Das Beste ist gerade gut genug

Beinscheibe? Nein danke © Sabine Münch

Zwei Jahre nach seinem Tod habe ich es immer noch im Ohr: „Das Beste ist gerade gut genug.“ Halb ernst, halb ironisch gemeint, pflegte mein Vater das zu sagen. Wenn es auswärts zum Essen ging. Und so kam ich in den Genuss der besten Paella im Umkreis von Alicante, der besten Lachsforelle, die jemals aus dem Bodensee gefischt wurde, dem besten Crêpes surprise weltweit. Und sicherlich habe ich an seinem Kamin den besten Landwein ever getrunken. Rotwein, den Papi sich auf einem kleinen französischen Landgut kistenweise während seiner Fahrten zwischen Deutschland und Spanien besorgt hatte.

Wie er mir, so ich Lotta-Filipa. Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Und so bekommt Hundi neben Rindermix mit Gemüse (ja, wir barfen seit Jahren) abends ein besonderes Schmankerl. Das Beste ist nämlich gerade gut genug für sie. Einen Markknochen, eine Beinscheibe, eine Knorpelleiste, einen Fleischknochen, ein Stückchen Luftröhre. Erlesene Leckereien, die zudem gut für Hundezähne sein sollen.

Hundi mit Paula und Hilde (v.l.n.r.) © Sabine Münch

Nicht die Rechnung mit Hundis Geschmack gemacht. Eher zufällig kam ich darauf, dass ich mich nicht quer durch Berlin bewegen muss, um ihr das Beste vom Besten zu besorgen. Lotta-Filipa is(s)t anspruchslos. Noch lieber als Beinscheibe, Markknochen, Luftröhre, Knorpelleiste oder Fleischknochen ist ihr ein altbackener Kanten trockenes Brot.

Vollends in Frage gestellt wurde Papis Devise Weihnachten 2016. Ich hatte für Lotta-Filipa und ihre beiden besten Kumpel Paula und Hilde lecker Leberwurstplätzchen gebacken. Mit viel Liebe und den allerbesten Zutaten – versteht sich. Freundin Sabine kredenzte dem Rudel Parmesankekse vom Discounter. Worauf hat sich die Meute gestürzt?

Na, auf was wohl? Auf die Fließbandware vom Discounter …

Advertisements

Kann dich (nicht) riechen

Über die Phasen unserer Beziehung wurde hier schon manches berichtet. Eher wenig darüber, wie Hundi zu ihresgleichen steht. Ich mag dich, ich kann dich nicht riechen. – Wie Hunde miteinander umgehen. Das ist eine Frage, die Halter vielfach umtreibt, bisweilen sogar aufreibt.

Mich nicht? Ist Hundi sozial etwa besonders verträglich? Ein Hund, der Artgenossen durch die Bank weg lieb hat, und sich bestens darauf versteht, potentiellen Konflikten aus dem Weg zu gehen?

Bedenke ich es recht, dann hat Hundi in ihrem Verhältnis zu seinen Artgenossen spezifische Phasen durchgemacht. Altersgerechte?

Hundi mit Kumpel Paula © Sabine Münch

Abgesehen von Boxern, die ihr damals sichtlich Angst machten, waren anfangs alle Hunde toll. Jeder wurde wedelnd begrüßt. Das Problem in dieser Phase: kaum ein Artgenosse interessierte sich für einen tapsigen Welpen namens Lotta-Filipa.

Kaum aus den Kinderschuhen entwachsen, plagte Hundi eine Phobie gegen Groß und Schwarz. Und das obschon Lotta-Filipas bester und ältester Kumpel Paula ein mittelgroßer schwarzer Hund ist, von dem sie sich im zarten Welpenalter viel abgeguckt hat. Anfangs äußerte sich ihre Aversion noch in Schwanz-Kneifen und Aus-dem-Weg-gehen-Wollen, später dann in kläffenden Allmachtsphantasien. Je größer der Hund, desto anhaltender und lauter wurde gebellt: Komm nur her, dich mach ich klein!

Noch keine drei Jahre alt, entwickelte Lotta-Filipa territoriale Ansprüche. Fremde Hunde im Steglitzer Kiez wurden mit böser Mine des Weges verwiesen und Einheimische, darunter auch Alteingesessene, die sehr viel länger im Kiez leben als Hundi, angekläfft. Mein Revier! Du hast hier nichts zu suchen.

