Archiv für den Monat Oktober 2014

Der frühe Vogel kann mich mal!

Hochanzurechnen ist Lotta-Filipa, dass sie morgens nicht aus den Federn kommt. Bereits als Welpe drängte sie in der Frühe nichts. Unvergessen in diesem Zusammenhang ist mir jener Samstag im August vergangenen Jahres, als Hundi in der Welpenschule antreten solte. Der Wecker klingelte um sieben. Lotta-Filipa tippte sich an die Stirn: „Du spinnst wohl. Um diese Uhrzeit mache ich nichts.“

müde
nicht aus den Federn… © GvP

Sie hielt Wort. Lotta-Filipa ließ sich weder von den tollenden Kameraden in der Spielgruppe anstecken, noch von der geschulten Welpenanimateurin aus der Reserve bringen und schon gar nicht mit ganz besonderen Leckerlis bestechen. Geschlagene 45 Minuten, die sich für Herrchen freilich sehr viel länger anfühlten, rührte Hundi sich nicht vom Fleck. Alle Viere von sich gestreckt lag Lotta-Filipa platt auf dem Bauch. Inmitten einer ausgelassen tobenden Gruppe wohlgemerkt, die in der Welpenschule sichtlich Spaß hatten: „Der frühe Vogel, der kann mich mal!“

Meiner Sorge, dass ich in Allerherrgottsfrühe raus aus den Federn müsse, um Lotta-Filipa möglichst noch vor Sonnenaufgang auf die Wiese zu führen, war ich nach Hundis Einzug in Steglitz früh enthoben. Nach dem vermasselten Antritt in der Welpenschule waren wir uns einig, dass die Welt – wie wir sie uns beide im Unterschied zu Geyfords Welt im Roman von Eric Malpass  denken – für uns morgens um sieben nicht in Ordnung ist.

der frühe Vogel kann mich mal! © GvP
der frühe Vogel kann mich mal! © GvP

Morgens gilt seither: jeder nach seiner Fasson. Lotta-Filipa ruht, während ich meiner Morgentoilette nachgehe. Sie lässt mich in Ruhe und sich frühestens nach dem zweiten Pott Kaffee blicken. Dann allerdings mit Gedöns. Ist Lotta-Filipa erst einmal aus den Federn, dann ist sie quietsch fidel. Was sie im Übrigen  lautstark hören lässt: Hundi tollt mit quietschendem Spielzeug im Gepäck Nerven aufreibend durch die Wohnung…

Im Unterschied zu mir ist Lotta-Filipa kein Morgenmuffel, der seine Zeit braucht, bis er in die Pötte kommt. So lange jedenfalls nicht bis es nach Unten geht, auf dass Hundi in die Pötte kommt. Lotta-Filipa trödelt, märt sich aus. Kommt nicht zu Potte. Da mag Herrchen noch so lieb bitten oder drängeln: „Nun mach‘ schon. Ich muss ans To-Do.“ Und Lotta-Filipa? Neunmalklug: „Hab ich mein Geschäft erledigt, dreht sich alles nur noch um deine Geschäfte. Der frühe Vogel kann mich mal!“

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Herrchen traut sich was!

Verkehrte Welt! Dort, wo es für Hundi gefährlich werden kann, herrscht in Berlin kein Leinenzwang. Abgesehen von einigen Bereichen, wo striktes Hundeverbot herrscht, in öffentlichen Gebäuden oder in geschützten Grünflächen (die sich im Übrigen großspurig Grünanlagen nennen), darf man in Berlin Hunde ohne Leine laufen lassen. Noch!

hier nicht! © GvP
hier nicht! © GvP

Auf den Bürgersteigen. Aber: Das versteht sich wohl von selbst… Die Berliner machen jedenfalls davon rege Gebrauch mit ihren Hunden leinenlos auf Bürgersteigen zu flanieren. Auf vier Pfoten spazieren die Berliner Hunde brav neben ihren Herrchen. Bleibt Herrchen stehen, weil es eine Ampel zu überqueren gilt, eine Auslage in einem Schaufenster magisch anzieht oder ein Schwätzchen mit einer Zufallsbekanntschaft gehalten sein will, macht der Hund ebenfalls Halt. Im besten Fall sogar brav „sitz“. In dieser Haltung verharrt er wiederum so lange stoisch, bis sich sein Herrchen wieder in Bewegung setzt.

