Archiv für den Monat Juni 2014

Von Stöckchen und Stöcken

na mach schon © Sabine Münch
na mach schon! © Sabine Münch

 

Noch vor einigen Wochen stand die Frage bang im Raum: Holt Hundi raus? Gemeint war das Stöckchen aus dem Wasser. Und dann die Zäsur. Zu Herrchens Stolz! Hundi holte auf Teufel komm raus. Alles raus. Selbst Teilchen, die Herrchen nicht geworfen hatte, waren vor Hundi im Wasser nicht mehr sicher. Vom Jagdfieber getrieben, stürzte Lotta-Filipa sich unablässig in die Fluten. Um das Kleinteilige zu retten, das verloren an der Oberfläche trieb. Eine Baumrinde, etwas Tang, ein bisschen Alge, ein Ästchen. Alles musste an Land. Selbstverständlich auch das Stöckchen aus Herrchens Hand.

 

nun aber los © Sabine Münch
nun aber los… © Sabine Münch

Und dann – vor einigen Tagen zu Herrchens Ärgernis abermals eine Kehrtwende. Urplötzlich holte Hundi nichts mehr raus. Kein Ästchen, kein bisschen Alge, kein Tang. Und für Herrchens Stöckchen ging Lotta-Filipa erst recht nicht ins Wasser. Da mochte sich das ehrgeizige Herrchen noch so sehr ins Zeug legen und noch so viel locken. Hundi bockte: „Dafür mache ich mich nicht nass! Ich mich doch nicht!“

 

sicher an Land © Sabine Münch
sicher an Land! © Sabine Münch

Fuchsig geworden griff Herrchen zum Stock. Einem, der einem kraftstrotzenden Mastiff entsprochen hätte. Mit viel Karacho landete das stattliche Teil  im tiefen Wasser. Und Hundi? Hetzte jubelnd hinterher: „Endlich! Ein Stock nach meiner Kragenweite!“

Stöckchen? Wirft Herrchen seither nicht mehr… Es trainiert den Trizeps und all‘ die anderen Muskeln, die es fürs Werfen mächtiger Stöcke braucht.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Wieder viel dazu gelernt gestern in der Hundeschule. Herrchen zuvörderst, das in punkto Hundeerziehung bisweilen auf der langen Leine, gemeint: auf der langen Leitung steht. Trainer Markus, dem der Schweiß ob der großen Hitze in der Großstadt sowieso auf der Stirne stand, musste gleich zu anfangs ziemlich viel Geduld aufbringen, um Herrchen zu verklickern, dass Leinenläufigkeit beim Hund eben nicht meint, selbigen an langer Leine freien Lauf zu lassen. Herrchen machte große Augen und Hundi biss sich in den Schwanz. „Wie bekloppt ist der denn? An kurzer Leine mache ich mit Herrchen keinen Schritt!“

Schulstunde © Sabine Münch
Schulstunde © Sabine Münch

Das fing gestern gut an – im Aufbaukurs Grundgehorsam beim Dog Coach! Amused war Lotta-Filipa jedenfalls nicht. Bereits die nächste Einheit „Begegnung Mensch/Hund“ provozierte ein Kopfschütteln. Die Halter waren angehalten, Abstand zu wahren, einen Bogen zu machen und ihre Hunde ohne viel Tamtam und Leinenzwang aus der möglichen Kampfzone zu bringen. Hundi tippte sich an die Stirn: „Distanz halten, wenn ein Artgenosse und potentieller Spielgefährte auf mich zu kommt? Nur drauf los!! Zweibeiner verstehen nichts von Vierbeinern!“

Ihren Glauben an das Know-How, das Einfühlungsvermögen und schlussendlich auch an die Zurechnungsfähigkeit der Hundehalter, -versteher und -flüsterer verlor Hundi vollends, als es gestern darum ging, bei Fuß einen reißenden imaginierten Fluss mit Herrchen zu überqueren, dem zudem die Aufgabe gestellt war, eine Hängebrücke für sich und seinen Vierbeiner aus Versatzstücken zu konstruieren. Während sich Herrrchen mühte, aus Stückwerk etwas zusammenzubauen, auf dem sich bequem „sitz“ machen ließ, lachte sich Hundi einen Ast: „Da geh‘ ich nicht rüber. Ich bin doch nicht lebensmüde!“

