Nur spezielle Örtchen!

Dolcefarniente liegt Hundi gelegentlich, widerspricht aber ihrem Charakter. Dem entspricht Aktivität. Lotta-Filipa ist schnell bei der Sache, schnell von Begriff, von der schnellen Truppe und schnell auf den Beinen. Ganz so wie es sich für einen Rat Terrier gehört.

immer in Action © GvP

Gezüchtet wurde ihre Rasse in England um 1820. Zu dem Zweck, Ratten auf Farmen und Schiffen zu jagen. Ist der „Rattenvernichter“ (Rattler) in Best-Form soll er – in sage und schreibe  –  sechs Minuten  100 Nagetiere schaffen. Weshalb er bei Hundekämpfen ebenfalls zum Einsatz gekommen ist. Um das Gelände um die Arena herum zu säubern.

Dass Tempo und Action Lotta-Filipa in den Genen liegen, demonstriert sie mir seitdem wir zusammenleben. Action kann sie nicht genug kriegen. Nach einem 15 Kilometer langen Fußmarsch nicke ich auf dem Sofa ein. Hundi, die das Dreifache gerannt ist, schnappt sich ein Spielzeug: Los, faule Socke, mach schon!

„Atention Defectit and Hyperactivity Syndrom“ (AHDS), denke ich mir dann. Der Hund spinnt. Nun gut, räume ich ein, er leidet unter einem Gen-Defekt. 100 Ratten in sechs Minuten …

Zuwarten, abwarten, trödeln – nicht Lotta-Filipas Ding. Wäre da nicht ihre Suche nach dem speziellen stillen Örtchen, die meine Geduld alltäglich strapaziert.Überstrapaziert!

du kommst mit! © GvP

So es ums große Geschäft geht, ist Lotta-Filipa weder von der schnellen Truppe, noch schnell auf den Beinen. Nichts ist ihr recht, kein Örtchen passt. Dolcefarniente für den Hund, nicht aber für mich, da Hundi morgens an der Leine ist. Was heißt: ich  trotte während ihrer ausdauernden langanhaltenden Suche nach dem speziellen Örtchen im Park am Ende der Leine hinter ihr her. In Habacht-Stellung. Versteht sich. Falls es irgendwo doch passen könnte.

Hier nicht. Drei Schritte zurück. Wäre möglich. Schnupper. Schnupper. Geht doch nicht. Drehung nach links. Da vorne wäre es vielleicht möglich gewesen. Drei Schritte vor. Schnupper. Schnupper. Passt nicht. War am Eingang zum Park nicht eine Stelle, die mir gelegen vorkam? Liegt ziemlich weit hinten. Egal, was Gesine denkt. Sie geht zum Örtchen mit.

Und die Witzfigur – ich – trotte brav hinterher. Am hinteren Ende der Leine. Drei Schritte vorwärts, fünf zurück. Hundi dreht sich um die eigene Achse. Ich drehe mich mit. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt…

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Des Guten zu viel. Mit Hunden in Hof Grabow

Schwierig, verdammt schwierig ist es, mit drei Hunden zu verreisen. Ein Hund, für manchen Vermieter kein Problem. Zwei Hunde gehen bisweilen durch. Drei Hunde? Für viele Anbieter von Ferienwohnungen leider ein Tabu.

Hundeglück hoch3 © GvP

Umso erfreulicher, dass in Hof Grabow Rudelurlaub möglich ist. Das habe ich anlässlich Hundis 5. Geburtstag gebucht. Eine Woche Urlaub mit ihren beiden Kumpels Hilde und Paula.

Es ließ sich gut an. Weitläufiges Land mit vielseitigen Möglichkeiten zum Wandern und Auslaufen. 70 Minuten Autofahrt zum Hundestrand an der Ostsee, 30 Minuten in die Landeshauptstadt Schwerin. Auf dem Gut selbst zwei Auslaufgebiete von 15.000 und 30.000 qm, auf denen Hunde ihre Freiheit voll auskosten können. Für Spaß und Action sorgt in einem Auslauf zudem ein Hunde-Parcours, von dem Lotta-Filipa nicht genug bekommen konnte. Eine Pfötchendusche, Handtücher zum Abrubbeln für den freien Gebrauch, eine eigens eingerichtete Örtlichkeit zum Säubern, sollten die Vierbeiner zu verdreckt sein. Eine Leckerli-Bar mit all‘ jenen Schmankerln, die Hundeherzen höher schlagen lassen. Hunde auf dem Sofa oder gar im Bett? Auf dem Gut kein Problem. Sogar in den Fitness-Raum dürfen sie mit.

hopsen © Sabine Münch

Glück pur für unsere drei Hunde: Wälzen auf der großen Wiese, schnüffeln am Löwenzahn, rennen und tollen, über Reifen hopsen, Stöckchen und Bälle jagen, chillen auf dem Sofa. Eine ganze Woche lang. Aufenthalt im Hundeparadies!