Kurzum: Die Berliner Hunde haben das drauf: Leinenlos artig an Herrchens Seite durch eine turbulente Großstadt zu schlendern. Dass auf der gegenüberliegenden Seite eine läufige Hündin flaniert interessiert sie ebenso wenig wie der angebissene Hot Dog, der vorne am Imbiss liegt. Sie trotten brav ohne Leine neben ihren Herrchen her. Und jeder Hund, dem wir im vergangenen Jahr auf unseren Weg durch die Stadt begegnet sind, ließ mich zweifeln: Traue ich das Lotta-Filipa und mir jemals zu: Gemeinsam leinenlos durch die Stadt zu schlendern?

brav "sitz" in der Fußgängerzone © GvP
brav „sitz“ in der Fußgängerzone © GvP

Nun denn. Seit einigen Tagen traut sich Herrchen was. Zwar trottet Hundi nicht auf dem Bürgersteig neben mir her. Das wäre vom Wildfang, dem Jagdhund durch und durch, zu viel verlangt. Wohl traue ich Lotta-Filipa leinenlos in der Stadt Tag für Tag immer mehr zu. Hundi macht das wirklich prima. – Und sehr viel souveräner als ich: „Jetzt hab‘ dich nicht so! Ich war doch nur kurz um die Ecke.“

„Griechische Hunde fliegen tief.“ Lotta-Filipa schreibt Tagebuch

Herrchen auf Kreta © Sibylle von Prittwitz
Herrchen auf Kreta © Sibylle von Prittwitz

Ich war weg. Zehn Tage Kreta mit Frau Mama – ohne Hundi. Um Lotta-Filipas Wohl kümmerte sich zunächst Bruder Michael, der eigens in meiner Wohnung Quartier nahm. Seine fixe Idee: Nach Kreta läuft Lotta-Filipa die steile Wendeltreppe hoch ins Büro nicht nur rauf, sondern auch runter. Dann zog Hundi zu ihrer allerbesten Freundin Paula um; gemeint ist meine Freundin Sabine, die derzeit neben ihrer eigenen Hündin Paula einen alten, erblindeten Dackel umsorgt.

Als ich gestern bei Sabine eintraf, um Hundi wieder nach Hause zu bringen, war die Wiedersehensfreude riesig. In Steglitz angekommen, änderte sich die Stimmung schlagartig. Lotta-Filipa schmollte: „Du warst ohne mich weg. Du bist Luft für mich!“ Ich begann, mir Vorwürfe zu machen. So lange jedenfalls bis ich auf eine Kladde stieß: Lotta-Filipa`s Tagebuch, das sie während meiner Abwesenheit geführt hat:

10. Oktober Freitag war ein schrecklicher Tag. Herrchen reist ab – ohne mich mitzunehmen. Dabei habe ich doch – ohne zu übertreiben – schon Flugbox mit einigem Erfolg geübt. Um 10.12 Uhr kam dann endlich Onkel Michael und stürmte an mir vorbei ins Bad. Der ist völlig überfordert, dachte ich, das soll also jetzt mein Sitter sein? Na, denn, jedenfalls nimmt er die Leine in die Hand. Abends ruft Herrchen an und spricht mit mir. Sie ist total meschugge. Sie vermisst mich!

sie vermisst mich! © Sabine Münch
sie vermisst mich! © Sabine Münch

11. Oktober Das mit dem Futter klappt bislang ganz gut, eigentlich. Ich kriege Leckerlis en masse, die Dosen kann mein Sitter korrekt öffnen und das – natürlich noch von Herrchen exzellent – ausgesuchte Futter ist erste Sahne. Heute gibt es zwischendurch leckere Luftröhre, das mundet mir auch, sogar als Feinschmecker. Obwohl ich vermute, dass mein Sitter rein gar nichts davon versteht. Er findet sie ziemlich blutig und verzieht das Gesicht. Das sehe ich! Nun, zwischen Gourmet und Gourmand gibt’s eben einen feinen Unterscheid! Heute laufen wir zum Botanischen Garten. Ich darf endlich frei rumlaufen und zwei Schlappohren wollen es mit mir aufnehmen. Von wegen. Als wir zurück kommen, hat Michel etwas mit mir vor. Das spüre ich sofort. Aber was? Ich platziere mich auf Herrchens Sessel, pflege sorgsam meine Krallen und – erhalte die erste Predigt.

