Archiv für den Monat April 2015

Zeit los mit Hund

Hundi: 11 Wochen alt © Sabine Münch
Hundi: 11 Wochen alt © Sabine Münch

Lotta-Filipa jährte am 20. April zum zweiten Mal. Hatten wir ihren ersten Geburtstag noch in großer Runde gefeiert, blieben wir heuer unter uns. Na klar, es gab Geschenke. Und obendrein einen fetten Markknochen.

Während Lotta-Filipa ihren Knochen in der Mache hatte, sinnierte ich bei zwei brennenden Geburtstagskerzen: Was für ein tolles Kerlchen Hundi ist. Wie prächtig sie sich doch entwickelt hat. Obwohl es ja heißt, dass Wühltischwelpen – deren Schicksal Hundi vermutlich teilt – häufig lebenslang an den Folgen ihrer Herkunft leiden. Dass Hundi mein Leben umgekrempelt hat. Und dass die Stunden mit ihr verfliegen …

Ich stutzte: Der Hund stellt mein persönliches Zeitempfinden auf den Kopf! Er be- und entschleunigt gleichermaßen. Und Langeweile? Die lässt Lotta-Filipa schon gar nicht zu. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wer seine Zeit sinnvoll mit einem Hund zu nutzen weiß, der kann von der vermeintlichen langen Weile nicht genug bekommen. Um noch mehr draußen sein zu können, noch mehr mit Hund zu tollen, zu rangeln, zu spielen – und zu trainieren.

Hundi: 1 Jahr alt © Sabine Münch
Hundi: 1 Jahr alt © Sabine Münch

Paradox ist, dass man mehr Zeit zur Verfügung hat, obschon die Zeit mit Hund schneller verstreicht als ohnehin. Etwa, wenn man in der freien Natur unterwegs ist. Dass es eben nicht „nur“ gefühlte zwei, sondern geschlagene vier Stunden gewesen sind, die man gemeinsam im Wald zugebracht hat. Oder das kurze Gassigehen in der Frühe, bevor einen die Pflichten treiben? Fällt bei uns auch nicht immer ganz so schnell aus wie es sich draußen angefühlt hat.

Womit wir beim Thema „Work-Life-Balance“ wären, die heutzutage zwar viel beschworen, aber wenig gelebt wird, weil der (Zeit-) Druck zu groß geworden ist. Erstaunlich ist, dass Lotta-Filipa zwar Zeit raubt, gleichzeitig aber eine Menge Druck rausnimmt. Insofern treibt mich das schlechte Gewissen auch immer weniger um, dass meine Zeit womöglich nicht ausreichen könnte, um all‘ den auferlegten Anforderungen, Ansprüchen und Zwängen gerecht werden zu können. Weil ich mir Zeit für Hundi und damit Auszeiten von den Pflichten nehme, bin ich entspannter, gelassener und zufriedener geworden. Dass sich das auch auf meine Arbeitsproduktivität und Kreativität positiv niederschlägt, ist ein schöner Nebeneffekt …

26.04.15_wir
Lotta-Filipa: 2 Jahre alt © Sabine Münch

Kurzum: Obwohl Lotta-Filipa in vielerlei Hinsicht so richtig Tempo macht – die Balance, die wir zwischen meinen Pflichten und ihren Ansprüchen gefunden haben, kann man guten Gewissens ruhig Entschleunigung nennen …

 

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Die Crux mit den tierischen Gefühlen

Im Grunde genommen sollte ich das Thema erst gar nicht aufmachen. Weil ich mich damit verdächtig mache. Nämlich jenen Haltern anzugehören, die ihre Hunde vermenschlichen. Indem sie ihnen unterstellen, Gefühle oder Stimmungen wie Menschen zu empfinden. – Anthropomorphismus wird diese Gleichsetzung in der einschlägigen Literatur genannt. In der Regel abschätzig.

kalte Schulter? © GvP
kalte Schulter? © GvP

Unstrittig ist inzwischen zwar, dass Hunde emotionale Zustände wie Angst und Freude erleben, die mit bildgebenden Verfahren wie dem MRT nachgewiesen werden konnten. Sekundäre Gefühle allerdings wie Zorn, Mitleid, Trauer, Liebe, Eifersucht oder Schuldgefühle behält die Wissenschaft noch dem Menschen vor.

Inzwischen freilich scheint ein Meinungsstreit zu toben. Zwischen jenen, die Tieren sekundäre Gefühle absprechen, und jenen, die geneigt sind, deren Verhalten mit menschlichen Verhalten gleichzusetzen. Mich lässt die Kontroverse kalt. Ich halte sie sogar für anachronistisch. In jenen Ländern, in denen sich das Haustier einen anderen Status eroberte, hat jene Fraktion schon lange das Hintersehen, die Tieren das Empfinden von Gefühlen und Stimmungen abspricht. Bleiben wir beim Hund. Längst ist der kein Arbeits- oder Nutztier mehr, das ein Anwesen bewacht, eine Herde treibt, Wild jagt oder – wie Lotta-Filipas Ahnen – Schiffe und Farmen von Ratten befreit. Heute ist der Hund ein Lebensbegleiter: Seelengefährte, Kuscheltier, Partnerersatz, Familien- und Bürohund, Fitnesstrainer. Kurzum: des Menschen „bester Freund“. Jedenfalls hierzulande und in jenen Ländern, wo Hunde, salopp gesprochen, nicht mehr wie Dreck behandelt werden.

tiefer Blick? © GvP
tiefer Blick? © GvP

Mit eben diesem Statuswechsel hängt für mein Dafürhalten zusammen, dass wir unseren Haustieren Empfindungen und Wesenszüge zuschreiben, die wir von uns kennen. Warum sonst auch würden wir so viel Geld für den Hund, unseren besten Freund, ausgeben? Circa sechs Milliarden Euro jährlich lassen sich das beispielsweise die Deutschen kosten.

Und da Hunde Anpassungskünstler par excellence sind, wissen sie sich das selbstverständlich auch zunutze zu machen, dass wir denken, sie würden so fühlen wie wir.

Egal, was die Wissenschaft zum Thema sagt: Hunde verstehen sich virtuos darauf, Gefühle, die wir auf sie projizieren, für sich zu nutzen. – Dass Lotta-Filipa zu ganz großen Gefühlen fähig ist, liegt auf der Hand …