehemals zum Ärgernis gereichte, entpuppte sich nun als Risiko. Und zwar für Lotta-Filipa und mich als frisch gebackene Hundehalterin. Wie viele böse Blicke zog ich auf mich! Etwa dann, wenn sich ein überbehütetes Kind bei Hundis Anblick in der Ferne hysterisch kreischend an Papa, Mama, Opa oder Tante klammerte. Wie oft musste ich mir unter Drohgebärden anhören, dass Hunde dort nichts verloren haben, wo Menschen Erholung suchen. Alsbald hatte ich auch genug davon, Lotta-Filipa vor rücksichtslosen Joggern und rasenden Fahrradfahrern andauernd in Sicherheit bringen zu müssen oder potentielle Verletzungen abzuwenden, weil Hundi im Begriff war, sich eine Scherbe einzutreten, die nach den zahllosen Biergelagen bei Sonnenuntergang zu Hunderten am See herumliegen. Von anderen Party-Hinterlassenschaften, die für Hunde verlockend sein können, mag ich hier erst gar nicht sprechen …

allein auf weiter Flur ...  © GvP
allein auf weiter Flur … © GvP
Aber, es gab eine Lösung. Dann jedenfalls, wenn der See bevölkert ist und die Bässe über das Wasser wummern. Wir mieden das Ufer. An den heißen Sommertagen zur Ferienzeit und an den Wochenenden, wenn das Wetter gut ist. Das neue Hundeverbot an den Ufern von Schlachtensee und Krumme Lanke ärgerte mich zwar, wohl tröstete mich der Gedanke, dass uns ja das oberhalb gelegene Waldgelände verbliebe. Zwar keine kurze Erfrischung mehr für Mensch und Tier am Wasser. Dafür aber: Tannenzapfen-Kicken, Stöckchen-Werfen und Spurensuche auf den verwunschenen Wegen außerhalb der Trampelpfade im Wald.

Und dann das! Meine Rechnung hatte ich nicht mit dem Amtsschimmel gemacht, der die Verordnung, Hunde in einem Radius von 5 ½ Metern vom Ufer fernzuhalten, mit deutscher Gründlichkeit umsetzt. Und das mit welchem Furor!

Derzeit werden im Wald oberhalb des Schlachtensees mannshohe Zäune aus Maschendraht errichtet. Sie verhindern den Zugang zum See. Für Mensch und Tier gleichermaßen. Abgeschiedene Wanderwege, die ich geschätzt habe, auch weil sie mir gelegentlich einen nahezu unverstellten Blick hinab auf den See ermöglichten, sind ebenfalls nicht mehr zugänglich. Im Wald bewegen kann man sich fortan nur noch innerhalb von Korridoren. Und so man den Hauptweg wählt – spaziert man eingezwängt zwischen Wannseebahn und Maschendraht …

Maschendrahtzaun oberhalb des Schlachtensee allein auf weiter Flur ...  © MvS
Maschendrahtzaun oberhalb des Schlachtensees © MvS
Dass man sich in einem öffentlichen Naherholungsgebiet nicht mehr frei Schnauze, sondern nur noch innerhalb von Korridoren bewegen kann, schlägt mich vor den Kopf. Bislang dachte ich ja, dass die Hunde ein Bauernopfer sind. Irgendein Zugeständnis musste man der grünen Fraktion im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf offenbar machen. Dass man das Gebiet um den Schlachtensee nun ex officio zum Hoheitsgebiet deklariert, das allerdings geht wirklich zu weit.

Ich denke, liebe Frau Christa Markl-Vieto, mit dieser Maßnahme stoßen sie alle Spaziergänger, Wanderer und Erholungssuchende vor den Kopf, die sich ihre Wege im Wald nicht von Amtes wegen vorschreiben lassen wollen.