12. Oktober Heute geht’s in den vornehmen Erlenbusch. Das Wetter ist super, doch mein männlicher Hundesitter hat Probleme damit, mich frei laufen zu lassen. Oh, doch, also bitte! Ich rase durch eine Senke wie ein Staffelläufer – vorbei an einer Kinderschaukel. In der Senke steht ein Jogger, aber er ist vollkommen bewegungslos wie eine Statue und ich muss unwillkürlich bellen. Michael ist das kreuzpeinlich, der Jogger hat nämlich eine schwarze Hautfarbe. Habe ich aber auch! Abends geht er zu Felix ins Atelier. Dort herrscht großer Andrang und Michael hilft ihm ein wenig dabei, den Ansturm zu bewältigen. Ich weiß aber immer noch nicht, was Michael mit mir vorhat. Als er zurückkommt, passiert es. Er legt den kleinen Igel auf die Wendeltreppe und geht einfach weg. Das lasse ich mir nicht bieten.

morgens um Sieben © GvP
morgens um Sieben © GvP

13. Oktober Michael hatte eine unruhige Nacht und geht deswegen mit mir heute um 7 Uhr früh Gassi. Die Müllabfuhr steht unten und frühstückt. Ich spüre es sofort: Die Kaninchen sind weg. Michael hat sich ein bisschen erkältet und saust mit mir wieder nach oben. Frühstück ist super heute. 8+1 plus Hase. Er trinkt Kaffee und isst Rührkuchen. Und plötzlich liegt der Igel eine Stufe höher. Es kitzelt in meinen Pfoten, tue aber so als berühre es mich nicht. Das Wetter ist mies. Nicht mal eine Katze würde ans Fenster gehen. Dennoch: Wir laufen mitten durch den Schlamm und ich schlürfe frisches Regenwasser.

flink wie ein Wiesel © GvP
flink wie ein Wiesel © GvP

14. Oktober Morgens erobere ich mir das Kopfkissen von Herrchen. Dann Wendeltreppe. Alles ist schließlich eine Frage der Technik. Michael ist in der Küche, der orangefarbene Igel und der lila Krake liegen „zufällig“ eine Stufe höher. Ich bin jung, agil, alle Hunde, na, beinahe fast alle Hunde kriegen mich nicht ein, so fit bin ich – also das muss doch zu schaffen sein. Es ist morgens, ich stelle mir eine reitende Dame vom Erlenbusch vor, wenn sie mit beiden Beinen absteigt und geschickt das Gewicht verlagert. Oder ein Kaninchen? Was Herrchen wohl macht? Ich tue heute mal nix, denn Michael hat mich einen bekloppten dämlichen Terrier genannt. Das petze ich!

15. Oktober Wahrscheinlich wird überall in der Stadt vorgelesen. Wir fahren heute dazu durch einen riesigen Tunnel bis zum Hansaviertel. Von da geht es über die Spreebrücke hinein in ein kleines Ladengeschäft. Dort sitzen viele Menschen und es gibt Geschichten von der Filmemacherin Doris Dörrie. Aber ohne Bilder. Vor allem die Stimme ist angenehm. Short-Stories über Hunde wären sicher besser gewesen, doch ich soll Paul kennenlernen, eine Französische Dogge, deswegen halte ich durch. Paul ist ein Bulle von Mann, aber nicht gerade sehr aufmerksam. Irgendwie habe ich mir Franzosen anders vorgestellt. Als Paul weg ist, stromern wir noch durch den Tiergarten. Mit großen Motorsägen schneiden Gärtner in Overalls Holz. Es riecht nach frischem Harz. Das findet Michael toll. Ich finde toll, dass es hier Kaninchen gibt wie Tannenzapfen. Sie fürchten sich ja nicht richtig vor mir, weil ich angeleint bin, aber sie hocken immer so erstarrt, wenn ich komme. Wieder Zuhause gibt’s Leckerlis mit Wendeltreppe. Michael nimmt es heute übergenau und zählt – 14 Stufen. So viel Buchhaltung nervt, aber das bedeutet jede Menge Leckerlis. Und wenn man erst mal die Technik drauf hat, sind die Stufen bloß noch Zahl. Und so ist es. Von 6 auf 8 auf 9. Ein Klacks.