Konzipiert ist der Aufenthalt auf Gut Hof Grabow komplett vom Hund her. Abstriche sollen die Halter machen. Tierwohl geht hier vor. Das spiegelte etwa die Ausstattung unserer Ferienwohnung wieder (wir hatten „Curtis“ vom 21. bis 28. April 2018 gebucht). Die beiden Aufenthaltsräume sind hundegerecht ausstaffiert. Vollgestopft mit riesigen Wohnlandschaften (zum Chillen mit Ihren Hunden) sowie diversen Hundesofas und –kissen in allerlei Größen und Farben, die auf der Homepage des Gutes zum Kauf feil geboten werden. Viel Platz für etwaige Bedürfnisse der Halter bleibt da nicht. Eine Möglichkeit, etwa um ein Glas mit Wein auf einem Abstell- oder gar einem Couchtisch in den Wohnzimmern zu platzieren, sucht man in Curtis ebenso vergebens wie eine Lichtquelle zum Lesen. Schade ist zudem, dass Curtis über keinen „Freisitz“ verfügt. Will man die Hunde kurz vor die Türe lassen oder draußen eine Zigarette rauchen, muss man mit dem Durchgang vom Parkplatz zum Haupthaus Vorlieb nehmen. Wenig attraktiv, erst recht nicht, wenn das Gut ausgebucht ist.

raufen © GvP

Sei’s drum. So es um Hundis Wohlergehen und Vergnügen geht, kann ich gut und gerne  auf Komfort verzichten. Was mir an dem Konzept allerdings missfiel, war der Umstand, dass die Betreiber offenbar vom „wort case“ ausgehen. Von der Annahme, dass auf ihrem Anwesen ausnahmslos unverantwortliche Halter mit Problemhunden Urlaub machen. Hunde, die dauerhaft kläffen und Ferienwohnungen demolieren, wenn man sie alleine lässt. Sozial unverträgliche Bestien, die sich auf ihre Artgenossen stürzen und bei Begegnungen mit fremden Ihresgleichen ausrasten. Nur so lässt sich die Hausordnung erklären, nach der auf dem gesamten Anwesen – mit Ausnahme der beiden Auslaufgebiete – generell Leinenzwang gilt und es untersagt ist, Hunde in den Ferienwohnungen alleine zu lassen. Für die Zeit etwa, die man für eine Fahrt zum nächstlegenen Discounter braucht, ist man angehalten, einen Hundesitter zu buchen.

schauen © GvP

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – das gilt in Hof Grabow leider nicht. Nachdem wir mit den anderen Gästen, die während unseres Aufenthaltes auf dem Gut Logie genommen hatten,  Absprachen betreffs Begegnungen mit unserern Hunde getroffen hatten,  erreichte mich eine harsche schriftliche Ermahnung von der Betreiberin, in der es unter anderem hieß: „Insbesondere ist es nicht zu diskutieren, vor allem nicht mit anderen Gästen, ob die Hunde außerhalb des Appartements und der beiden Hundeparks auch unangeleint sich begegnen können oder dürfen. Wir sind uns unseres Gesamtkonzeptes sehr bewusst und es ist sich absolut daran zu halten. Das ist auch für das Alleinlassen der Hunde so. Wir wünschen dies in keinster Weise. Auch wenn Sie dies in Ihrem Umfeld zuhause anders praktizieren, so ist das in Gänze bei uns zu unterlassen.“

guter Dinge sein © GvP

Schade, dass die Betreiber ihren Gästen Vernunft, Verantwortungbewusstsein und Hundekenntnisse komplett absprechen. Davon abgesehen, ein etwas freundlicher Ton wäre wohl auch angemessener gewesen. Sei’s drum. Wir hatten während unseres Aufenthaltes auf Gut Hof Grabow einen netten einvernehmlichen Kontakt zu unseren Mitbewohnern Anke, Gabi und Markus (nebst deren drei Hunden) und unsere Hunde viel Bewegung und Spaß. – Meine Devise: Guter Dinge sein, selbst dann, wenn es des Guten zu viel ist.