"sitz" perfekt  © GvP
„sitz“ perfekt © GvP

Und dann die Krönung dessen, was sich gestern unter der Rubrik „ich sehe was, was du nicht siehst“ subsummieren lässt: die imaginierte Bordsteinkante. Jene Schwelle, die Hundehaltern Schweiß auf die Stirn und unter die Achseln treibt. Macht Hundi „halt“, „sitz“, „warte“ bis Herrchen das Abbruchsignal gibt? Keine Gefahr in Sicht. Kein Auto, kein Kinderwagen, kein Fußgänger… „Gehen!“

Und Lotta-Filipa? Tippt sich abermals an die Stirn. „Sehe ich nicht, was du da siehst. Du hältst mich wohl für deppert? Das ist Klebeband – und keine Bordsteinkante!“

 

Notnagel, Notinsel, Rettungsring?!

Nach drei erfolgreichen Runden hinterm Bällchen her zu schwimmen und selbiges sicher an Land zu bringen, hatte Hundi vor drei Tagen das Spiel „Hol‘ das Runde aus dem Wasser“ statt. Gründlich satt. Offenbar war ihm das zu doof geworden. Dumm aus der Wäsche guckten Hundi und Herrchen hinter Lotta-Filipas Lieblingsbällchen her, das sich lustig von der Strömung in tiefere Gewässer treiben ließ…

ausgesetzt am See am 06. Juni 2013 © GvP
ausgesetzt am See am 06. Juni 2013 © GvP

Herrchen festen Willens, mit gutem Beispiel voranzugehen, krempelte die Beine seiner Jeans hoch. „Dein Lieblingsbällchen, Lotta-Filipa, geben wir nicht verloren! Wir doch nicht!“ Wild entschlossen watete es hinter dem Bällchen her, das in Gefahr lief, auf Nimmerwiedersehen in den Fluten des Grunewaldsees zu versinken.  Und Hundi? Nahm sich an Herrchen ein Beispiel. „Wir sind ein Team. Es geht um das Runde, das droht, verloren zu gehen!“ Es schwamm hinter Herrchen her, das wiederum hinter Hundis Lieblingsbällchen her war.

Hundis Kehrtwende… Hinter Herrchen, das darauf erpicht war, das Bällchen weitestgehend trockenen Fußes an Land zu retten, wurde es hektisch. Hundi, dessen Pfoten längst keinen festen Grund mehr hatten, paddelte wild. Wasser spritzte. Hundi und Bällchen nahmen rasant Fahrt auf. Herrchen wurde oberhalb seiner aufgekrempelten Jeans ziemlich nass.

Bällchen retten... © GvP
Bällchen retten… © GvP

Und dann der Gau für ein Herrchen, das bei der Rettung des Bällchens lediglich die Unterschenkel benässen wollte. Hundi paddelte noch wilder. Auf hektischer Suche nach einem Rettungsring, einer Notinsel…

Der Notnagel: Herrchen! Hundis Vorderläufe umklammerten dessen Hüfte. Da hing er nun im Rettungsring. Ein patschnasser, tropfender Hund. – Und Herrchen? Durchnässt von der Haar- bis zur Zehnspitze? Dem fröstelte es für den Rest des Abends gewaltig…

Ein Nachtrag:

Heute wurde Herrchen bewusst, dass das  Klammern vor drei Tagen im See seitens eines Hundes, der alles und nur kein Klammeraffe ist, eine symbolische Handlung gewesen sein mag. Exakt vor einem Jahr, am 6. Juni 2013, hatte irgendwer Lotta-Filipa im Alter von circa sieben Wochen am Lietzensee ihrem Schicksal überlassen. Nicht auszumalen, was Hundi hätte geschehen können, so sich aufmerksame Passanten ihrer nicht angenommen hätten. Möglicherweise hatte Hundi jene beängstigenden Stunden im Sinn, als es sich vor drei Tagen – nahezu hysterisch – im Wasser an Herrchens Hüfte klammerte? Genaues freilich weiß man nicht…