die Ohren oben © GvP
die Ohren oben © GvP

16. Oktober Gestern haben wir Onkel Achim mit meiner Mopsfreundin Käthe getroffen. Achim war kurz angebunden, aber sehr freundlich, eben ganz Geschäftsführer eines Nobelbetriebes. Er sprach davon, Herrchen auf Facebook getroffen zu haben. Ja, Facebook für Hunde, das wär was! Morgens erst Bio-Frühstück mit Möhre. Dann Stufe 13. Meine Ohren sind schon oben. Michael lässt es gut sein. Bei Nieselregen Spaziergang hinüber zur kleinen Post hinten am Sportplatz, anschließend wieder ins Paradies. Heute traut er sich und lässt mich ohne Leine laufen. Einige Vierpfoten ziehen vorbei, sind aber bei dem Lausewetter wenig inspirierend. Mit Michael ist es so lala. Er wird nervös, wenn ich an der Kreuzung den Po nicht aufstippe und Sitz mache.

17. Oktober Nach dem Morgengassi holt mein Sitter das kleine grüne Bällchen von der Küchenkonsole. Ich hatte ihm nun weißgott oft genug gezeigt, wo es liegt, endlich hat er es geschnallt. Er setzt sich an seinen Teamplatz im Büro. Ich kick ihm den Ball zu. Eine meiner besten Übungen, das zieht immer. Unten steht die Balkontüre offen. Zu meiner Überraschung nimmt mich Michael fest mit allen Vieren und setzt mich langsam und behutsam auf die oberste Stufe. Der rosa Igel und der lila Krake sind da. Ich habe keine Angst. Er will nicht, dass ich hier runter pese wie in einem Comic, mit einer Wolke. Ich stelle die Pfoten auf und schnuppere, aber das Bällchen lasse ich nicht aus. Er nimmt mich wieder hoch und arbeitet weiter. Als ich auf die Terrasse will, bin ich ganz leise und ganz vorsichtig. Und als ich unten bin und laut belle, macht er oben große Augen! Alles eine Frage der Technik!

Herrchen ist zurück © Sabine Münch
Herrchen ist zurück © Sabine Münch

18. Oktober Wetterumschwung! Sonne und steigende Temperaturen. Ausflugswetter. Mein Hundesitter lässt sich erstmals gefallen, dass ich ihm den Arm abschlecke. Allerdings hatte ich gestern eine Magenverstimmung. Michael hat heimlich gegoogelt, was zu tun sei, dann ist er noch aus dem Haus. Beim Spätgassi sind wir in den Treitschke-Park, wo ein gewaltiger Fuchs mit einem noch gewaltigerem Schweif vorbeitrabte. Ich habe Erdmännchen gemacht bis er weg war. Sucht er dort Kaninchen? Frühmorgens gab es heute Reis und Hüttenkäse mit etwas Obst. War okay auf den superleeren Magen. Dann über die Domäne Dahlem zur Krummen Lanke bis zum Schlachtensee. Ein Stöckchen nehme ich zur Erinnerung mit. Morgen ist Übergabe. Ich werde von Tante Sabine abgeholt. Das bedeutet Garten total, mit Kleindackel Stupsi und meiner allerbesten Freundin Paula. Sonntags geht der Spaß bei Sabine weiter. Und am Montag traut Herrchen sich zurück!!!

© Michael von Seydlitz

Danke Mi! Danke Bine! Ich mache das übrigens wieder – ohne Hundi reisen!!