 

Herrchen hat gelesen: „Jasper und sein Knecht“ von Gerbrand Bakker

Seitdem ich auf den Hund gekommen bin, ticke ich anders. Ich sehne Schnee herbei, weil Lotta-Filipa daran Spaß hat. Bin bei Wind und Wetter draußen, weil sie Auslauf braucht. Habe meinen Frieden mit rohem Fleisch gemacht, weil das gut für Hundi ist. Und so weiter und so fort. Das allerdings gab mir dann doch zu denken.

Ich stöbere im Buchladen. Plötzlich ist Eile geboten. Ohne frische Lektüre will ich aber nicht gehen. Mich springt ein Cover an. Genauer gesagt, ein treuherziger Blick aus braunen Augen. Der Autor? Gerbrand Bakker? Nie gehört. Die U4? Interessiert nicht. Doch nur Marketinggewäsch. Ich eile zur Kasse. Must have! Weil ein Hund auf dem Cover abgebildet ist?

Irgendwie unangenehm war mir mein Einkauf schließlich doch. Ich hatte arge Befürchtungen. Niedlich anmutende Cover zieren jene Bücher eher nicht, die mir Lesegenuss bereiten. Und der Titel, „Jasper und sein Knecht“, ließ nun auch nicht unbedingt vermuten, dass mein Spontankauf in der anspruchsvolleren Liga mitspielt. Hoffen ließ allenfalls der Verlag, der die Taschenbuchausgabe 2017 herausgebracht hat. Obwohl. Auch Suhrkamp hat mich schon enttäuscht.

Kurzum, das Buch lag rum. Erst vor einigen Tagen fühlte ich mich stark genug, mich zu meiner Schwäche zu bekennen. Dass sich mein Verstand ausschaltet, wenn mich ein inniger Hundeblick trifft. Sogar dann, wenn mir sehr wohl bewusst ist, dass Marketing und Vertrieb genau darauf setzen.

Ich fasste Mut, machte mich an die ersten Seiten. Nach anfänglichen „Mühen der Ebene“, ganz leichte Kost ist Bakker nicht, ließ mich die Lektüre nicht mehr los. Titel und Cover führen auf eine falsche Fährte. Klar, es geht auch um einen eigenwilligen Hund namens Jasper. Um Auslauf und Freiheit, die sich ein ehemaliger Straßenhund nicht nehmen lässt. Es geht um Vertrauen und Bindung. Auch um Stubenreinheit, Wurmkuren, Tierarztbesuche; Petitessen allemal, die Hundehaltern vertraut sind.

Keine Hundegeschichte. Sondern  – in ihrer Offenherzigkeit nahezu skandalös anmutende – ehrliche Notizen eines Lebens in provinzieller Abgeschiedenheit mit Hund und Nachbarn. Gelegentlichen Abstechern nach Amsterdam, Reisen zu Lesungen und Preisverleihungen. Notiert wurden sie ab dem 3. Dezember 2014, der letzte Eintrag datiert vom 14. März 2016. Der Zeitraum als Gerbrand Bakker sein Domizil in der Eifel aus- und umbaute, ihn die Vergangenheit mehrfach einholte. Er hatte damals keinen Atem für einen neuen Roman. Der Verlag muss gedrängt haben: Hey, nach gut verkäuflichen Romanen braucht es endlich etwas Neues von dir. Bakker schrieb zwar keinen neuen Roman. Aber Tagebuch. Unter Zuhilfenahme von Briefen, Erinnerungen und älteren Blogeinträgen.

In den Protokollen öffnet sich einer, macht sich nackt. Offenbart seine Ängste und Selbstzweifel. Keine Hundegeschichte. Sondern ein immerwährendes, ehrliches Ringen um das Selbst. Der kraftzehrende Versuch, sich zu bewahren. Beim Gärtnern, bei der Betrachtung von Vögeln, der Bestimmung von Pflanzen oder Vögeln, beim Radfahren und ausgiebigen Runden mit Hund. Bakker ist ein besonders subtiler Beobachter. Hier: seiner selbst. Seiner Außen- und Innenwelt, zu der depressive Phasen und Erinnerungslücken gehören. Sein „langer Atem“ bei der Introspektion, der mir auf den ersten Seiten beschwerlich erschien, ist magisch. Bringt Seiten/Saiten zum Klingen.

Ein großer Wurf, dieses Tagebuch. Der letzte Eintrag allerdings… Da wäre mir Fiktion doch lieber gewesen. Dass Jasper aufgrund einer nicht diagnostizierten Epilepsie eingeschläfert werden musste, geht einer Leserin, die sich durch ein Hundecover verführen ließ, ans Gemüt. – Versteht sich.