Neuerdings, so meine ich zu beobachten, zeigt sich Lotta-Filipa im Umgang mit anderen Hunden konziliant (arrogant?). Alteingesessene und einheimische Hunde im Steglitzer Revier werden demonstrativ ignoriert (achtlos daran vorbeigegangen). Große und mittelgroße schwarze Hunde gelassen taxiert (ihr könnt mir eh nichts). Und Hunde, die demonstrativ Kontakt suchen, bisweilen sogar brüskiert: Nicht meine Kragenweite!

Die Halter im Kiez

Vor vier Jahren, genauer gesagt: am 20. Juli 2013, zog Klein-Hundi bei mir in Steglitz ein. Zeit genug also, um ihr Wesen, ihre Reaktionen und Vorlieben zu studieren. Längst kenne ich Lotta-Filipa aus dem FF. – Wie die Hunde und Halter im Kiez inzwischen auch.

Lotta-Filipa © Sabine Münch

Lange Zeit hielt ich es wie Lotta-Filipa : habe mich auf die Hunde konzentriert. Mit wem im Kiez steht sie auf Du und Du? Wen kann sie weniger gut riechen und welchem Artgenossen, der uns im Steglitzer Revier entgegenkommt, gehen wir besser aus dem Weg? Erst nach Monaten dämmerte mir, dass ich diesen Job Lotta-Filipa überlassen sollte. Sie kennt sich mit Ihresgleichen sehr viel besser aus als ich. Noch dazu hatte ich nun die Erfahrung gemacht, dass vielfach nicht die Hunde, sondern deren Halter das Problem sind.

Da gibt es die Sonambulen im Kiez. Nix gegen Traumwandler, aber ein Auge auf seinen frei laufenden Hund sollte man gelegentlich werfen.  Gilt selbstredend auch für jene, die sich statt mit dem Hund mit dem Handy beschäftigen.

Dann gib es solche, die einen Hund offenbar hauptsächlich zu dem Zweck halten,  soziale Kontakte zu anderen Hundehaltern zu knüpfen. Die einen – schlimmstenfalls während der ersten Gassirunde in Allerherrgottsfrühe – in Gespräche verstricken. Aus dem Weg – und zwar nicht nur Frühmorgens – sollte man tunlichst auch jenen Haltern gehen, die keinen blassen Schimmer davon haben, wie Hunde ticken. Die nicht wissen, was es bedeutet, wenn ein Hund den Schwanz kneift. Die ihren mit Karacho auf einen anderen zu rennen lassen, obwohl der sich demonstrativ quiekend auf den Rücken wirft.

In die Kategorie Worst Case fallen auch jene, die die schlechten Seiten ihres Hundes á la „Der tut nichts!“ oder „Das hat der noch nie gemacht!“ herunterspielen. Nicht viel besser sind allerdings auch diejenigen, die aus Liebe zum eigenen Hund erblindet sind. Die  Mobbing mit dem Kommentar „ist das nicht süß, wie meiner hinter Ihrem Hund her ist?“ versehen.

an kurzer Leine © GvP

Von jenen, die ihren Hund so gar nicht im Griff haben, müssen wir hier nicht zu reden. Dafür von einer Spezies, die uns im Kiez das Fürchten lehrte. Jene Halter, die ihrem Hund zwar lange Leine lassen. Ihm aber nichts zutrauen. Dem eigenen Hund nicht vertrauen. Die die Flexileine ebenso wenig unter Kontrolle haben wie ihren Hund,  den sie in fünf, sechs oder gar in acht Meter Entfernung laufen lassen. Die unfähig sind, ihren Hund zu stoppen, und hilflos zuschauen, währenddessen sich die Flexileine mit Lotta-Filipas Leine verheddert und dann um meine Beine wickelt. Ein gemeingefährlicher Kontrollverlust. Für Hundi und mich – für den Flexileinenhalter und den Hund , der daran hängt.

Kurzum: Seitdem wir die Runden im Kiez unseren Fähigkeiten entsprechend auskundschaften, läuft Gassi im Revier zumeist rund. Lotta-Filipa beäugt die Artgenossen und gibt mir unmissverständlich zu verstehen, wem wir auf der Tour aus dem Weg gehen sollten. Nie trügt sie ihr feines Gespür für die Launen der Hunde im Revier. „Du, der kleine Kläffer, der Rehpinscher, der mir nicht zum Bauch reicht, der ist heute echt schlecht drauf.“ Wir wechseln die Straßenseite.

Ich konzentriere mich auf die Halter. Meine ernüchternde Erkenntnis nach vier Jahren: Wir gehen mehr Haltern als Hunden aus dem Weg.